Kolumne „Zurück zur Natur“: Eine Wollmütze pro Europäer ist zu wenig
Wildtierherden suchen Weideplätze und Wasserstellen im Wechsel der Jahreszeiten auf, sie ziehen umher. Eine Schafherde, deren Milch, Fleisch und Wolle die Menschen nutzen, zieht mit dem Hirten, seinen Hütehunden und Packeseln weiter. Der Hirte führt sie ganzjährig so, dass sie immer satt werden. In Berglandschaften kommt im Sommer der Almauftrieb und im Herbst der Almabtrieb zurück ins Tal. Es ist ein archaischer Rhythmus. Den Ortswechsel in der Wanderweidewirtschaft nennt man Schafübertrieb oder Transhumanz: Ein Hirte dirigiert seine Herde zum saisonalen Futterangebot.
Es handelt sich bei den Hirten aber nicht um Nomaden, sondern um sesshafte oder halbsesshafte Bauern. 2023 wurde die Transhumanz von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe erklärt – so wie zuvor der argentinische Tango oder der italienische Geigenbau. „Das Immaterielle Kulturerbe vermittelt Kontinuität und Identität, prägt das gesellschaftliche Zusammenleben und leistet einen Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung.“, sagt die UNESCO.

In Walter Aigners gerade fertiggestelltem Dokumentarfilm „Die Wolle. Der Mensch. Das Schaf“ begleitet der Filmemacher den rumänischen Schäfer Adrian ein Stück auf einer solchen Wanderung. Der Siebenbürgener Hirte schläft am Boden, eingehüllt in den Koschok, einen riesigen schweren Schaffellmantel mit langer Wolle, die nach außen getragen wird. Zehn bis zwölf Felle sind in einem Koschok verarbeitet. Morgens, wenn er noch im Dunkeln aufsteht, faltet er den Koschok, das geht nur zweimal, und lädt den Teppichmantel einem der grauen und falben-farbenen Packeselchen auf den Rücken. Es glimmt ein Feuer, ein schwarzer Kessel hängt darüber, aus einem Glas mit Schraubverschluss löffelt Adrian Kaffeepulver in einen Becher.
Die Sonne ist eine gelbe, leuchtende Scheibe am schwarzen Himmel, ein Tagesmond, der für später Wärme verspricht, wenn die Celsius-Kurse gestiegen sind. Nie ist es so kalt wie kurz vor Sonnenaufgang. Man kann die Morgenkälte förmlich spüren in Walter Aigners Aufnahmen. Wenn die Kamera mit der Drohne den Zug der Herde im Tageslicht überfliegt, werden die Distanzen erfahrbar, die der Mensch und seine paar Hundert Schafe zurücklegen während der Transhumanz. Mal streckt sich der Zug in eine lange Karawane, mal laufen die Schafe in einer kompakteren, kreisförmigeren Formation, je nachdem, ob sie sich eine Straße entlang oder über Grashügel einer weiten Landschaft bewegen.
Ihre Überquerung einer Autobahnbrücke macht die unterschiedlichen Geschwindigkeiten von Maschinen und Hufgängern augenfällig. Der österreichische Schauspieler Harald Krassnitzer ist nicht nur der Sprecher von Aigners Dokumentarfilm, sondern hat ihn maßgeblich dazu inspiriert. Immer weniger werden die Schafe in den europäischen Kulturlandschaften, die sie mitgeschaffen haben, erklärt er anfangs. Noch seltener, heißt es im Film, sieht man die Hirten Europas.
