Kohl and the gang: Warum stillstehen plötzlich ganz gen Cabbagecore?
Von der Burberry-Kampagne im Kohlacker bis zum Rotkohlpullover bei Alexander McQueen: Kohl ist das It-Gemüse der Saison. Manche mutmaßen, der Kreuzblütler habe sogar Zohran Mamdani zum Wahlsieg verholfen. Was steckt hinter dem Hype?
Rotkohl inspirierte jüngst auch das Modehaus Alexander McQueen
Foto: Imago/Zoonar/Frank Wagner
Das Kilo Kohl liegt aktuell bei etwa 95 Cent und vielleicht sollte man vorsichtig sein, wenn man Trends beurteilt, die unter anderem auf einer sich zuspitzenden ökonomischen Situation beruhen. Folgendes ist nämlich los: Der Kohl ist nicht nur das Gemüse der Stunde.
Es gibt derzeit einen großen Kohltrend, der über die Küchenzubereitung des Kreuzblütlers hinausgeht. Die New York Times bezeichnete den Kohl als „Gemüse des Jahres“. Und der Trendbericht „Pinterest Predicts“ sagt für das Jahr 2026 voraus, dass die Begeisterung für Kohl einen Höhepunkt erreichen wird. Man nennt den Trend Cabbagecore.
Der äußert sich derzeit folgendermaßen: Wir sehen Kohl, rot und angeschnitten, als Muster auf einem Fleece-Pullover von Alexander McQueen. Wir sehen Kohl im Blumenbouquet in einer Werbekampagne für die Kollektion von Highgrove und Burberry.
Die Designerin Sandy Liang hatte eine Kohl-Tasche in ihrer Frühjahrskollektion 2025. Und Kohlmotive finden wir auch in der Keramiklinie von Tory Burch oder als Tischschmuck von Buccellati.
Sexy geradezu. Beim Kohl ist optisch was los
Selbst in Taiwan ist der Kohl los. Der Fernsehsender CNN berichtet, dass im Nationalen Palastmuseum in Taipeh eine ganz bestimmte Attraktion die Menschen anzieht. Und wenn das Exponat auf Reisen ist – wie letztes Jahr, da war es in Prag –, dann verlangen die Leute ihr Geld zurück. Eine Skulptur aus Jade. 19. Jahrhundert, also gar nicht so alt.
Sie war mal im Besitz einer Konkubine des chinesischen Kaisers, also nicht mal im Besitz des Kaisers persönlich. Man versteht deswegen nicht sofort, warum dieses Kohlblatt so etwas wie die Mona Lisa des Museums sein soll. Sie hat sogar ihren eigenen Ausstellungsraum. Warum der Kohl zum Star wurde? Weil er so realistisch aussieht, vermutet man im Museum.
Placeholder image-1
Und ja, Kohl ist doch auch wirklich sehr schön. Die pralle Dichtheit des Körpers, die Rundungen. Sexy geradezu, weiblich. Und die Strukturen im Querschnitt oder die Kräuselung an der Oberfläche, wie etwa beim Wirsingkohl, stehen für eine Ästhetik, die weniger clean ist als die vorherrschende Ästhetik der Vorjahre. Beim Kohl ist optisch viel mehr los.
Wie Zohran Mamdani auf den Kohl kam
Dabei ist der Kohl als Gestaltungsmittel nicht neu. Nehmen wir die Glasschüsseln, die in vielen bundesdeutschen Haushalten stehen und deren äußere Struktur von einem Kohlblatt abgenommen zu sein scheint. Die Blätterschüssel aus der Serie Aspen steht seit den 1980er oder 90er Jahren in den Küchen der Eltern und später dann der ausgezogenen Kinder, und vielleicht ist der Kohl-Boom auch damit zu erklären, dass uns ein 90er-Revival ja schon länger begleitet – in den verschiedensten Bereichen.
Und glauben wir Bordallo Pinheiro, einem portugiesischen Keramikunternehmen, 1884 gegründet, hat deren Kohlserie auch gerade Konjunktur. Ein Keramikgeschirr in Grün, mit Kohlstruktur verziert. Die Firmensprecherin sagte kürzlich, die Firma verzeichne eine steigende Nachfrage.
Und könnte der Kohl auch der Grund sein, warum New York endlich wieder einen linken Bürgermeister hat? Zumindest hat Zohran Mamdani im Wahlkampf einen Kohlkopf in den Armen gehalten, als er ein Video mit Anna Archibald und Kevin Serai aufnahm, den Betreibern der Seite cabagges.world, zwei Food-Content-Kreatoren. Vielleicht ist es aber auch nur ein Zeichen, dass der Politiker den richtigen Riecher hat, wenn es um aktuellste Trends geht.
Auf TikTok gehen Kohlrezepte viral
Denn der Kohl kommt aus der Küche. Und dort muss man auch den Ursprung dieses Trends verorten. Mit Corona entstand ein Bedürfnis, Essen herzustellen, das länger lagerbar ist. Fermentation, Kimchi – die Leute mussten sich beschäftigen.
Die englischsprachige Vogue schrieb kürzlich Folgendes über den Kohl: Er „kann eine leere Leinwand sein“, ein Träger für Butter, Soßen. Kohl kann man füllen, braten, schmoren oder dämpfen. Man kann alles damit machen. Vorzüge des Kohls außerdem: wächst ganzjährig, ist günstig, enthält viele Ballaststoffe, Vitamine und Antioxidantien. Also gehen auf TikTok mittlerweile Kohlrezepte viral.
Was hat es denn jetzt mit dem Siegeszug dieses Gemüses auf sich, das nicht phallusartig wächst, das ungeordnet aussieht, günstig und vielseitig ist? Nun, es sind genau diese Merkmale die ihn bedingen. Wir müssen uns günstig ernähren und wollen die ungeordnete Kraft des Weiblichen. Ist doch klar.