Kleist in Darmstadt: Evchen aller Epochen, erhebt euch!

Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ ist derzeit landauf, landab Abiturstoff. Also bringen es die Theater landauf, landab, denn so dürfen sie sicher auf die Insassen der Deutschleistungskurse rechnen. Auslastung winkt, durch ein junges Publikum zumal. Wir haben es mit der pädagogischen ­Variante von Karl Valentins Vorschlag zu tun, „Theaterzwang“ auszuüben. Um nur ein paar Beispiele zu geben: In München zerbricht derzeit ebenso ein Krug wie in Mannheim, Tübingen, Duisburg und Dortmund, Freiburg und Wolfenbüttel, Leipzig, Neubrandenburg und Berlin (mit „Klassenzimmerstream“). In Hamburg zerbrechen gleich zwei.

Wieso auch nicht? Die Frage ist nur, was den zum Besuch Verpflichteten in Schule und Theater mitgeteilt wird. ­Ankündigungen wie die Freiburger, das Stück sei in eine Pyjama-Party verlegt worden, oder die Dortmunder, es werde als Mediensatire mit Instagram-Motiven gegeben, deuten das Spektrum der für sinnvoll gehaltenen Lockstoffe an.

Dorfrichter Adams Treiben

Machen wir eine Stichprobe in Darmstadt. Dort hatte Kleists Stück am Staatstheater gerade Premiere. Regisseurin Theresa Thomasberger inszeniert es zunächst als das Gerichtsdrama, das es ist. Die „Rechtspfleg“ auf dem platten ­holländischen Land, das bei Kleist merkwürdigerweise Berge hat, soll verbessert werden, deswegen kommt aus Utrecht der Gerichtsrat Walter, um die lokale Amtsführung zu beobachten. Prozess geführt wird vordergründig über ein zerschlagenes, üppig bemaltes Tongeschirr, hintergründig über eine ganze Existenz, die nämlich des verlogenen Dorfrichters Adam. Der ist in vielen Dimensionen korrupt, ein Unterschlager, Nötiger, sexuell Aufdringlicher, womöglich Ver­gewaltiger. Amtsmissbrauch ist eine schwache Bezeichnung für sein Treiben.

Ein Krug also ist zerbrochen worden. Von wem, ist unklar. Unklar auch, was noch alles geschah, als er zerbrochen wurde. Wer war im Zimmer des jungen Evchen, was tat er ihr, was wollte er ihr antun, und wer flüchtete krugzerbrechend, als die Mutter kam, durch das Fenster? Kleists Drama ist eines der ­Beweiswürdigung. In Darmstadt ist eine gegenwärtige Gerichtsszenerie aufgebaut, mit Bundesadler, Protokollführer Licht (die beste Figur bei Kleist und die witzigste in Darmstadt: Alisa Kunina) und einer Zeugenbank. Eine Beklagtenbank fehlt, denn schnell scheint klar, dass dies die Bank des Richters ist. Kleists Komödie zieht ihre Komik einerseits daraus, dass der bestallte Ermittler Adam, der in Darmstadt mit Florian Donath recht jung, sehr schlank und insgesamt wenig abstoßend besetzt ist, gegen sich selbst ermitteln muss, sich windet und lügt, immer neue Ausreden erfindet und ständig Ersatzschuldige anklagt: den Verlobten Evchens, den Lamis Ammar komisch entrüstet gibt, einen weiteren Bewerber um ihre Gunst, den Teufel gar.

Stumm bis zum entscheidenden Satz: Johanna Gütlich als eines der Evchen
Stumm bis zum entscheidenden Satz: Johanna Gütlich als eines der EvchenSinah Osner

Andererseits ist der Fall ganz unklar. Jedenfalls wenn man Kleists Stück liest. Denn was kann dem Dorfrichter nach­gewiesen werden? Im zweiten Auftritt wird ihm von beiden, hier gestrichenen Mägden attestiert, er sei am Vorabend „Glock eilf“ ohne Perücke und blutend nach Hause gekommen, denn der Ver­lobte hatte dem Flüchtenden eins über­gezogen. Glock elf, denn sie hatten damals keine Armbanduhren. Im siebenten Auftritt hingegen gibt Evchens Mutter zu Protokoll, der Tathergang habe um „Uhr eilf“ eingesetzt.

