Kneipen in Not: Höhere Steuern zur Folge haben zu Proteststurm in britischen Pubs

Die britischen Pubs – Kurzform für „Public House“ – sind eine Institution, die tief im sozialen Leben des Vereinigten Königreichs verwurzelt sind. In vielen Orten ist das Pub der Mittelpunkt der Gemeinschaft. Sie sind eingerichtet mit Holztresen und blinkenden Zapfanlagen, mit Bildern und oft sogar Teppichen. Es herrscht eine gemütliche Atmosphäre. In den Gaststätten, die oft Namen wie „The Red Lion“, „The Crown“ oder „Royal Oak“ tragen, trinkt man nicht nur ein Bier nach Feierabend oder isst den traditionellen Sunday Roast (Sonntagsbraten). Sie sind Treffpunkte für Jung und Alt und schaffen ein örtliches Gemeinschaftsgefühl.
Umso mehr beunruhigt viele Briten, dass immer mehr ihrer Pubs aufgeben müssen. Sie tragen sich finanziell nicht mehr. Seit Jahrzehnten gibt es schon ein kontinuierliches Pub-Sterben. Die Lockdowns während der Corona-Zeit, der Energiepreisschock infolge des Ukrainekriegs, steigende Lohnkosten, Steuern und Sozialabgaben haben den Trend verschärft. In den vergangenen fünf Jahren haben fast 2000 Gaststätten geschlossen. Sogar König Charles unterstützt seit Jahren die Organisation „Pub is the Hub“, die existenzbedrohte Kneipen zu retten versucht. Er sprach von „außergewöhnlichen Herausforderungen“ für diese Orte der Gemeinschaft.
Im vergangenen Jahr waren es exakt 366 Pubs, die für immer ihre Türen schlossen, also an jedem Tag eines. Die Gesamtzahl in England und Wales sank auf 38.600, ergab eine Datenauswertung der Beratungsgesellschaft Ryan. Emma McClarkin, die Geschäftsführerin des Verbands British Beer and Pub Association, sagte: „Jedes Mal, wenn wir ein Pub verlieren, verlieren wir ein Stück unseres sozialen Gefüges. Viele dieser Schließungen sind völlig unnötig und das Ergebnis einer hohen Steuer- und Abgabenlast.“
„Schockierende Zahlen“, warnt der Gastronomieverband
Die Alarmstimmung unter vielen Pub-Besitzern hat sich indes verstärkt durch eine Gewerbesteueränderung der Labour-Regierung, die den meisten Gaststätten eine drastische Mehrbelastung bringen wird. Schatzkanzlerin Rachel Reeves wollte die sogenannten „Business Rates“ für Betriebe gerechter gestalten, die sich nach der Höhe der Mieten beziehungsweise dem Wert der genutzten Immobilien berechnet werden. Reeves‘ Plan war, dass beispielsweise große Supermärkte oder Lagerhäuser von Amazon auf der grünen Wiese mehr zahlen sollten. Kleinere Geschäfte sollen dagegen entlastet werden.
Doch die Reform führt dazu, dass Gaststätten mit größeren Flächen nun plötzlich stark zur Kasse gebeten werden. Der Verband UK Hospitality schätzt, dass die Steuer für Gastronomiebetriebe in England über die nächsten drei Jahren durchschnittlich um 32.714 Pfund (fast 38.000 Euro) steigen werde. In teuren Lagen, etwa im Londoner Bezirk Holborn, dem Wahlkreis des Premierministers Keir Starmer, würden Gastbetriebe sogar um 96.000 Pfund mehr belastet. In einfacheren Gegenden wie Leeds West, dem Wahlkreis von Finanzministerin Reeves, wären es immerhin 12.700 Pfund. „Die schockierenden Zahlen zeigen das Ausmaß der Kostensteigerungen, mit denen Gastronomiebetriebe im ganzen Land konfrontiert sind“, kommentierte der Verband UK Hospitality.
In manchen Fällen wird die Steuer auf das Doppelte oder gar Dreifache gestiegen, durchschnittlich sei von einem Anstieg um 30 Prozent auszugehen, warnt der Pub-Branchenverband BBPA. Zudem gibt es eine Schieflage in der Belastung. Große Pubketten wie Young’s, Mitchells & Butlers und Greene King, die Tausende Kneipen betreiben, werden mit weniger Zuschlägen belastet als Kleinbetriebe. Grund dafür ist, dass der Steuermultiplikator bei Immobilienwerten über einer halben Million Pfund geringer angesetzt wird. Die Kleinen werden somit relativ stärker leiden.
