Kolumne: Ganz naher Osten: In welcher Transformation vereint: Was jetzt sekundär den Westdeutschen bevorsteht
Die Ostdeutschen wissen recht genau, was Umbruch bedeutet. Jetzt erreicht die Transformation erstmals den alten Teil der Republik. Ob er diesmal etwas lernen will?
Die Neigung, die eigene Vergangenheit zu sentimentalisieren, korreliert bekanntlich mit dem Altern. Zuweilen vereinigt sie sich mit der wachsenden Überforderung, die prekäre Gegenwart zu bewältigen. Und so gelange ich zu gar merkwürdigen Gedanken, zumal dann, wenn wieder eine Kolumne ansteht.
Das ist zum Beispiel der Kalte Krieg: War er nicht hübsch übersichtlich? Hier die Guten, und dort die Bösen, je nach Perspektive, die mal mehr, mal weniger obrigkeitsvermittelt war.
Immerhin erleichterte diese Einteilung der Welt die Einordnung der eigenen Existenz. Für jede Seite existierte ein eigenes, identitätsstiftendes Angebot. Es gab Vespa und Schwalbe, Schogetten und Schocarres, Macintosh und PC 17/15.
Es gab eine Bundesrepublik Deutschland und eine Deutsche Demokratische Republik. Es gab eine CDU mit Westbindung und eine CDU mit Moskau-Anschluss. Es gab eine Europäische Gemeinschaft und einen Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe.
© Sascha Fromm
Ganz Naher Osten
Martin Debes berichtet als Reporter im Hauptstadtbüro des stern oft über Ostdeutschland. In seiner Kolumne schreibt der gebürtige Thüringer auf, was im „Ganz Nahen Osten“ vorgeht – und in ihm selbst
Und ganz wichtig: Es gab einen Nordatlantikpakt und einen Warschauer Pakt. Der Krieg zwischen beiden hätte wohl unweit von meinem Elternhaus begonnen, irgendwo zwischen Fulda Gap und Thüringer Becken.
Eine der beiden Parallelwelten ist längst vergangen. Jetzt existiert jeweils nur noch eine Angebotsvariante – und dies ist in der Gesamtbetrachtung und unter spezieller Würdigung des eben genannten Fulda Gaps auch gut so. Es sind einfach zu viele Dinge, die ich vor 1990 weder tun noch lassen durfte und seitdem sowohl tun als auch lassen kann. Allein schon die Vorstellung, als Informatik-Ingenieur, der ich ausweislich meiner Studienzulassung in der DDR geworden wäre, im VEB Robotron Sömmerda einen aus der BRD geklauten Chip für den PC 17/45 zu kopieren, mildert jeden Nostalgieschub erheblich ab.
Was jenseits der Erinnerung an den mehlig-süßlichen Geschmack der Schocarres bleibt, ist die Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn auf einmal alles weg ist: der Staat, die Parteien, die Organisationen, die Unternehmen, die Produkte, der Wirtschaftsraum, das Verteidigungsbündnis und das ideologische Konstrukt drumherum. Und diese Erfahrung, die für viele schön und selbstbestimmt, aber für viele andere schwierig und schambehaftet war, haben zumindest jene, die in der DDR sozialisiert wurden, den allermeisten Westdeutschen voraus. Jene, die noch den Zusammenbruch 1945 bewusst erlebt haben, werden schließlich immer weniger.
Transformation, aber nur für die Ostdeutschen
An diese Erfahrung schloss sich an, was Soziologen in akademischer Nüchternheit, die unfreiwillig euphemistisch klingen kann, als Transformation bezeichnen. Eine neue Arbeit musste gefunden werden, oft auch ein neuer Arbeitsort, ansonsten blieb der demütigende Gang zu diversen Ämtern. Die östliche Gesellschaft teilte sich in Gewinner und Verlierer, während man kollektiv versuchte, aus den alten und neuen Versatzstücken ein angepasstes Glaubenssystem nebst Seinsgrund zu basteln.
