Klassiker | Ein Kanon jener Abgründe: Was Baudelaire an Edgar Allan Poes Schauergeschichten liebte
In Amerika wurde er selbst nach seinem Tod in der Literaturgeschichte seines Landes als trunksüchtiger Sonderling diffamiert. In den Salons seiner Zeit wurde er misstrauisch beäugt, als ständig unter Geldsorgen leidender und zwischen vielen Zeitungsredaktionen hin- und her tingelnder Kritiker und Herausgeber, der zuweilen gern der hohen Kunst des Verrisses frönte (was damals selten vorkam, heute leider auch), von den Kollegen angefeindet.
Den Schriftsteller Edgar Allan Poe mit seiner Faszination für das Grauen würde man heute daher leichthin als einen „umstrittenen Autor“ bezeichnen, schon allein deswegen, weil er in seinen Erzählungen – seine ersten waren durchaus komisch und grotesk – ein mitunter nekrophil oder inzestuös geprägtes Wandern zwischen Leben und Tod unternahm.
Seine Protagonisten stehen stets an der Schwelle des Wahnsinns und leiden nicht selten am Angsttrauma des Lebendig-Begraben-Seins. Diese Zuschreibung des „Umstrittenen“ fällt also immer dann, wenn die Kritik aus moralischen Befindlichkeiten vor der Frage kapituliert: Spricht hier ein fiktiver Charakter oder doch eine seelisch verkommene Seele im ästhetischen Gewande der Kunst?
Eine bahnbrechende Auswahl von Poes Erzählungen
Dabei ist die Antwort simpel: Wahre – und in Poes Fall auch erhabene – Kunst verwehrt sich jeder Konkurrenz zwischen Biografie und Werk. So schrieb George Orwell über den alkoholkranken Ich-Erzähler in Die schwarze Katze, der dem Tier ein Auge aussticht (und später die ermordete Ehefrau im Keller einmauert), man wisse genau, warum er dies tue, „und zwar so vollkommen, dass man das Gefühl hat, man hätte genau das Gleiche getan“.
Das empfand natürlich auch der Schöpfer der Blumen des Bösen,Charles Baudelaire, als er von Frankreich aus auf Poe, seinen „Leuchtturm der Moderne“, blickte. Ohne Baudelaires Wirken wäre die dornige Blume namens Poe nach dessen frühem Tod 1849 mit nur 40 Jahren – unter Umständen, die im Übrigen so rätselhaft bleiben wie viele seiner Schauergeschichten – sicher bald verwelkt.
Denn der Pariser Dandy und Symbolist legte zwischen 1856 und 1865 eine bahnbrechende Auswahl mit Erzählungen, dem weltberühmten „Raben“-Gedicht und dem einzigen Roman, Arthur Gordon Pyms Abenteuer (1838), vor. Diese französische Edition ist der heimliche Untertext der nun mit dem fünften Band Groteske und ernste Geschichten abgeschlossenen, schön gestalteten dtv-Ausgabe.
Ein Kanon der Abgründe mit vielen Anmerkungen
Was wir nun lesen dürfen, ist Poes Best-of im Spiegel Baudelaires – ein Kanon der Abgründe, sortiert nach den Obsessionen eines Dichters, der sich selbst in diesen Geschichten wiederfand – nachzulesen auch in den vielen Anmerkungen und Essays Baudelaires, der übrigens der Überzeugung war, „dass die Vereinigten Staaten für Poe ein einziges großes Gefängnis waren, durch das er wie ein fieberhaft Getriebener irrte … Sein inneres, geistiges Leben als Dichter und selbst als Trinker war nur das unablässige Bemühen, dem Einfluss dieser unerträglichen Umgebung zu entrinnen.“
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In der bundesrepublikanischen Nachkriegszeit setzte man bei den Übertragungen des Poe-Werks meist auf ein Übersetzer-Duo, bestehend aus Hans Wollschläger, der die legendäre Ulysses-Übertragung zu verantworten hat, und dem Dichter Arno Schmidt, dem Eigenbrötler, der mit seinem Zettelkasten und seiner Sprachwut den Literaturbetrieb gehörig aufsprengte, dessen eigenes Werk aber heute als eher schlecht gealtert gilt.
Der Manesse-Verlag stellte 1979 seiner Ausgabe von Poes Meistererzählungen gar Folgendes wie eine Glatteis-Warnung voran: „Manchem Leser mögen dabei bei aller Bewunderung die Freiheiten zu weit gehen, die sich der eine Übersetzer, Arno Schmidt, herausnimmt, vor allem, wenn sie sich noch nicht an seine orthografischen und sonstigen Eigenwilligkeiten, ja Marotten gewöhnt haben.“
Dass eine der feingliedrigsten Erzählungen Poes, die das Genre des modernen Kriminalromans wesentlich prägen sollte, den albernen Titel Der stibitzte Brief trägt, dafür war gleichwohl Wollschläger verantwortlich. „Stibitzen“ ist natürlich ein schönes Verb für den Fall, man wollte ein Kind beschreiben, das ungefragt einen Keks aus der Dose mopst. Dann doch lieber die kühle, elegante Übersetzung Der entwendete Brief für The Purloined Letter.
Ehen mit Minderjährigen waren im Jahr 1836 legal
So tat es auch der erfahrene Andreas Nohl, der nun für dtv die Übersetzung der Baudelaire-Auswahl besorgt hat. Sein Kollege Ulrich Blumenbach würdigte Nohl einmal mit den Worten, dass die von Wollschläger übertragene Erzählung The Murders in the Rue Morgue im Vergleich zu Nohls Übersetzung „gewunden, gestelzt und blutleer“ sei.
Nohl gliedere seine Sätze überschaubarer, bediene sich eines farbkräftigeren Wortschatzes und einer lebendigeren Idiomatik und vermeide ältliche Pronomina und Konjunktionen. Dem kann man nur zustimmen. Nohl hat Poes Werk entschnörkelt, entschwurbelt, ohne es auf die Bühne des Gegenwartsjargons zu zerren; und so fällt auch kein staubiger Samtvorhang am Ende einer jeden Geschichte, sondern die nächste tritt aus der Garderobe frisch aufs Parkett der Moderne.
Dass Poe, der früh verwaist war und eine reiche Pflegefamilie hatte (die ihn aber nicht adoptierte), mit 27 Jahren seine noch nicht einmal 14-jährige Cousine Virginia heiratete, ist wiederum eine ganz andere schauerromantische Geschichte. Kein Biograf hat diese Vermählung jemals unter den literaturgeschichtlichen Teppich gekehrt. Sie war im Jahr 1836 in den USA legal (selbst unter Verwandten ersten Grades), wenn auch nicht die Regel. Aber auch kein Skandal.
Elf Jahre später verstirbt seine geliebte Virginia an den Folgen von Tuberkulose – und damit zwei Jahre vor seinem Tod. Der nicht abreißende gegenwärtige Streit um Werk und Autor zeigt hier exemplarisch: Poes Texte entfalten ihre Wucht nur, wenn wir deren ästhetische Radikalität feiern und die Biografie nicht tilgen. Das ist unbestritten; „umstritten“ hingegen bleibt ein hohles Etikett für moralische Entrüstung.
Groteske und ernste Geschichten Edgar Allan Poe Andreas Nohl (Übers.), dtv 2025, 320 S., 32 €
Außerdem sind bei dtv erschienen: „Unheimliche Geschichten“, „Neue unheimliche Geschichten“, „Heureka & Der Rabe“ sowie „Arthur Gordon Pyms Abenteuer“