Kino | Noch einmal wie, Fürbitte: Die Gründe zu Gunsten von die Remake-Schwemme im Kino
Die Klage darüber, dass sich alles nur wiederholt, ist gewissermaßen selbst schon ein Remake, ein wiederkehrendes Thema in der Kulturkritik, seit es sie gibt. Dennoch erscheint der Mangel an Neuem, wie er sich gerade im Kino bemerkbar macht, mindestens auffällig. Von Jurassic World: Die Wiedergeburt über Die Schlümpfe und Karate Kid bis zu Superman und den Fantastic Four: First Steps beherrschen Fortsetzungen und Neuauflagen alter Filme den aktuellen Kinomarkt so stark wie noch nie.
Die Remake-Welle lässt dabei kein Genre aus: Weder die Zombie-Apokalypse, die in 28 Years Later fortgesetzt wurde, noch der Horrorfilm mit Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast werden ausgelassen, allerdings mit durchwachsenem Erfolg. Dafür führen die sogenannten „Live-Action-Remakes“ vorheriger Animationsfilme wie Drachenzähmen leicht gemacht und Lilo & Stitch die Hitlisten an. Letzterer ist mit knapp über einer Milliarde Dollar Einspiel der bislang erfolgreichste Film des Jahres.
Und obwohl es immer wieder heißt, dass Humor schlecht altert, kamen mit Freakier Friday, Die nackte Kanone und Das Kanu des Manitu in den letzten Wochen gleich drei sehr prominente, späte Fortsetzungen früherer Komödienhits heraus. Das Kanu, so zeichnet sich nach wenigen Tagen bereits ab, wird sehr wahrscheinlich noch der erfolgreichste deutsche Film des Jahres werden. Von einem weiteren Sequel, Avatar 3, erwartet man im Dezember dann die ganz großen Einnahmen.
Nun sind Fortsetzungen und Remakes ihrerseits keine Neuerfindungen der letzten Jahre, sondern fester Bestandteil der Filmbranche, mindestens seit der Einführung des Tonfilms, die die Neuverfilmungen von Stummfilmstoffen geradezu notwendig erscheinen ließ. Doch hat das Phänomen seit Covid eine neue Stufe erreicht.
Der Vergleich der Bestenlisten über die Jahrzehnte hinweg zeigt den Hang zum Fortsetzen und Recyceln als sich stetig verstärkenden Trend seit den 1970er Jahren. Damals dominierten mit den Regisseuren des „New Hollywood“ noch die Originalstoffe, aber mit Star Wars war zum Jahrzehnt-Ende das moderne Muster der Franchise-Trilogie geboren, das sich in den 1980ern mit den Rocky-, Rambo-, Indiana-Jones– und Zurück-in-die-Zukunft-Filmen fest etablierte.
Hatte „Scarface“ mehr Stil?
Es mag ein nostalgischer Blick sein, der in den Remakes von damals, wie Brian de Palmas Scarface (1983, nach Vorlage eines Films von 1932) oder David Cronenbergs Die Fliege (1986, Original von 1958), noch mehr den Stilwillen ihrer Regisseure als die kommerziellen Interessen erkennen will. Sie waren jedenfalls mehr Ausnahme als Regel: Die grobe Schätzung des Anteils von Fortsetzungen und Zweitverwertungen im Kinogeschehen der 1980er und 1990er veranschlagt um die 15 bis 20 Prozent. Im neuen Jahrtausend steigerte sich dieser Prozentsatz auf eher 30 bis 40 unter den breit vertriebenen Filmtiteln. In diesem Jahr wird gefühlt ein Spitzenwert erreicht.
Als Erklärung für das Phänomen wird oft zum Naheliegenden gegriffen: Nach der erschütternden Krise der Pandemie und überhaupt den Unsicherheiten der aktuellen Lage setze man eben auf Vertrautes. Das gilt sowohl für die Filmproduktion wie für den Kinobesuch. Die Macher seien weniger risikobereit und verließen sich auf bewährte Rezepte, heißt es. Den Kinobesuchern attestiert man eine Scheu vor dem Unbekannten, die sie den großen Namen und etablierten Stoffen eher folgen lässt als neuen Regisseur:innen und neuen Titeln.
Ganz falsch ist die Erklärung nicht, wenn sie auch für die Produktionsseite mehr Sinn macht als auf der Seite der Besucher. Tatsächlich verteuerte sich die Filmproduktion während Corona und danach erheblich, was bei sich aufblähenden Budgets weniger Filme möglich machte. Der Autoren-Streik von 2023 verschärfte diese Situation zusätzlich. Die Film- und Serienproduktion in den USA durchlebte eine Welle der Einschnitte und Einsparungen, mit dem Ergebnis, dass heute sehr viel weniger große und mittelgroße Filme in die Kinos kommen als noch im letzten Jahrzehnt. Und im kleiner gewordenen Angebot dominiert dann tatsächlich das Altbewährte aus der Kategorie „Sichere Nummer“.
