Kontroverse extra Nahost: Ägypten verbietet Buch „Was darf Israel?“

„Was darf Israel?“ heißt das Buch, das der Publizist Hamed Abdel-Samad und Philipp Peyman Engel, der Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“, im vergangenen Herbst herausgebracht haben. Darin liefern sich die beiden – in Briefen – ein kontroverses Streitgespräch über das Massaker der Hamas vom 7. Oktober, die israelische Antwort darauf, den Einmarsch in den Gazastreifen, den Vorwurf des „Völkermords“, Antisemitismus, die Lage im Nahen Osten und darüber, wie diese auf die gesamte Welt ausstrahlt. Das hier zwei auf besondere Weise über ein weltbewegendes Thema streiten, fiel nicht nur hierzulande auf. Der ägyptische Verlag Al Mahrousa nahm das Buch in sein Programm auf und wollte mit der arabischen Übersetzung zur gerade laufenden Buchmesse in Kairo herauskommen. Doch daraus wurde nichts. Die Behörden haben das Erscheinen verboten.

„Das regeln Diktaturen auf dem kurzen Dienstweg“

Darauf, sagt Philipp Peyman Engel im Gespräch, habe „bis zuletzt nichts hingedeutet“. Eine „offizielle Begründung“ dafür gebe es nicht. „Das regeln Diktaturen sozusagen auf dem kurzen Dienstweg. Was wir mitbekommen haben, ist: Der Verlag wurde massiv unter Druck gesetzt. Hamed und ich hatten uns seit Monaten auf die Veröffentlichung gefreut, weil in Ägypten ein solch offenes und streitlustiges Buch noch nicht verlegt wurde. Dabei soll es nun leider bleiben.“

In der „Süddeutschen“ äußerte Hamed Abdel-Samad die Vermutung, das Verbot könne auch mit seinem Roman „Die Wolkenfabrik“ zu tun haben, in dem es um Religionskritik und Sterbehilfe geht. Er glaube, sagt Engel, „beide Bücher liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, welches der ägyptischen Regierung in dem islamistisch geprägten Land weniger gut gefällt: das Buch über Religionskritik oder das Buch von einem Juden, der Israel verteidigt und scharfe Kritik an der Verlogenheit der angeblichen arabischen Solidarität mit den Palästinensern übt“.

Der Ko-Autor Hamed Abdel-Samad
Der Ko-Autor Hamed Abdel-Samaddpa

Es gebe „fast kein Thema, das so polarisiert und kontrovers diskutiert wird wie der Nahostkonflikt und Israels Reaktion auf den blutigen Terror der Hamas“, sagt Engel. Allzu oft werde „diese Diskussion jedoch ungemein feindselig geführt, polemisch, oft auch verletzend und unsachlich“, das wollten die beiden besser machen. Das Buch sei „hart“, Abdel-Samad und er seien seit Jahren Freunde, sie schenkten einander nichts und hätten immer wieder den Eindruck gehabt, der jeweils andere werde den Dialog abbrechen: „Hamed, als es um meine jüdische Sozialisation und angeblich blind zionistische Position geht. Ich, als ich ihm vorwarf, ungewollt antisemitisch zu argumentieren, wenn er Israel kontrafaktisch einen Genozid unterstellt, was für mich die Neuauflage der alten antisemitischen Ritualmordlegende ist.“ Auch bei krassen Gegenpositionen „zivilisiert miteinander zu diskutieren und zu streiten“, das sei das Ziel gewesen.

Bei Lesern im arabischen Raum könnten die beiden Autoren damit trotz des Verbots in Ägypten wohl doch ankommen. Die Reaktionen aus Ägypten seien „überwältigend“, sagt Engel. Man komme „gar nicht hinterher, die Mails mit Bitten von Ägyptern und anderer arabischer Leser, das Buch auf Arabisch per PDF kostenlos zu verschicken, zu beantworten“. Ägyptens Präsident Abd al-Fattah al-Sisi habe „mit dem Verbot das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Verbotene Früchte schmecken bekanntlich am besten“.

Source: faz.net