Komponist York Höller: Ohne Computer könnte ich nicht zusammensetzen“
Der Komponist York Höller, Jahrgang 1944, erhält am 26. Februar in Berlin den „Deutschen Musikautor*innenpreis“, der seit 2009 von der GEMA vergeben wird. Wir sprachen ihn vorab in Köln.
Sie sind jetzt 82 Jahre alt und komponieren weiter. Was ist Ihr jüngstes Werk?
Zuletzt habe ich ein kleines Klavierstück von etwa drei Minuten zum hundertsten Geburtstag von Pierre Boulez komponiert, das nun auch bei der Festveranstaltung der GEMA in Berlin aufgeführt wird. Es heißt „Signe ascendant“ („Aufsteigendes Zeichen“).
Mit Boulez waren Sie wie mit Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann früh im Kontakt. Welche Rolle spielten diese Komponisten für Ihre Entwicklung?
Um die Zeit meines Abiturs waren noch Bartók und Strawinsky meine Vorbilder, und 1964 trat die Wiener Schönbergschule in meinen Gesichtskreis. Ganz entscheidend war aber dann 1965 die Uraufführung der Oper „Die Soldaten“ von Zimmermann hier in Köln. Das war für mich wie ein Donnerschlag, der starke Auswirkungen auf meine kompositorische Arbeit hatte. Im gleichen Jahr lernte ich bei den Darmstädter Ferienkursen Boulez kennen; er holte mich in den Siebzigerjahren dann an das von ihm gegründete Pariser Forschungsinstitut IRCAM. Stockhausen habe ich 1970 beim Festival Warschauer Herbst kennengelernt, wo seine „Mixtur“ aufgeführt wurde. Diese Art von Live-Elektronik fand ich toll. Das waren prägende Jahre für mich.
Sie haben sich aber von der seriellen Musik, die unter anderem durch Boulez und Stockhausen repräsentiert wurde, abgewandt. Was waren die Gründe?
Die habe ich 1966 in meiner Diplomarbeit „Fortschritt oder Sackgasse? Kritische Betrachtungen zum frühen Serialismus“ dargelegt. Die Kritik lag allerdings schon in der Luft. Im Zentrum meiner Kritik standen das Moment der Determination des Materials und der Automatismus, der mit dem Serialismus der Fünfzigerjahre unweigerlich verbunden war. Das hat mich in meinen ästhetischen Anschauungen enorm gestört.
1990 hat Sie Stockhausen trotz allem zu seinem Nachfolger als Leiter des Kölner Studios für elektronische Musik gemacht. Welche Bedeutung messen Sie der Elektronik bei?
Die Elektronik hat uns Komponisten über das traditionelle Instrumentarium hinaus ganz andere Klangdimensionen eröffnet. Das hat mich fasziniert. Sie wurde für mich zu einem unverzichtbaren Mittel der Komposition. Ich habe mich vor allem mit der Synthese von Elektronik und instrumentaler Musik befasst. Mit dem Computer ging das ungebrochen weiter.
Der Computer spielt für Sie auch aus ganz persönlichen Gründen eine zentrale Rolle. Sie sind fast erblindet und brauchen ihn als Arbeitsinstrument.
Ja, anders könnte ich überhaupt nicht mehr arbeiten. Ich brauche vier Dinge: Einen Midiflügel, einen Computer mit dem Notensatzprogramm „Sibelius for the Blind“ und zwei Sampler vom Typ Proteus. Daneben habe ich einen zweiten Computer für den täglichen Gebrauch mit Sprachprogramm fürs Internet, für Google, GPT etc. Damit komme ich, Gott sei Dank, trotz meiner Blindheit gut zurecht. Ohne diese Möglichkeiten wäre mein Komponieren vor 15 Jahren am Ende gewesen.
Was bedeutet „Fasslichkeit“ für Sie? Das Wort taucht in Ihren Äußerungen immer wieder auf.