Für diese Zeit hat Adam also ein Alibi durch die Mägde. Das Stück geht darüber hinweg. Außerdem will die Mutter „Männerstimmen“ in Evchens Kammer gehört haben. War also mehr als einer dort? Der eifersüchtige Verlobte wiederum, Bauernsohn Ruprecht, will gesehen haben, wie Evchen in Begleitung um „Glock eilf“ vor dem Haus stand, um schließlich, „ein Viertelstündchen dauert’s so“, nach Scherzen und Wispern „husch!“ hinauf zu gehen. Was nicht alles Schlag elf zugleich geschehen kann! („Ich glaub’, die Zeit ist oder ihr verrückt“, sagt der Gerichtsrat zu Adam.)

Spuren legen und verwischen

Das machte Kleist in seinen Dramen und Novellen gern: Spuren zu legen und wieder zu verwischen, die Unverlässlichkeit der Zeugen wie des eigenen Textes zu betonen, die Leser mit einem Maximum an Ungewissheit darüber zu versorgen, was der Fall ist. Es wird geirrt und phantasiert, gelogen und geschworen, das Vorurteil bestimmt die Wahrnehmung, die Absicht geht in die Nachricht ein. Dass Adam im Schnee eindeutige Spuren seiner Flucht aus Evchens Haus hinterlassen haben soll, wie Laura Eichten als wunderbar selbstgewisse Frau Brigitte behauptet, ist genauso Unfug; Rudolf ­Noelte hat einst fünfzehn Personen gezählt, die denselben Weg gegangen sind.

Kleists Stück dauert ausgespielt zweidreiviertel Stunden. Also wird – Aufmerksamkeitsspanne! – gestrichen, in Darmstadt bleiben neunzig Minuten. Dabei gehen die Irritationen der Beweisaufnahme ebenso unter wie manches der mal komischen, mal quälenden Zeugenvernehmungen. Vor allem aber geht ­Evchens Text verloren, ihre Auseinandersetzung mit der Mutter, ihr Streit mit dem Verlobten und ihre Sorge um ihn. Evchen darf hier bis zum Ende gar nichts sagen. Vier Evchen stehen stattdessen fast achtzig Minuten lang stumm mahnend in grünem Habit, das jeweils ans Biedermeier, ans späte neunzehnte Jahrhundert, an die Zeit um 1968 und an die Gegenwartsmode erinnert, im Gerichtssaal herum. Das soll die Pointe haben, dass die Evchen aller Zeiten die absoluten Opfer sind, die am Ende, einander an den Händen fassend, sich zu dem einen Satz durchringen, der Richter sei es gewesen. Das hat den Preis, dass dem Opfer Evchen erst der Text genommen wird, um danach beklagen zu können, sie werde mundtot gemacht.

Anschließend werden auf einer Drehbühne die historischen Jugendzimmer der Evchen gezeigt, und sie sprechen Texte, die nicht dem Stück entstammen, dafür aus einem Brief Kleists, einem Text über die Emanzipation der Frau als Klassenfrage, etwas von Clara Zetkin und Sätzen der Regie. Das Programmheft assoziiert MeToo, die Epstein-Files und den Pelicot-Prozess. Alle Figuren außer Adam, auch der Gerichtsrat Walter, den Gabriele Drechsel sehr überlegen gibt, werden von Frauen gespielt. Und Adam ist das Patriarchat, das Stück eine Allegorie.

Über den Richter als Täter wird entsprechend ein allegorisches Todesurteil verhängt. Alle Frauen essen gemeinsam die Innereien und Handgelenke einer Puppe, die ihn zeigt, einigermaßen ekelhaft auf. Der zerbrochne Krug ist also tatsächlich auseinandergebrochen, in knapp achtzig Minuten maßvollen Textbezugs ohne Irritationen und in ein Viertelstündchen Klageschrift gegen jedermann samt Rachephantasie. Im Grunde wird gespielt, was Kleist nach Ansicht der Regie hätte schreiben sollen, nicht, was er geschrieben hat. In Begriffen des Deutschunterrichts lehrt die Darmstädter Inszenierung das Aktualisieren, aber nicht das Lesen.

Source: faz.net