Klassiker | Armer Märchengott: 10 Fakten zu Hans Christian Andersen

A

wie Armut

Sechs Romane, sieben Reisebücher, 46 Theaterstücke und 1.000 Gedichte schrieb Hans Christian Andersen. An der Wiege gesungen war ihm das nicht, als er 1805 in → Odense geboren wurde. Der Vater, der sich nichts sehnlicher und vergeblicher gewünscht hatte, als eine Lateinschule zu besuchen, war Schuhmacher, die Mutter eine Wäscherin. Armut bestimmte das Leben der Familie, die sich ein einziges Zimmer teilte. Und war Andersen reich: „Meine ganze nächste Umgebung diente nur dazu, meine Fantasie zu erfüllen“. Andersens Vater starb, als der Sohn gerade einmal 14 war. Hans Christian zog nach Kopenhagen, es war der Direktor des königlichen Theaters, der ihn unterstützte und dafür sorgte, dass der begabte und fantasievolle Junge eine Lateinschule und später die Universität besuchen konnte. Am Schauspiel betrat Andersen auch die Bühne, bald führte er auch selbst verfasste Stücke auf, sodass sein Talent offenbar wurde, das ihm zusammen mit seiner Vorstellungskraft den Weg aus der Armut ebnete.

B

wie Berte Bratt

Sie soll nach Kopenhagen, um sich dort um ihre Tante Agate zu kümmern. Die aber ist hart, kalt und geizig, und so hat die junge Ingrid zunächst nichts zu lachen in der Stadt, deren Bewohner sie nicht versteht, bis ihr die Malerin und Namensvetterin Ingrid begegnet, eine lebensfrohe Person samt Pudel, die sich der verlorenen Ingrid annimmt, sie unter ihre Fittiche nimmt und sie schließlich in der Gestalt der kleinen Meerjungfrau porträtiert.Der heute ziemlich hausbacken wirkende Roman der norwegischen Erfolgsautorin Berte Bratt unter dem Titel Das kleine Reiseandenken aus dem Jahr 1955 lehnt sich derart an Andersens berühmtes Märchen an, dass die Malerin das junge Mädchen Ingrid nackend als kleine Seejungfrau (→ Christentum) malt. Auch das käme wohl in unserer heutigen Zeit in einem Jugendbuch nicht mehr sonderlich gut an.

C

wie Christentum

Die Religiosität Andersens ist in seinem Werk vielen Texten eingeschrieben, sie zu fassen ist jedoch nicht leicht. Hans Christian Andersen wurde am 15. April 1805 in der Sankt Hans Kirke in → Odense getauft. Christlich erzogen im Elternhaus und in der Schule ist seine Sehnsucht nach Gott, wie sie in Die kleine Meerjungfrau (und Der letzte Traum der alten Eiche) artikuliert wird, nicht leicht in eine klar zu umreißende Gottesvorstellung übersetzbar. In seinen Tagebüchern, Erzählungen und Romanen zeigt sich immer wieder Bitterkeit, Skepsis, Existenzangst und Leere. Zahlreiche Quellen berichten von religiösen Diskussionen, die der Autor mit seinen Zeitgenossen führte. Wer etwa Der Tannenbaum oder Andersens spätes Märchen Tante Zahnweh (1872) gelesen hat, weiß, dass für Andersen Erzählen und Leben so eng zusammenhängen, dass mit dem Ende des Lebens auch die Kraft des Erzählens verlischt. Sonderlich jenseitsfroh lassen sich diese Geschichten nicht interpretieren.

D

wie Donovan

1965 erschien das Album Fairytale von Donovan. Auf der B-Seite findet sich der Song „The Little Tin Soldier“, eine Bearbeitung von Andersens Der standhafte Zinnsoldat. Obwohl mein Englisch noch nicht gut war, als ich es hörte, verstand ich die Lyrics, ich kannte ja das Märchen vom Soldaten, der sich in eine papierne Ballerina verliebt, die in einem Papierschloss lebt, das der einbeinige Zinnsoldat sehen kann. „Das wäre eine Frau für mich“, denkt er, wird von der Ballerina getrennt, fährt durch den Rinnstein, landet im Bauch eines Fischs – und wieder in der Stube mit der Ballerina. Dann wirft der Junge, dem er gehört, ihn ins Feuer, die Ballerina wird von einem Windstoß erfasst und verbrennt mit ihm. Donovan singt: „And in that fire they shall stay / Forever and a day / For the fire, Lord, is the fire of love / Just like the peaceful dove“.

E

wie Exzentrischer Gast

Als Hans Christian Andersen seinen Freund Charles Dickens im Jahr 1857 in London besuchte, blieb er statt der geplanten zwei ganze fünf Wochen lang bei der Familie, „eine Ewigkeit“ schrieb Dickens später. Tochter Katey erinnert sich an Andersen als „einen knochigen Langweiler, der immer länger blieb“. Der Gast verärgerte die Familie gleich zu Beginn seines Besuchs, als er verkündete, es sei in Dänemark üblich, dass männliche Gäste von einem der Söhne des Hauses rasiert würden. Daraufhin vereinbarte Dickens für ihn einen täglichen Termin bei einem örtlichen Barbier in Rochester. Noch mehr verblüffte er die Familie, als er sich, nachdem er während seines Besuchs eine schlechte Kritik über eines seiner Bücher erhalten hatte, mit dem Gesicht nach unten auf den Rasen warf und untröstlich weinte. Dickens riss sich während des Besuchs noch zusammen, doch als Andersen nach Hause zurückgekehrt war, erreichte ihn nur mehr ein Brief, in einem äußerst kühlen Ton des Abschieds.

