Konzerthaus Berlin: Jetzt ist mal genug mit „Krise“!

Während alle vom Ende reden, vom Ende bisheriger Gewiss- und Sicherheiten, vom Ende des Westens als einer stabilen Wertegemeinschaft, von einem nahenden Ende vielleicht des kulturellen Lebens, wie es das westliche Europa auszeichnet, da lädt das Konzerthaus Berlin zu einem zweiwöchigen Festival ein, das vom Anfangen handelt. Genauso heißt es auch: „Festival vom Anfangen“, wobei der Titel – man hätte ja auch vom „Anfang“ sprechen können – so vorsichtig und offen gewählt ist wie derzeit wohl angebracht. Wo die große Unsicherheit ausgebrochen ist, will das Anfangen, das Suchen nach neuen Wegen, auch das In-Kauf-Nehmen eines Scheiterns erst wieder eingeübt sein.

In zwei Wochen wird das Konzerthausorchester gemeinsam mit dem RIAS Kammerchor Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ aufführen. Die Chefdirigentin des Orchesters Joana Mallwitz wird dirigieren. Für Tobias Rempe, seit dieser Spielzeit Intendant des Konzerthauses, war dieses Konzert Ausgangs- und Fluchtpunkt für das Festival. Der Schöpfung der Welt als biblischem Anfang gehen in den kommenden Wochen weitere Betrachtungen zum Thema „Beginn“ voraus: Das Chaos String Quartet präsentiert ein Programm, das epochenübergreifend das musikalisch gespiegelte Chaos der strengsten Kompositionsform, der Fuge, gegenüberstellt.

Der onkelhaften Süßlichkeit ist nicht zu trauen

Das Konzerthausorchester, Joana Mallwitz und die Bratschistin Tabea Zimmermann stellen in einem weiteren Programm unvollendet gebliebene Werke vor, darunter Franz Schuberts „Unvollendete“, und fragen, ob unfertig Gebliebenes vielleicht auf Schwierigkeiten mit dem Anfangen verweist; die Lautten Compagney Berlin und der Countertenor Reginald Mobley gehen mit Musik aus dem 17. Jahrhundert den frühen Spuren des „American Dream“ nach, einst die Verheißung für einen neuen Anfang; das Ensemble Unitedberlin mit Vladimir Jurowski führt Hans Werner Henzes Liederzyklus „Voices – Stimmen“ auf und erinnert an einen politisch denkenden Komponisten, der hier eine kommunistisch getönte Utopie entwirft.

Am Anfang des Anfangens stand im Eröffnungskonzert die 4. Symphonie von Gustav Mahler, ein Werk, das so etwas liefert wie eine musikalische Illustration des Ist-Zustands: Verzweifelt auf der Suche nach einer positiven Einstellung zum Welttreiben, am Ende, in der Vertonung des „himmlischen Lebens“ aus „Des Knaben Wunderhorn“ (gesungen hier von Camilla Tilling) mit einer Weltflucht in einen Himmel, der golden verbrämt doch wieder nur ein wenigstens paradiesisch weltliches Leben zeigt. In einer straffen, gänzlich unsentimentalen Aufführung zeigt Jonathan Nott am Pult des Konzerthausorchesters eindringlich, wie Mahler die Täuschung hier stets mitkomponiert: Der onkelhaften Süßlichkeit im ersten Satz ist nicht zu trauen. Wenn danach „Freund Hein“ aufspielt zum grotesken Totentanz, verbirgt sich hinter der angestrengten Lustigkeit der blanke Nihilismus; wenn im langsamen Satz die Schönheit melodienreich besungen wird, ist sie doch nicht von dieser Welt.

Die Leiterin des Trickster Orchestras Cymin Samawatie
Die Leiterin des Trickster Orchestras Cymin SamawatieMarkus Werner

Die Ratlosigkeit des Schlusses, der ein Einschlafen der Musik zeigt, wenn im Text doch von einem „Ermuntern“ der „Sinne“ die Rede ist, „daß alles für Freuden erwacht“, wird zum Ausgangspunkt für das eigentliche Anfangen in diesem Konzert. In einem wichtigen Signal wird die freie Musikszene, die seit der Corona-Zeit unter immer zunehmendem Finanzdruck steht, mit ins Boot geholt, Musiker des Konzerthausorchesters verbinden sich mit dem Trickster Orchestra und mit Sängern des Vokalensembles The Present zu einem „trans-traditionellen“ Orchester. Instrumente aus aller Welt kommen hinzu, die japanische Mundorgel Sheng, die arabische Nay-Flöte, die Kanun-Zither aus der Türkei, das Orchester wird in seinem Instrumentarium zum Abbild einer migrantischen Gesellschaft, die Vereinigung aller zum Symbol eines friedlichen Miteinanders.

Die Leiterin des Trickster Orchestras Cymin Samawatie hat zum Anlass ein Stück konzipiert, das den Festivalnamen als Titel trägt, in organisierter Improvisation werden Motive aus dem Mahlerschen Schlusssatz weitergereicht und in Klangeffekte gebettet. Hier, wie beim Stück „Amphiphilie“, das Samawatie mit Ketan Bhatti schrieb, fällt – auch im Vergleich zur exorbitanten Eloquenz Mahlers – bei all den neuen Klangfarben eine große Spracharmut der Musik auf. Dass am Konzerthaus das Anfangen gefeiert wird, kann allerdings kaum genug gewürdigt werden.

Source: faz.net