Wenn also über das aktuelle Wahlverhalten der Westdeutschen nachgedacht wird, und darüber, dass sie den Brüdern und Schwestern im Osten nachzueifern scheinen, sollte unbedingt mitgedacht werden, dass gerade eine Premiere in der Geschichte der westlich geprägten Bundesrepublik ansteht – ein Umbruch, der nicht nur einzelne Gruppen wie die Kohlekumpel im Ruhrgebiet betrifft, sondern ihre gesättigte, veränderungsfaule Gesamtheit. Erstmals ist ihr Kern bedroht, einschließlich wirtschaftlichem Geschäftsmodell, sozialer Absicherung und politischer Verfasstheit.
Selbst die äußere Sicherheit erscheint nicht mehr gewährleistet. Inzwischen ist es fast egal, was der in vielerlei Hinsicht pathologische US-Präsident erratisch äußert. Das Vertrauen in die zentrale westliche Schutzmacht ist schon jetzt dahin. Würde nicht die Ukraine in ihrem Existenzkampf die russischen Kräfte binden, wäre das Bedrohungsszenario für die europäischen Nato-Staaten noch realer, als es ohnehin ist.
Wenn Gewissheiten erodieren
Die Westdeutschen beginnen zu ahnen, wie es ist, wenn Gewissheiten erodieren oder sich gar auflösen. Die Verunsicherung ist groß. Was passiert, wenn das Wirtschaftswunderland tatsächlich abbrennt und die transatlantische Brücke einstürzt? Und was passiert, wenn die KI dann wirklich auch noch den Rest umstürzt?
Nichts von dem, was die alte oder vereinte Bundesrepublik an Krisen erlebte, vom Öl-Schock über die Finanzkrise bis hin zur Corona-Pandemie, hat sie darauf vorbereitet, was ihr jetzt bevorsteht: eine epochale Transformation, die von dem, was einst die BRD war, nur sehr wenig übrig lassen wird.
Wie wird es den östlichen Bundesbürgern dabei ergehen? Nun ja. Eine bemüht ironische Antwort könnte lauten: Wo wenig Industrie und Vermögen ist, kann auch weniger zerstört werden.
Ansonsten gehen selbst die wissenschaftlich begründeten Meinungen darüber auseinander, ob die Ostdeutschen das, was sie in der DDR, während des Umbruchs und danach erlebten oder was sie als Erfahrung ererbten, im Durchschnitt resilienter oder verletzlicher gemacht hat. Wahrscheinlich stimmt beides, was ebenso wenig ein Widerspruch wäre wie die ostdeutsche Gleichzeitigkeit von autoritären und antiautoritären Reflexen.
Die Hoffnung kommt aus Leipzig
Oder? Vielleicht wäre das systematische Nachsinnen darüber eine lohnende Aufgabe für jene Institution, die für viele Millionen Steuereuros in Halle an der Saale gebaut werden soll. Die diffuse Bezeichnung „Zukunftszentrum für Deutsche Einheit und Europäische Transformation“ nötigt ebenso zur Skepsis wie die sportliche Ansage, dass die angeblich 2028 beginnenden Bauarbeiten im Jahr 2032 abgeschlossen sein sollen.
Was jedoch frische Hoffnung spendet, ist die designierte Programmdirektorin. Uta Bretschneider ist mit Anfang 40 nicht nur jung genug, um noch vor der Pensionierung die Eröffnung ihrer Wirkungsstätte erleben zu können. Sie hat auch bewiesen, dass sie um ihre Aufgabe weiß. Als Chefin des Zeitgeschichtlichen Forums in Leipzig zeigte sie, wie das nach dem Weltkrieg entstandene ostdeutsche Wesen derart klug und interessant dargestellt werden kann, dass es sogar Westdeutsche verstehen könnten.
Falls Uta Bretschneider in Halle das fortsetzen darf, was sie in Leipzig begann, könnte das sogenannte Zukunftszentrum auch dazu dienen, den traumatisierten Westdeutschen zu erklären, wie es nach einem Umbruch weitergehen kann. Und die Direktorin dürfte eine Dauerausstellung inklusive Happy End kuratieren. Thema: Wie sich die Deutschen in der gemeinsamen Transformation doch noch vereinten.
Source: stern.de