Dass der Trend zu Sequel und Remake aber schon seit den 1980ern wirksam ist, spricht dafür, dass neben den marktzyklischen noch andere Kräfte wirken. Man kann den Hang zur Wiederaufbereitung alter Stoffe auch als typisches Anzeichen eines Alterungsprozesses sehen, schließlich ist das Kino als Kultur-Industrie erst im 20. Jahrhundert „erwachsen“ geworden. Die Anzahl der Filme, auf die man sich beziehen kann, wächst ständig. Manches muss erst vergessen sein, bevor es sich neu präsentieren lässt.
Hang zur Nostalgie erklärt Remake-Schwemme nur unzureichend
Andererseits darf man mit späten Fortsetzungen auch nicht zu lang warten. Man will schließlich jene, die in den 1980ern über Die nackte Kanone oder Anfang der 2000er über den Schuh des Manitu gelacht haben, noch erreichen können. Immer wieder wird deshalb auch der Hang zur Nostalgie als Begründung für die Sequel-Flut angeführt. Doch da der sehnsuchtsvoll-sentimentale Blick zurück kein Privileg einer speziellen Generation ist, sondern alle irgendwann erwischt, kann das die gegenwärtige Schwemme alter Stoffe nur unzureichend erklären.
Unterschätzt wird bei solchen Zeitgeistdiagnosen eher die Rolle, die die technischen Umwälzungen auf dem Kulturkonsummarkt spielen. Eine launige Beschreibung des speziellen Unglücks der Generation X geht wie folgt: Sie war es, die ihre Plattensammlung erst durch Kassetten ersetzen und diese dann gegen CDs eintauschen musste, nur um sich wenige Jahre später gezwungen zu sehen, zur MP3-Sammlung überzugehen – und heute trotz alledem ein Abo braucht, um weiter Musik hören zu können. Der digitalisierungsbedingte Medienwechsel im Filmeschauen entwickelte sich mit Übergang vom Video zu DVD und Streaming-Abo ganz ähnlich.
Die Medienwechsel wirkten dabei in zwei Richtungen gleichzeitig: Einerseits wurde vieles verfügbar, wozu vorher nur Privilegierte Zugang hatten. Andererseits wurde das, was sich aus verschiedensten Gründen nicht digitalisieren ließ, gleichsam ausgelöscht. Insgesamt verstärkte sich der Druck hin zum Aktuellen und ständig Neuen, nicht nur, weil die Streamingdienste notorisch dünne Kataloge an alten Filmen im Angebot halten, sondern weil der Rhythmus der Neuerscheinungen nun mal die Konversation bestimmt.
Man kann das ohne falsche Sentimentalität betrachten: In der Medienumgebung der 1970er und 1980er waren alte Filme noch viel mehr Bestandteil des alltäglichen Kulturkonsums. Nicht nur, dass Filme aus den USA hier manchmal erst mit Jahren Verspätung in die Kinos kamen und in den Programmkinos mehr Werke aus der Filmgeschichte liefen – vor allem das Fernsehen bot täglich ein Sammelsurium von Produktionen aus verschiedensten Jahrzehnten.
Anschluss an das kulturelle Gedächtnis
Die deutsche Erfolgskomödie Der Schuh des Manitu ist wie sein spätes Sequel jetzt ein Spiegel genau dieser Rezeption, die zum Beispiel Harald Reinls Winnetou-Filme lang über deren Haltbarkeitsdatum hinaus aktuell hielt. Als Kind der 1970er oder 1980er Jahre suchte man sich nicht selbst aus, welche Western oder Classic-Hollywood-Filme man schauen wollte. Man nahm, was die Sender einem anboten – und konnte Entdeckungen machen. Heute schauen die Jüngeren kaum mehr Fernsehen, sondern versorgen sich im Internet und auf Youtube mit „Content“. Dort herrscht der Sog des ständig Neuen, für altes Material fehlt die Geduld.
In dieser Medienlandschaft mit ihrem Zwang zur ständigen Aktualisierung erfüllt die Welle der Remakes und Sequels noch mal einen anderen Zweck als den des bloßen Geschäftemachens. Auf ihre Weise nämlich schaffen Jurassic Park: Die Wiedergeburt, Die nackte Kanone und auch Das Kanu des Manitu inmitten der Gegenwartsbesessenheit Anschlüsse ans Vergangene und halten ein kulturelles Gedächtnis wach, das sonst überschrieben würde. Jedes Remake macht noch einmal Werbung für sein Original. Womit auch die besondere Popularität der sogenannten „Legacy Sequels“ erklärt wäre, bei denen, wie in Freakier Friday oder Das Kanu des Manitu, die Figuren nach vielen Jahren noch einmal zusammenfinden, um mehr oder weniger das Gleiche zu tun wie damals.
Man kann über die Qualität all der Fortsetzungen und Neuauflagen in diesem Jahr geteilter Meinung sein. Bislang jedenfalls scheint kein einziger Titel darunter zu sein, von dem man sagen wollte, er sei besser als sein Original, wie man es etwa von Cronenbergs Die Fliege heute behauptet. Richtig sichtbar wird das erst in Retrospektive werden. Aus der Rückschau wissen wir auch: Das Neue entsteht oft im Rückgriff auf das Alte, quasi in dessen Verkleidung. Ein Erfolgsrezept spätestens seit der Renaissance.