Ko-Autorin von „Via die Freiheit“: Gerechtigkeit zu Händen Harriet Mill

Schreiben ist nicht selten Teamarbeit. Das wissen Professoren, die sich als Ko-Autoren in den Texten ihrer Doktoranden verewigen. Und auch ambitionierte Politiker, die noch für jede Wahl ein mithilfe eines Ghostwriters geschriebenes Buch vorlegen müssen. Das wusste auch ein Friedrich Engels, der seine „Grundsätze des Kommunismus“ gemeinsam mit Karl Marx zum „Manifest der Kommunistischen Partei“ umarbeitete. Ein Kooperationsmodell, das die Philosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno nachspielten. Sehen solche Textpartnerschaften also zunächst nach einer marxistischen Tradition aus, so kann doch auch die liberale Ideengeschichte mindestens eine berühmte Schreibbeziehung vorweisen.

John Stuart Mill/Harriet Taylor Mill: „On Liberty“.
John Stuart Mill/Harriet Taylor Mill: „On Liberty“.

Statt einer rein freundschaftlichen Kompanie handelte es sich bei dieser Teamarbeit aber um eine Familienangelegenheit: die Ehe von John Stuart Mill und Harriet Taylor Mill. Obwohl John Stuart weitaus bekannter als Harriet ist, hatte er in seinen Memoiren darauf bestanden, dass seine Art zu denken auch die seiner „Seelenfreundin“ sei. Seinem bekanntesten Werk „Über die Freiheit“ sollte er sogar eine Widmung „an die Frau, die der Inspirator und zum Teil der Autor all dessen war, was das Beste in meinen Schriften ist“ voranstellen.

Weil diese Widmung bereits ein Geständnis über die zweite Autorin des Buches beinhaltete, ist es nur bedingt eine Überraschung, dass mit der Hackett Publishing Company erstmalig ein Verlag Harriet Mill als Ko-Autorin von „On Liberty“ führt. Um diesem von John Stuart Mill kaum verheimlichten Umstand gerecht zu werden, hatte es zuerst eine Studie einer Forschungsgruppe des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) um Lilly Osburg, Michael Schefczyk und Christoph Schmidt-Petri gebraucht, um durch eine stilometrische KI-gestützte Analyse zu beweisen, dass gewisse Teile des Buches von Harriet Mill stammten. Rund 270 Bücher und Schriften der Mills hatte die Studie von 2022 analysiert und war so zu dem Ergebnis gelangt, dass ihr Stil insbesondere in den Kapiteln drei und fünf zu erkennen ist. Schon in ihrer Arbeit hatten die Wissenschaftler empfohlen, Harriet fortan als Autorin zu nennen. Eine Aufforderung, die sie als Mitherausgeber der „Hacketts Classics Edition“ nun selbst umsetzen konnten.

Mit dieser Änderung zementiert sich einerseits die zentrale Rolle, die Harriet Taylor Mill im Kanon des Liberalismus – als eine der wichtigsten weiblichen Stimmen – einnimmt. Andererseits spiegelt die Studie auch die zunehmende Beschäftigung mit den weiblichen Geistesgrößen der frühen Moderne, die in ihrer Zeit nicht hinreichend gewürdigt wurden. Mill war schließlich keine Ausnahme: Émilie du Châtelet war nicht nur Voltaires Geliebte, sie trug zur Newton-Entdeckung in Frankreich bei. Die Astronomin Caroline Herschel unterstützte ihren weitaus bekannteren Bruder William und entdeckte selbst einige Kometen. Und schon 1957 hatte Hannah Arendt eine Biographie der Schriftstellerin Rahel Varnhagen vorgelegt, die in ihren Salons viele deutsche Intellektuelle zusammenbrachte. Beispiele wie diese werden aus guten Gründen fortlaufend untersucht und öffentlich zur Sprache gebracht.

Wenn man bedenkt, dass im 19. Jahrhundert Jane Austen oder Emily Brontë die althergebrachten Konventionen Großbritanniens noch überwiegend reproduzierten, nimmt Harriet Taylor Mill jedoch eine besondere Rolle in dieser Frauenbewegung ein. Unter dem Namen von John Stuart hatte sie schon 1851 ein Plädoyer für die umfassende Gleichberechtigung der Frauen veröffentlicht, das er nach ihrem Tod noch erweitern sollte. Schon jene Schrift wurde erst ihm zugeschrieben, dann aber später durch seine Frau ergänzt, die so auch bei der deutschen Reclam-Ausgabe („Die Hörigkeit der Frau“) als Ko-Autorin angeführt wird.

Die Frauenbefreiung wurde in diesem Buch zur logischen Konsequenz der liberalen Ordnung erklärt – zur notwendigen Universalisierung des freiheitlichen Versprechens der bis dahin unvollständigen Moderne. Weil die Freiheit, von der die Mills sprachen, also nicht zwischen Geschlechtern unterscheidet, sollte sich Reclam die Freiheit nehmen, Harriet auch bei „Über die Freiheit“ fortan an die Seite von John Stuart zu stellen.

Source: faz.net