Kino | Rache im Iran: Panahis Film aufwärts Oscar-Kurs trotz Haftstrafe
Die Goldene Palme hat der iranische Regisseur Jafar Panahi mit „Ein einfacher Unfall“ schon gewonnen, nun geht er mit seinem Film über Menschlichkeit und Rache auf Oscar-Kampagne – trotzt drohender Haft und Berufsverbot im eigenen Land
Ali (Majid Panahi, Mitte) und Goli (Hadis Pakbaten, rechts) hatten eigentlich andere Pläne
Foto: LesFilmsPelleas
Bei der ersten Szene wird man eventuell etwas ungeduldig. Wer sind diese Figuren, die da in einem Auto sitzen und nur Banales von sich geben? Das soll der Gewinner der Goldenen Palme in Cannes sein? Vom gepriesenen iranischen Regisseur Jafar Panahi, einem der mutigsten Vertreter seiner Zunft, den weder Haft noch Berufsverbot vom Filmemachen abhalten können?
Erst im Dezember ist Panahi erneut zu einem Jahr Haft und einem zweijährigen Ausreiseverbot verurteilt worden, allerdings in Abwesenheit, befindet er sich doch auf „Publicity Tour“ mit eben diesem Film, Ein einfacher Unfall, der Frankreichs Oscar-Vorschlag für den besten Internationalen Film ist.
Wie gesagt, bei so viel politischer Aufladung erwartet man etwas anderes als das: ein Ehepaar auf der Heimfahrt über unbeleuchtete Straßen; sie im Hidschab, er am Steuer, hinter ihnen auf dem Rücksitz eine kleine Tochter, die den Vater bittet, die Musik lauter aufzudrehen. Gut gelaunt gibt er nach und wippt ebenfalls im Takt des hippen Schlagers mit.
Es ist eine konservative Kleinfamilienidylle – bis es einen dumpfen Schlag macht und sich herausstellt, dass der Vater einen Hund überfahren hat. Das kleine Mädchen ist untröstlich, der Vater vor allem irritiert und die Mutter völlig ungerührt. „Es war nur ein Unfall“, hält sie der weinenden Kleinen vor.
Dass die Stelle mehr ist als nur die Einführung des titelgebenden Satzes, erfasst man vielleicht erst im Nachhinein, dennoch befindet man sich schon da völlig im Griff des Regisseurs, dessen Spezialität es ist, das Regime in Teheran aus der Perspektive des Alltags und der „kleinen“, normalen Bürger kritisch in den Blick zu nehmen.
Am Quietschen den Holzbeins erkannt
Die Kleinfamilie im Auto muss wenig später eine Werkstatt aufsuchen. Dort aber glaubt der Monteur Vahid (Vahid Mobasseri) im Vater (Ebrahim Azizi) den Mann zu erkennen, der ihn im Gefängnis gefoltert hat. Es lässt ihm keine Ruhe – er verfolgt ihn am nächsten Tag und kidnappt ihn auf offener Straße mit dem Ziel, ihn umzubringen.
Doch dann, Vahid hat schon das Grab ausgehoben, wird er sich unsicher, ob er den Richtigen erwischt hat. Schließlich hat er ihn lediglich am Quietschen seines Holzbeins identifiziert, kennt er doch als ehemaliger Häftling weder die Identität noch das Gesicht seines Peinigers. Der Gefesselte beteuert seine Unschuld; Vahid beschließt, andere ehemalige Gefangene aufzusuchen, die ihm helfen könnten.
Bald fährt Vahid in seinem Lieferwagen nicht nur den vermeintlichen Folterer durch die Gegend, sondern dazu eine bunte Gesellschaft von „Ehemaligen“, die in unterschiedlicher Intensität vom Gedanken der Rache angesteckt sind: Da ist die selbstbewusste Fotografin Shiva (Mariam Afshari), die mit kurzen grauen Haaren und weißen Cargohosen schon ausdrückt, dass sie nicht den Erwartungen des Weiblichen entspricht. Anders als ihre Freundin Goli (Hadis Pakbaten), die von den Hochzeitsvorbereitungen noch im Brautkleid mitkommt, mit Bräutigam Ali (Majid Panahi) im Schlepptau.
Dann lesen sie noch Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) auf, der mit hitzigem Temperament bald alles und jeden beschuldigt. Die Haft hat ihn paranoid gemacht. Alle haben sie Schwierigkeiten, zur Tat zu schreiten, aber die Konfrontation lässt das Trauma, die Wut über das, was sie erleiden mussten, an die Oberfläche kommen. Sie wollen Rache, aber sie wollen auch nicht selbst zu Folterern werden, sondern menschlich bleiben, empfindsam, ohne „Ist-doch-nur-ein-Unfall“-Attitüde.
Mit dem Humor einer Screwball-Comedy stellt Panahi die Hilflosigkeit und Widersprüchlichkeit seiner ungelenken Helden heraus – und besteht auf ihre menschliche Fehlbarkeit. Es ist ein zugleich grotesker und zärtlicher Film, der bei aller Wut auf das Regime die Hoffnung auf ein gerechteres Danach ausdrückt.
Ein einfacher Unfall Jafar Panahi Frankreich/Iran 2025, 103 Min.