Jedes zehnte Pub ist akut gefährdet
Fast 5000 kleine Kneipen würden nun erstmals mit einer Gewerbesteuerrechnung konfrontiert, warnt der Brauerei- und Pubverband BBPA. „Dieser Haushaltsplan hat die Gastwirte in Schrecken versetzt, und viele befürchten, dass sie diese himmelhohen Kostenerhöhungen unmöglich überstehen können“, klagt BBPA-Chefin Emma McClarkin. Jedes zehnte Pub sei akut gefährdet, zumal viele kaum noch Rücklagen haben. Laut dem Verband sind 100.000 Arbeitsplätze bedroht. Nach Rachel Reeves‘ erstem Budget, das eine Welle höherer Steuerer und Lohnnebenkosten brachte, hat die Gastronomiebranche 2025 schon 89.000 Arbeitsplätze abgebaut.
Der Chef von Shepherd Neame, der ältesten Brauerei Englands, die 1689 gegründet wurde, 280 Pubs betreibt und 164 Millionen Pfund Umsatz im Jahr macht, warnt in drastischen Worten, die Labour-Regierung zerstöre die Kneipenbranche: „Ich glaube, es besteht die reale Gefahr, dass Rachel Reeves unserem Sektor das antut, was Margaret Thatcher den Bergarbeitern angetan hat.“ Während viele argumentieren, dass die Schließungen von unrentablen Bergwerken unter der einstigen Premierministerin Thatcher unvermeidlich waren, sei das durch Steuererhöhungen verschärfte Kneipensterben aber vermeidbar, betont Jonathan Neame.
Auch die von König Charles mitgegründete und mit Spenden unterstützte Organisation „Pub is the Hub“ kritisierte in einem Brief an Reeves die Steuererhöhungen. Es gebe „echte Wut unter Gastwirten und Pub-Betreibern in ganz England, die sich verständlicherweise stark im Stich gelassen fühlen“. Andrew Slee, Geschäftsführer der Society of Independent Brewers and Associates, nennt Reeves’ Steuerplan „verrückt“.
Ein Boykott-Aufruf gegen die Labour-Regierung
Die Empörung in der Branche ist so groß, dass sich eine wachsende Zahl von Gastwirten einem Boykottaufruf gegen die Labour-Partei angeschlossen haben. Seit Dezember haben mehr als 250 Pub-, Bar- und Restaurant-Besitzer unterschrieben, dass sie keine Labour-Abgeordneten mehr bedienen wollten, wenn diese durch die Eingangstüre kämen. Zu den Unterzeichnern gehört auch Martin Knowles, der Chef des „Marsh Inn“ in Leeds, dem Wahlkreis von Rachel Reeves. Noch vor einiger Zeit stand die Finanzministerin während eines Besuchs in Knowles‘ Pub in einem knallroten Kostüm neben ihm und lachte breit in die Kameras. Jetzt sagt er, Reeves bei ihm nicht mehr willkommen.
Die Labour-Regierung, die laut Umfragen ohnehin extrem unpopulär ist, versucht die Aufregung als ein großes Missverständnis abzutun. Eigentlich habe man ja geplant, die Steuerbelastung gerechter zu gestalten. Es gebe auch eine Deckelung gewisser Hebesätze, betont das Ministerium. Doch aus der Branche heißt es unisono, dass die Steuerreform zu einer drastischen Mehrbelastung führen werde. Andrew Slee vom Verband der kleineren Brauer sagt zu Reeves‘ Budgetplänen: „Es ist eine so katastrophal schlechte Politik, dass ich eigentlich nur von einem Irrtum ausgehen kann.“
Angesichts der scharfen Proteste scheint das Finanzministerium nun eine Kehrtwende vorzubereiten. Reeves werde einige Details zur Steuer verkünden, die Pubs entlasten sollen, hieß es aus der Regierung. Außerdem soll die Lizenzpraxis geändert werden, um einen flexibleren Umgang mit der Sperrstunde zu ermöglichen.