Dieser Begriff, den wir von Anton Webern her kennen, ist für mich absolut wichtig, und ich bemühe mich mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln, meine Musik so fasslich und nachvollziehbar wie möglich zu komponieren. Aber es ist klar: Das muss letztlich der Hörer für sich beantworten.
Welches wäre Ihr idealer Hörer?
Ich würde mir wünschen, dass er schon einige Hörerfahrungen mit der Musik des 20. Jahrhunderts hat. Das Problem ist leider heutzutage, dass in den Konzertprogrammen immer noch viel zu wenig neue Musik auftaucht, und die beginnt für mich schon mit Strawinsky, Bartók und Schönberg. Solche Hörerfahrungen müssen eben auch gemacht werden können, und wenn es kein entsprechendes Angebot gibt, dann hat man als heutiger Komponist schlechte Karten.
2004 haben Sie geschrieben: „Es wird Zeit, dass wieder mehr Geschichten erzählt werden.“ Was meinten Sie damit?
Es war immer meine Vorstellung, dass die Töne sozusagen ihre eigene Geschichte erzählen und aus sich heraus eine Folgerichtigkeit entwickeln sollten, die für den Hörer nachvollziehbar ist. Ich dachte nicht an außermusikalische Geschichten, und politische Agitation war schon gar nicht mein Ding. Ich beharrte stets auf der Autonomie der Musik.
Als in den Sechzigerjahren politische Geschichten in der Musik erzählt wurden, haben Sie sich rausgehalten. Trotzdem gibt es von Ihnen Werke, mit denen Sie zu aktuellen Fragen der Zeit Stellung beziehen.
Ja, zum Beispiel das „Epitaph für Jan Palach“ für Violine und Klavier. Das war der Student, der sich 1969 auf dem Wenzelsplatz in Prag aus Protest gegen den Einmarsch der Armeen des Warschauer Paktes verbrannt hat. Das hat mich sehr erschüttert, und dazu wollte ich Stellung beziehen. Aber Programmmusik ist das nicht.
Auch „Klangzeichen“ für Bläserquintett mit Klavier (2002/2003) hat einen realistischen Hintergrund.
Die Grundlage dieses Werks, das auch in Jerusalem aufgeführt wurde, ist eine Melodie aus der jüdischen Liturgie zum Versöhnungsfest Jom Kippur. Es endet mit einem imaginierten Tanz von israelischen und palästinensischen Kindern – was leider vorderhand eine schöne Utopie bleibt.
Und dann gibt es von Ihnen die große Oper „Der Meister und Margarita“ nach dem Roman von Bulgakow. Daran komponierten Sie fünf Jahre lang. Sie wurde 1989 in Paris uraufgeführt und in Köln und später auch in Hamburg, wo Sie dafür den Rolf-Liebermann-Preis erhielten, nachgespielt.
Diese Oper hat natürlich einen dezidiert politischen Hintergrund. Insofern, als hier ein Schriftsteller von der Staatsmacht aufgrund seiner Äußerungen verfolgt und in ein Irrenhaus gesteckt wird, aus dem er nur mithilfe seiner geliebten Margarita und eines schwarzen Magiers namens Voland wieder herauskommt. Ich möchte mal behaupten, das ist nicht einfach ein zeitgemäßes, sondern ein zeitloses Thema. Das Gleiche wiederholt sich ja unentwegt auf dieser Welt.
Wie geht es jetzt mit Ihrem Komponieren weiter?
Momentan habe ich eine kleine Schaffenspause. Als Nächstes denke ich an eine Reihe von Miniaturen oder Bagatellen, etwas Größeres habe ich im Augenblick nicht auf dem Schirm. Es soll auf jeden Fall weitergehen. Manchmal ist es zwar etwas mühevoll, aber ich bin hoch dankbar, dass es überhaupt geht. Sicher wird noch einiges kommen, wenn auch nicht gleich eine neue Oper.
Source: faz.net