Konflikt im Nahen Osten: Welche Auswirkungen hat welcher Irankrieg aufwärts die deutsche Wirtschaft?

Die fünf großen Wirtschaftsforschungsinstitute erkennen im Irankrieg bislang keine ernsthafte Bedrohung für die deutsche Konjunktur. Die Ökonomen betonten in einer Umfrage der F.A.Z., dass die Unsicherheit groß sei. Die bisherige Reaktion an den Öl- und Gasmärkten sehen sie aber eher als undramatisch, solange der Konflikt nur einige Monate andauere.
„Ausweislich der bisherigen Reaktionen an den Energiemärkten sind die unmittelbaren Folgen für die deutsche Wirtschaft nicht gravierend, sofern der Konflikt auf wenige Monate beschränkt bleibt“, sagte Stefan Kooths, der Konjunkturchef des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), in Kiel. Kooths macht dazu folgende Rechnung auf: Blieben die Öl- und Gaspreise drei Monate lang auf dem jetzigen Niveau, würde der hiesigen Wirtschaft Kaufkraft in Höhe von gut fünf Milliarden Euro entzogen. Das entspräche ein wenig mehr als einem Tausendstel der jährlichen Wirtschaftsleistung, sagte Kooths. „Anlass zu nennenswerten Revisionen der Konjunkturaussichten gibt der Irankonflikt bislang nicht.“ Kooths spricht von „überschaubaren Dämpfern.“
Geschätzter Wachstumsverlust von 0,2 Prozentpunkten
Ähnlich äußerten sich die Konjunkturchefs des Deutschen Instituts zur Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, Geraldine Dany-Knedlik, und des Ifo-Instituts in München, Timo Wollmershäuser. Bislang sehen die Ökonomen den Konflikt im Nahen Osten vor allem als Kostenschock. „Kritisch wird es erst, wenn aus dem Konflikt ein echter Öl- und Transportschock wird, also wenn die Straße von Hormus länger beeinträchtigt bleibt“, sagte Dany-Knedlik. „Sollten die Rohöl- und Erdgaspreise nur für wenige Monate auf dem aktuellen erhöhten Niveau bleiben, weil der Konflikt schnell beendet wird, dürften die Auswirkungen auf Deutschland gering bleiben“, sagte Wollmershäuser.
Ifo und auch das RWI in Essen kommen in vorläufigen Schätzungen jeweils zum Ergebnis, dass der Krieg im Nahen Osten nach derzeitigem Stand das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr um knapp 0,2 Prozentpunkte drücken könnte. Das DIW rechnet gemäß der derzeitigen Terminkurse an den Öl- und Gasmärkten mit einem Minus von mit einem Minus von zwischen 0,1 und 0,2 Prozentpunkten.
Das wäre weniger als der positive Wachstumseffekt der zusätzlichen Arbeitstage in diesem Jahr, der auf etwa 0,3 Prozentpunkte geschätzt wird. Auch ein Minus von 0,2 Prozentpunkten ist für Deutschland freilich relevant, weil die Konjunkturforscher für dieses Jahr nur einen moderaten Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um rund ein Prozent prognostizieren. Der wird sich nach vorherrschender Meinung vor allem auf staatliche Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur stützen, die durch den Irankrieg kaum beeinflusst sein dürften. Zuletzt hatten vor allem der bessere Auftragseingang im verarbeitenden Gewerbe und ein leicht aufgehelltes Geschäftsklima Hoffnungen auf konjunkturelle Besserung geweckt.
Trotz des Krieges „halten wir am Bild einer fragilen Erholung fest“, sagte Oliver Holtemöller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Er wies darauf hin, dass die Energieversorgung weniger das Problem zu sein scheine. „Akut droht weniger physische Knappheit als ein Preis- und Unsicherheitsproblem“, sagte Dany-Knedlik vom DIW.
Inflationsrate könnte um 0,5 Prozentpunkte steigen
Die Auswirkung der bisherigen Preisanstiege für Energie auf die Inflationsentwicklung in diesem Jahr sehen die Institute leicht unterschiedlich. DIW und RWI erwarten nach derzeitigem Stand eine um 0,4 oder um 0,5 Prozentpunkte höhere Inflationsrate. Ifo setzt vorläufig ein Plus von 0,2 Prozentpunkten für die Inflation an.
Die Preissteigerungen, die sich schon deutlich an den Tankstellen zeigen, belasten die privaten Verbraucher und den Konsum, der sich im vergangenen Jahr ein wenig erholt hatte. Torsten Schmidt vom RWI wies zudem darauf hin, dass der Anstieg der Gaspreise ein erneuter Preisschock für Energieversorger und für die Unternehmen sei, die Gas für die Erzeugung von Prozesswärme nutzten. Die energieintensiven Unternehmen hätten den vergangenen Preisschock einigermaßen verdaut, sagte Schmidt: „Das wäre nun ein erneuter Rückschlag.“
Eine komplette Entwarnung vor schwereren Folgen eines längeren militärischen Konflikts im Nahen Osten sind die vorläufigen Einschätzungen der Ökonomen nicht. Wollmershäuser vom Ifo-Institut skizzierte das Negativszenario eines längeren Konflikts unter anderem mit einem Anstieg der Rohölpreise auf mehr als 100 Dollar und zusätzlichen Unterbrechungen der Lieferketten. In solch einem Fall könnten die gesamtwirtschaftlichen Einbußen ähnlich groß werden wie die des Zollschocks aus Amerika, sagte Wollmershäuser. Nach Ifo-Schätzungen drückt der Zollschock das deutsche Wachstum in den Jahren 2025 und 2026 um knapp einen Prozentpunkt.
Der Irankrieg könne die moderate wirtschaftliche Erholung in Deutschland nur dann abwürgen, wenn die Energiepreise dauerhaft hoch blieben und zentrale Transportwege im Golf für längere Zeit gestört seien, erklärte Dany-Knedlik vom DIW. Der Zwölftagekrieg im vergangenen Jahr habe in Deutschland nur einen kurzfristigen Energiepreis- und Unsicherheitsschock ausgelöst. Das sei ein „Dämpfer, aber kein Wachstumsknick“ gewesen, sagte Dany-Knedlik. Entscheidend sei gewesen, dass der Preisschub nur begrenzt angedauert habe: „Bleibt der Irankrieg räumlich begrenzt, ist der Zollstreit mit den Vereinigten Staaten ökonomisch gravierender, weil er als dauerhafter Gegenwind Investitionen und Exportchancen strukturell belastet.“