Krach um Grönland: Warum Europas Macht im Zollkonflikt restriktiv ist

Der einzige Zollstreit, der in der zweiten Amtszeit des amerikanischen Präsidenten Donald Trump bislang so richtig eskalierte, war der Konflikt mit China. Nachdem Trump Anfang April einen Zollsatz von 34 Prozent auf chinesische Waren verhängt hatte, reagierte die Regierung in Peking mit einem Gegenzoll in gleicher Höhe. In kurzer Zeit schaukelten beide Seiten sich auf gegenseitige Zollsätze von mehr als 125 Prozent hoch. Nach vierzig Tagen gelang in Verhandlungen eine Einigung; beide Seiten senkten ihre Zölle drastisch. China kam als Druckmittel zu Hilfe, dass es in der Gewinnung und der Veredelung von Seltenen Erden ein nahezu globales Monopol hat. Die Verhandlungsmacht Pekings gegenüber Washington ist groß.
Die Europäische Union, die als Reaktion auf die von Trump angekündigten „Grönlandzölle“ Gegenmaßnahmen erwägt, hat eine solch erdrückend starke Verhandlungsposition gegenüber Washington nicht. In 293 von fast 16.000 Warengruppen der Handelsstatistik sind die Amerikaner zwar zu 100 Prozent von Waren aus der EU abhängig. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) für das vorvergangene Jahr. Dem Wert nach am wichtigsten sind unter den europäischen „Monopolgütern“ im transatlantischen Handel spezielle Flugzeugtypen oder bestimmte Militärhelikopter. Weit häufiger finden sich auf der Liste – dem Wert nach sortiert – ganz oben aber Käsesorten von Edamer über Gouda bis zu Romano, diverse Nudelarten oder Traubenwein. Diese Güter haben einen hohen Genussfaktor. Wirtschaftlich ist ihr Gewicht aber nicht so hoch wie Seltene Erden aus China.
Machtlos sind die Europäer trotzdem nicht. Die EU ist mit Abstand der wichtigste Handelspartner der Vereinigten Staaten, vor Mexiko, Kanada und China. In den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres importierte Amerika Güter und Dienstleistungen aus der EU im Wert von 667 Milliarden Dollar. Das ist mehr als doppelt so viel, als aus China in die USA versandt wurde.
Amerikas Abhängigkeit von der EU nimmt zu
Nach der Untersuchung des IW ist die Abhängigkeit der Vereinigten Staaten von Gütern aus der EU seit 2010 gewachsen. In mittlerweile 3120 der fast 16.000 Warengruppen machen die europäischen Güter mehr als die Hälfte der amerikanischen Einfuhr aus, in 466 Warengruppen davon gibt Deutschland den Ton an. Gemessen daran, ist die Importabhängigkeit der Vereinigten Staaten von der EU mittlerweile höher als die von China. Ein Importanteil von mehr als 50 Prozent ist üblicherweise nicht so schnell zu ersetzen. Das gibt der EU Verhandlungsmacht.
Als strategisch relevant – und wichtig für die Industrie – gelten unter den EU-Lieferungen in die USA 179 Warengruppen. Darunter fallen gemäß der IW-Analyse bestimmte chemische Stoffe und Medikamente wie Insulinpräparate, Maschinen, Spezialstähle oder mobile Kräne. Im Kreis der EU-Staaten stammt das Gros der strategisch wichtigen Lieferungen Richtung Amerika dem Wert nach etwa zur Hälfte aus Irland und zu einem Fünftel aus Deutschland. In Irland dominiert dabei die Pharmaindustrie. Deutsche Unternehmen liefern vor allem medizinische Geräte, Maschinen oder elektrotechnische Waren. Die Autoren der IW-Studie, Jürgen Matthes und Samina Sultan, schließen im Prinzip nicht aus, dass die EU mit Exportbeschränkungen wichtiger Güter Druck auf die Vereinigten Staaten aufbauen könnte. Sie empfehlen das aber nur als Ultima Ratio.
Die EU selbst denkt bislang vor allem an Einfuhrzölle auf amerikanische Güter. Weitergehenden Restriktionen oder Steuern auf amerikanische digitale Dienste als Software oder Datenspeicher steht entgegen, dass diese in Europa intensiv genutzt werden und ein schneller Ersatz nicht verfügbar ist. Das macht diese Dienste als Sanktionsobjekt weniger tauglich. Im Raum steht indes, eine Zollliste gegen amerikanische Güter im Wert von 93 Milliarden Euro zu aktivieren. Damit würde die EU nur einen Bruchteil der amerikanischen Einfuhr mit Zöllen belegen. Trump dagegen bedroht sechs EU-Mitgliedstaaten plus Norwegen und das Vereinigte Königreich mit einem Einfuhrzoll von 10 Prozent auf jegliche Einfuhr in die USA, weil sie Dänemark im Grönlandstreit unterstützen.
Zolleskalationen beeinflussen Trump nur begrenzt
Die Verhandlungsmacht der EU begrenzt, dass sie wirtschaftlich nur schwaches Wachstum vorweisen kann. Die negativen Effekte höherer Zölle auf die Wirtschaftsleistung wirken in Europa damit relativ stärker als in den USA, denen für dieses Jahr ein Wirtschaftswachstum von zweieinhalb Prozent oder mehr prognostiziert wird. Eine grobe Berechnung von Oxford Economics zeigt, dass Trumps Zolldrohung, träfe sie die gesamte EU und würde sie ebenso beantwortet, das amerikanische Wirtschaftswachstum um etwa ein Prozent und die Wirtschaftsleistung im Euroraum um etwa 0,4 Prozent drücken würde. Beide Regionen schädigten sich gegenseitig, doch die Europäer schmerzte es wegen des geringen Wachstums mehr.
Trump hat sich von Eskalationen in Zollkonflikten bislang nur begrenzt beeinflussen lassen. Weniger entschieden als China reagierte im vergangenen Jahr Kanada auf Trump mit Gegenzöllen. Kanada erreichte damit im nordamerikanischen Handelsraum nicht mehr als Mexiko, das sich kooperativer zeigte. Selbst China machte mit der Gegeneskalation zu Trump im Frühjahr 2025 nur gewisse Punkte. Der amerikanische Zoll auf Waren aus China beträgt nach Angaben des Peterson Institute for International Economics in Washington immer noch 47,5 Prozent und liegt damit mehr als doppelt so hoch wie vor einem Jahr. Trump verliert in dem Zollkonflikt aber Einfluss, weil die Chinesen sich anpassen: Der Anteil des chinesischen Exports in die USA ist von 20 Prozent im Jahr 2018 auf mittlerweile 10 Prozent gesunken.