K

wie Kaiser

„Kindermund tut Wahrheit kund“, lautet ein Sprichwort, das auch zentral ist in Andersens Märchen Des Kaisers neue Kleider. Der eitle Kaiser eines Landes, der seine Zeit lieber in der Kleiderkammer als im Rat verbringt, geht zwei Betrügern auf den Leim, die dem König Kleider versprechen, die nur diejenigen sehen, die für ihr Amt taugen. Sie tun, als fertigten sie Kleider für den Kaiser an, behaupten, sie ihm anzulegen, und da sich niemand traut, dem Kaiser zu sagen, dass er nichts anhat, da der Kaiser auch selbst Angst hat, nicht für sein Amt zu taugen und nichts sehen kann, braucht es schließlich ein Kind, das die unbequeme Wahrheit ausspricht, die sich niemand sonst traut auszusprechen: „Aber er hat ja nichts an!“, woraus wiederum ein Sprichwort entstanden ist, das noch heute Hochstapler und Eitle entlarven kann: „Der Kaiser ist nackt.“

N

wie Nachtigall

Wenngleich Andersens Märchen sich nicht selten einer Form von Schönheit zuwenden, die von Menschen erdacht und gemacht ist, huldigen sie noch mehr der Schönheit der Natur. In Die Nachtigall ist es das kleine unscheinbare Vögelchen, das bei armen Leuten wohnt und dessen Gesang alle Welt verzaubern kann. Man baut eine künstliche Nachtigall nach, die seinen Ton imitieren kann, der Mann, der den künstlichen Vogel gebracht hatte, wird der „Kaiserliche Oberhofnachtigallbringer“. Sie singt mehr als dreißig Mal, aber der Mechanismus zerspringt eines Tages. Einzig die lebendige Nachtigall kann so schön singen, dass sogar der Tod sich davon betören und vom → Kaiser ablässt. Er verlässt das Zimmer des Todkranken. Der kleine wilde Vogel aber will für seinen rettenden Gesang noch nicht einmal einen Lohn, ihm genügen „die Tränen des Kaisers“.

M

wie Matratze

Wir waren klein und wir probierten es aus, legten eine Erbse, die wir aus der Speisekammer unserer Großmutter geholt hatten, sehr klein, hellgrün und steinhart, unter die Matratze, nicht etwa unter zwanzig Matratzen und zwanzig Eiderdaunendecken im großmütterlichen Gästezimmer, legten uns auf die Matratze und spürten – nichts! Und obwohl es uns, meiner älteren Schwester und mir, im Grunde schon zuvor klar gewesen war, dass wir nie und nimmer Prinzessinnen (→ Donovan) werden würden, noch nicht einmal zur Fastnacht bekamen wir entsprechende Kostüme, waren wir doch enttäuscht, dass wir es im Leben in Sachen Empfindsamkeit wirklich nicht mit der Prinzessin auf der Erbse (verfilmt im Jahr 2010 mit Michael Gwisdek und Iris Berben) würden aufnehmen können, ein Mangel, der uns später auf Interrailtouren und in Hotelbetten allerdings einmal sehr zugutekommen sollte. Dass wir später auch keine Prinzen heirateten (→ Zunge) und was uns damit erspart werden soll, ist eine andere Geschichte, die nicht in gebotener Kürze erzählt werden kann.

O

wie Odense

Ein traurig-traumhaftes Porträt von der Kindheit in Odense, seiner Geburtsstadt,entwirft Andersen in seiner Autobiografie Das Märchen meines Lebens. Ohne Dichtung. Von Sitten und Gebräuchen aus einer älteren Zeit ist darin die Rede, von einer Ochsenprozession am Fastnachtsmontag, von der Frömmigkeit, dem Aberglauben (→ Christentum) und der Einsamkeit des Kindes erzählt er ebenso wie von der Enge des Wohnhauses der Eltern (→ Armut), vom Tod des Vaters, der Neuheirat der Mutter, von der Leselust des Knaben und von der Prophezeiung der Alten, die der Mutter voraussagt: „Ihr Sohn wird ein großer Mann werden und ihm zu Ehren wird Odense einmal illuminiert werden“, ehe sich der 14-Jährige aufmacht, um nach Kopenhagen zu laufen. Die Alte sollte recht behalten. Heute feiert die Stadt auf der dänischen Insel Fünen ihren berühmten Sohn, nicht nur mit einem Museum im Hans Christian Andersens Hus, in dem Andersen groß geworden ist, sondern auch mit einem 2021 eröffneten Museumsneubau des japanischen Architekten Kengo Kuma.

Z

wie Zunge

Sie hat „die schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meere“, heißt es von der kleinen Meerjungfrau, einer der berühmtesten Figuren aus dem gleichnamigen Märchen, der man an der Uferpromenade von Kopenhagen ein bronzenes Denkmal gesetzt hat, das sehr klein, fast bescheiden wirkt angesichts der Abertausenden von Abbildungen, die es von ihm gibt. Die Meerjungfrau tauscht, um an Land und zum Prinzen zu gelangen (→ Matratze), den sie vor dem Ertrinken gerettet und in den sie sich verliebt hat, bei der Meerhexe Unsterblichkeit gegen Sterblichkeit, den Fischschwanz gegen Beine, „plumpe Stützen, die schmerzen, „als ob ein scharfes Schwert sie durchdringe“, und gibt auch noch das Beste, was sie besitzt, ihre Stimme. Die Hexe schneidet der Seejungfrau die Zunge ab, eine grausame Geste, die sich schließlich fürchterlich rächen wird.