„Koha Ditore“: Flaggschiff des freien Journalismus im Kosovo in Not

Das wichtigste Medienhaus des Kosovos kämpft um seine Zukunft. Auf der Internetseite von „Koha Ditore“ („Die tägliche Zeit“) erschien am Dienstag ein Solidaritätsaufruf in eigener Sache, in dem die Leserschaft um Unterstützung gebeten wird. „Wirtschaftlicher Druck“ erschwere es der Redaktion in wachsendem Maße, die zu Recht erwarteten Standards aufrechtzuerhalten. Deshalb bitte man um Hilfe: „Ihr Beitrag hilft uns, unabhängig zu bleiben, in Recherche und Mitarbeiter zu investieren, uns mit Themen zu befassen, die Zeit und Verantwortung erfordern, und Fehler zu korrigieren“, heißt es in dem Schreiben von „Koha“, wie das Medienhaus im Kosovo meist verkürzt genannt wird. „Wenn Sie diese Art von Journalismus schätzen, wenn ‚Koha‘ über die Jahre eine Informationsquelle war, der Sie vertraut haben, dann macht Ihre Unterstützung einen Unterschied.“
„Die Probleme verschärften sich mit der Pandemie“
Gerüchte, dass es dem Verlag nicht gut gehe, waberten schon seit einiger Zeit durch Pristina. Seit dieser Woche sind sie Gewissheit. Im Gespräch mit der F.A.Z. erläutert Flaka Surroi, Eigentümerin und Geschäftsführerin von „Koha“, wie sich die Krise dieses Flaggschiffs des seriösen Journalismus in Europas jüngstem Staat über die Jahre verschlimmert hat: „Die Probleme verschärften sich mit der Pandemie, als wir gezwungen waren, den Druck einzustellen – zunächst, weil wir die Zeitung nicht mehr ausliefern konnten, und dann, weil die Preise für Papier und alles andere in die Höhe schossen.“ Die durch die Einstellung der Printausgabe verlorenen Werbeeinnahmen erwiesen sich als unersetzlich.
Besonders schmerzhaft war das, weil „Koha“ – anders als viele andere Medien im Kosovo – keinen „Auftragsjournalismus“ betreibt und streng auf redaktionelle Unabhängigkeit achtet. „Wir lassen uns beispielsweise nicht unter der Hand dafür bezahlen, während Wahlkämpfen falsche Meinungsumfragen zu veröffentlichen“, sagt Surroi. Sie muss nicht betonen, dass einige andere Medien in ihrem Land genau das tun.
Die Krise bei „Koha“ hat aber auch mit einer gescheiterten Paywall-Strategie zu tun. „Wir haben 2021 für alle unsere Inhalte eine Bezahlschranke eingeführt, um den Nutzern zu vermitteln, dass Journalismus nicht von Luft leben kann und dass die Produktion verlässlicher Informationen sowohl personelle als auch technische Kosten verursacht“, sagt Surroi. Doch diese Einsicht ist im Kosovo nicht mehrheitsfähig. Die allgemeine Reaktion sei gewesen: „Warum sollten wir für Nachrichten bezahlen?“ So führte die Bezahlschranke vor allem zu einem Wegbrechen der Leserzahlen, was dann wiederum redaktionelle Folgen hatte. Quellen wandten sich ab, weil sie den Eindruck hatten, was hinter der „Koha“-Bezahlschranke stehe, werde ohnehin nicht zur Kenntnis genommen. „Also mussten wir die Idee aufgeben, die Menschen dazu zu bringen, für das zu bezahlen, was sie konsumieren“, fasst Surroi zusammen. Deshalb habe man sich nun entschlossen, einen Unterstützungsaufruf „an wohlmeinende Menschen“ zu richten, „die glauben, dass professioneller und unabhängiger Journalismus nur bestehen kann, wenn er fern von intransparenten Finanzierungsquellen und anderen Interessen funktioniert“.
Aus von „Koha“ wäre ein Schlag für die Kultur des Landes
Es wird noch eine Weile dauern, bis sich abschätzen lässt, ob der Aufruf die erhoffte Resonanz haben wird. Sicher aber ist: Ein Aus von „Koha“ wäre ein Schlag nicht nur für die kosovarische Medienlandschaft, sondern für die politische Kultur des Landes insgesamt. „Koha Ditore“ leistet seit Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag zu einer informierten politischen Willensbildung in dem noch etwa 1,6 Millionen Einwohner zählenden Staat. Natürlich hat auch „Koha“ in den Jahrzehnten seiner Existenz Fehler gemacht, wie es selbst den besten Medien unterläuft.
Man wird aber niemanden finden, der glaubwürdig behaupten könnte, das von dem im Kosovo nahezu legendären Publizisten und Menschenrechtler Veton Surroi gegründete Haus habe Kampagnenjournalismus betrieben. Auch deshalb, weil sie die Rückendeckung der Eigentümerfamilie dafür hatten, fürchteten sich die Journalisten des Hauses nie davor, sich mit den Mächtigen anzulegen – auch nicht mit Ausländern.
So deckte „Koha“ 2014 einen Korruptionsskandal in der europäischen Rechtsstaatlichkeitsmission EULEX auf – und wurde deswegen von der Mission bedroht. Unvergessen ist auch eine Enthüllung aus dem Jahr 2011, als das Blatt nachwies, dass der damalige amerikanische Botschafter im Kosovo per SMS Anweisungen gab, wie die kosovarische Präsidentenwahl abzulaufen habe und wie einzelne Parlamentsabgeordnete abzustimmen hätten.
Einem „Koha“-Reporter war es im Parlament gelungen, aus der Entfernung mit starkem Zoom das Handydisplay abzufotografieren, auf dem die diplomatischen Anweisungen weitergegeben wurden. Der Botschafter tobte, die Zeitung habe seine Privatsphäre verletzt. Der damalige „Koha“-Chefredakteur Agron Bajrami, heute Botschafter seines Landes in Brüssel, konterte trocken in einem Kommentar: Für ihn sei es neu, dass die Präsidentenwahl im Kosovo die Privatsache des amerikanischen Botschafters sei.
Source: faz.net