Kommunalwahl in Frankreich: Der Kampf um Paris

Kultur spielt in Paris eine Rolle, die man nicht hoch genug veranschlagen kann. Umso mehr verwundert, dass sie bei den Kommunalwahlen, deren erste Runde am Sonntag stattfand, von den Kandidaten und deren Parteien nur am Rande thematisiert wird. Gewiss: die Mehrheit, laut manchen Quellen bis zu achtzig Prozent, des Pariser Kulturangebots wird durch den Staat getragen, nicht durch die Stadt. Aber die Gemeinde finanziert doch in Gänze zwölf Museen (darunter das Petit Palais, das Musée Carnavalet, das Musée d’art moderne de la Ville de Paris), fünfzehn Theater (etwa das Théâtre de la Ville und das Théâtre du Châtelet) und achtzehn Konservatorien, von vielen gemeinsam mit anderen öffentlichen und privaten Geldgebern finanzierten Institutionen ganz zu schweigen.
Der angrenzenden Banlieue mit einem Festival die Hand reichen
Zwar werden nicht einmal fünf Prozent des städtischen Gesamtbudgets von rund zehn Milliarden Euro für Kulturausgaben verwendet. Aber in absoluten Zahlen stellt der betreffende Budgetposten doch eine stattliche halbe Milliarde Euro dar. Ein Feuerwerk von Kulturideen zündete trotzdem keiner der fünf Anwärter auf das Bürgermeisteramt, die nach der ersten Wahlrunde noch im Rennen sind. Der Sozialist Emmanuel Grégoire, mit 38 Prozent der Stimmen klar in Führung, will das Lesen von Büchern fördern, ein Haus der feministischen Künste und Kulturen gründen, einen „Kulturpark“ zwischen Champs-Élysées und Tuilerien schaffen und den angrenzenden Banlieue-Städten mit einem jährlichen „Festival der Pforten von Paris“ die Hand reichen.
Die Linksextreme Sophia Chikirou (11,7 Prozent) verwahrt sich gegen die Vermarktung des Bauerbes und des öffentlichen Raums. Vor allem die in Kunststiftungen verwandelten historischen Gebäude, wie die Bourse de Commerce (Pinault Collection) oder die Grands Magasins du Louvre (Fondation Cartier), aber auch die geplante Umgestaltung der Champs-Élysées unter der Leitung des Generalsekretärs des LVMH-Luxusgüterkonzerns sind ihr ein Dorn im Auge.
Filmprojektionen auf begrünten Dachterrassen
Das mit Abstand originellste Kulturprogramm legt der Liberale Pierre-Yves Bournazel (11,3 Prozent) vor: Schaffung einer Villa Niki (benannt nach der Bildhauerin Niki de Saint Phalle) in der Art der Villa Médicis in Rom, Einrichtung von „Zonen für kreative Unternehmen“ mit Steuererleichterungen sowie Einführung einer Art einprozentiger Kulturtaxe auf alle öffentlichen Bauprojekte im Pariser Großraum, deren Budget 10 Millionen Euro übersteigt. Die Rechtsextreme Sarah Knafo (10,4 Prozent) und die Rechtspopulistin Rachida Dati (25,4 Prozent) setzen dagegen eher zopfig auf die Ankurbelung des Kunsthandwerks durch Renovierung von Kirchen beziehungsweise auf ein „Volksfest der darstellenden Künste“.
Das Kulturprogramm von Rachida Dati ist mit bloß neun Vorschlägen (darunter zwei, die auf längere Öffnungszeiten von Museen und Bibliotheken zielen) das ideenloseste von allen. Dabei sah Macrons letzte Kulturministerin zwischen ihrer Ernennung im Januar 2024 und ihrem Rücktritt im Februar dieses Jahres das Ministeramt kaum verhohlen als ein bloßes Sprungbrett für den Posten an, auf den sie seit Langem schielt: jenes der Bürgermeisterin von Paris. Doch trotz 25 Monaten Zeit, um sich vorzubereiten, ist ihr am Ende nichts Originelleres eingefallen als das Ausrichten sommerlicher Konzerte, Performances und Filmprojektionen auf begrünten Dachterrassen.
So spiegelt ihr Kulturprogramm in seiner Dürftigkeit ihr Wirken als entsprechende Ministerin wider. Auf viele Ankündigungen folgten wenige Taten, etwa im Fall der Projekte „Kultur auf dem Lande“, „Kulturpass“ und „Denkmalschutz“. Auf die Spitze trieb das Prozedere im Dezember die Beauftragung von Philippe Jost, der seit 2023 den Wiederaufbau von Notre-Dame geleitet hatte, mit einer Mission zur „tiefgreifenden Reorganisierung“ des krisengebeutelten Louvre – ein Vorhaben, das nie konkretisiert und im Februar sang- und klanglos annulliert wurde.
Womöglich der eigenen Unfähigkeit bewusst, mied Dati als Regierungsmitglied auch das Festival d’Avignon, wo sich seit Jahrzehnten jeder Kulturminister im Juli zeigt, und verweigerte als Anwärterin auf den Pariser Bürgermeisterposten jede Debatte mit Konkurrenten. Ihr mäßiges Abschneiden in der ersten Wahlrunde verringern ihre Chance auf Erfolg. Sollte Dati wider Erwarten doch gewählt werden, droht eines von mehreren gegen sie laufenden Justizverfahren, sie schon im September hinter Gitter zu bringen.
Source: faz.net