Kino | Harry Lightons Film „Pillion“: Sex mit dem Leder-Biker
In Harry Lightons „Pillion“ geht es um einen jungen schwulen Mann, der erste Erfahrungen mit freiwilliger sexueller Unterwürfigkeit macht. Der Film erzählt davon mit viel Humor und großer Nachsicht für alle, die von den Normen abweichen
In manchen Beziehungen gibt einer den Ton an, während der andere folgsam ist. Darum geht es in Harry Lightons „Pillion“
Foto: Chris Harris
Ob Colin (Harry Melling) schon etwas ahnt, als ihn – auf dem Weg zu einem Weihnachtsauftritt mit der Barbershop-Gesangstruppe – ein in Leder gekleideter Motorradraser an seinem Auspuff schnuppern lässt? Chariot, die 1963 entstandene italienische Version von Little Peggy Marchs Schlager I Will Follow Him, läuft dazu auf der Tonspur, im Text geht es um den Wagen des Geliebten, in dem man ihn überallhin begleiten würde.
Die erste Szene von Harry Lightons Liebesfilm Pillion (englisch für „Sozius“) stellt sein Thema somit aufs Bezauberndste vor: Es geht um eine Beziehung, bei der einer den Ton angibt, vorfährt. Und der andere nicht nur folgt, sondern folgsam ist. Colin kann kurze Zeit später, als er nach dem Konzert mit dem Strohhut in der Hand die Pubgäste abklappert, seinen Augen kaum trauen: Sitzt da doch jener Leder-Biker mit dem dicken Auspuff in der Ecke.
Der beeindruckende Ray (Alexander Skarsgård) macht zwar keine überflüssigen Worte, hinterlässt dem schüchternen, jüngeren Mann jedoch seine Telefonnummer. Und so kommt es, ausgerechnet am Heiligen Abend, zu einer ersten Begegnung, bei der Colin einiges darüber lernt, was Ray will und was er selbst will. Das Stiefellecken mit anschließendem Blowjob, das sich Ray hinter ein paar Mülltonnen in der verwaisten Fußgängerzone Bromleys von ihm geben lässt, während beider Hunde (Colins Dackelchen und Rays riesiger Wachhund) brav warten, kann er jedenfalls nicht vergessen.
Die erste „DomCom“ der Filmgeschichte
Pillion ist eine „DomCom“, wahrscheinlich die erste der Filmgeschichte. Denn Ray kommuniziert klare Vorstellungen davon, wie das Verhältnis zwischen ihm und Colin zu sein hat: Colin kauft für Ray ein, er kocht, putzt und schläft in seiner selbst gewählten Rolle als „Sklave“ auf der Fußmatte seines „Doms“. Als Belohnung wird er in Rays aus weiteren Herren-Sklaven-Beziehungen bestehende, schwule Bikerclique aufgenommen.
Ray spendiert ihm ein Lederoutfit und eine Halskette mit Schloss, lässt ihn hinter sich auf dem Motorrad sitzen, fordert Analplug-Training ein und nimmt ihn mit zu Outdoor-Picknicks, bei denen die Herren Karten kloppen, während die Sklaven brav und rumpfunterhalb nackt auf Tischen liegen und warten, dass sie dran sind. Quasi zum Dessert.
Dass Regisseur und Drehbuchautor Lighton, der mit Pillion einen 2020 erschienenen Roman von Adam Mars-Jones adaptiert, in seiner liebevollen Komödie keine seiner Figuren verrät, sondern sie allesamt mit der gleichen Toleranz und Menschlichkeit behandelt, ist die große Stärke des Films.
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Ein Herz für die, die es anders wollen
Leicht hätte die Beschreibung einer solch ungewöhnlichen und von manchen Menschen eventuell schwer zu begreifenden Beziehung voreingenommen oder ausbeuterisch geraten können. Doch Lighton hat ein Herz für seine Charaktere.
Sowohl für Colins krebskranke Mutter, die ihrem jüngsten Sohn eifrig alles Gute wünscht und ihm für das erste Treffen rät, „Papas Lederjacke“ auszuleihen, das würde dem Biker doch bestimmt gefallen. Die das Verhältnis zwischen Colin und Ray aber dennoch mit Argwohn betrachtet.
Auch für den von Skarsgård mit der notwendigen blendenden Physis ausgestatteten, wortkargen Ray, der Karl Ove Knausgård schmökert, (schlecht) Debussy spielt und den Namen seines Hundes als Tattoo auf der Brust trägt. Für Rays Freunde, die mit wenigen Pinselstrichen als diverse, selbstbestimmte Truppe gezeichnet werden. Und für Colin, der nach einiger Zeit als Sklave genug Erfahrungen gesammelt hat, um seine Erwartungen an einen Partner neu zu evaluieren – und daraus weitreichende Konsequenzen zieht.
Als Colins Mutter Ray bei einem verunglückten gemeinsamen Dinner vorwirft, ihr gefalle sein Ton gegenüber ihrem Sohn nicht, gibt Ray knapp zur Antwort: „Das muss ja auch nicht Ihnen gefallen. Sondern Colin.“ Selten wurde sexuelles Selbstverständnis so treffend auf den Punkt gebracht.
Pillion Harry Lighton Großbritannien/Irland 2025, 106 Minuten