Sie sorgen für blühende Wiesen
In Deutschland gibt es auch nur noch etwa hundert von ihnen. Auf einem Asphaltboden richten Schafe nichts aus, aber für die Natur tun die wandernden Herden unfassbar viel. Sie verhindern Verbuschung, sie sorgen für Offenland, für blühende Wiesen. Müssten Menschen diese Flächen durch Mähen freihalten, wäre das nicht zu schaffen. Die wandernden Schafe verbreiten Pflanzensamen über Ländergrenzen hinweg. Ihre Spalthufe mit den zwei Klauen (Zehen) garantieren nicht nur sicheres Fortkommen auf felsigen Untergründen. Klauenhufe treten den Boden gespalten und sorgen für seine Belüftung und für die Einarbeitung des Schafskots in den Boden. Über ihr Fell und ihren Kot transportieren und verteilen Schafe auch Pflanzensamen über weite Strecken und sorgen so für Verbreitung und Vervielfältigung der Pflanzen.
Fernsehberichte enthalten auf Deutschland bezogene Zahlen, etwa, dass früher ein Kilo Wolle 15 Mark erlöste, während es aktuell etwa 20 Cent sind. 5000 Tonnen Wollen fallen pro Jahr in Deutschland an. Ein Bauer müsste neun Euro pro Kilo gewaschene Wolle bekommen. Aber schon das Waschen ist ein Problem hierzulande. Anlagen zur Wollwäsche werden nur noch in Belgien, Österreich und Polen betrieben, nicht mehr in Deutschland.
Seit Jahrtausenden haben Schafe und ihre Wolle die Kultur geprägt, die Industrialisierung vorangetrieben, sagt Aigners Film und geht der Frage nach, was aus diesem so bedeutenden Rohstoff geworden ist. Der traurigste Anblick in dem das Hirtenleben keineswegs romantisierenden, trotzdem so schönen Film ist ein Berg brennender Wolle, absichtlich angezündet, um zu vernichten, was sich nicht verkaufen lässt.
Kleidung, Teppiche, Kunstwerke aus Wolle
Aigners Ausgangspunkt ist die Tatsache, dass Schafhaltung Geld erlöst mit Käse und Lammfleisch, aber nicht mehr mit Wolle. In seinem Film stellt er Unternehmen vor, die das ändern wollen und mit Wolle arbeiten, Menschen, die Kleidung, Teppiche, Kunstwerke aus Wolle herstellen und die Qualitäten dieses Rohstoffs herausarbeiten. Die Wirtschafts-These von Aigners Film ist, dass in den Preis industriell hergestellter, nicht-natürlicher Stoffe die Kosten für deren zum Teil erdöl- und chemie-intensive Herstellung und spätere teure Entsorgung eingerechnet werden müssten, die ökologischen Kosten für die Gesellschaft. Dann wären sie nicht mehr so viel billiger als Wolle.
Die These über Wolle als Material lautet, es gibt zwar das Kriterium der Wollfeinheit, aber die hat mit Regen und Kälte zu tun, von mehr Nässe und Kälte in einer Gegend wird deren Wolle gröber. Es gibt aber für Wolle von jedem Feinheitsgrad das richtige Einsatzgebiet, wie Aigners Experten erklären. Der Film zeigt Beispiele. Swisswool in der Schweiz hat ein Sammelsystem für Wolle geschaffen: Die Bauern geben an die Firma ab, die Firma sucht für jede Wollart die passenden Käufer wie die Matratzen- und Bettindustrie. Aber auch Dämm-Materialien für Wärme und Akustik werden aus Wolle gemacht.
Die Portugiesin Rosa Pomar setzt sich für die Wolle ihres Landes ein und produziert Strickgarne. Sie sagt, Weichheit werde überschätzt, schließlich seien Strapazierfähigkeit und Langlebigkeit auch Kriterien. Italienische Schafhalternetzwerke, französische Wissenschaftlerinnen und südschwedische Woll-Unternehmerinnen hat Walter Aigner besucht. Was Schafe mit Kohlenstoffbindung und Wasserkreisläufen zu tun haben, erfährt man nebenher. Die wichtigste Erkenntnis des Films aber teilen alle von England bis in die Karpaten: Alle Europäer müssen wieder mehr Wolle tragen und sich mit Wolle zudecken. Die derzeit 150 Gramm pro Jahr? Eine Mütze pro Europäer, das ist zu wenig.
Source: faz.net