Kino | „Der Magier im Kreml“ ist jener perfekte Film für jedes Freunde von Russland-Klischees
„Dieser Roman führt uns ins Zentrum der russischen Macht“, verspricht raunend der Klappentext zu Der Magier im Kreml. Im April 2022, aber auch noch im Februar 2023, als die deutsche Übersetzung erschien, machte ein solches Versprechen den Debütroman des italienisch-schweizerischen Politikwissenschaftlers Giuliano da Empoli zum beklatschten „Buch der Stunde“. Nach dem Überfall auf die Ukraine war seriöse Berichterstattung aus Russland einmal mehr zum raren Gut geworden, da konnte da Empoli, der selbst kein wirklicher Experte auf dem Gebiet ist, mit seiner „Reise ins Herz der Finsternis, (…) einem Imperium der Lüge“ (erneut Klappentext) punkten.
Drei Jahre später hat sich der Reiz solcher Reiseversprechungen etwas abgenutzt. Was den französischen Regisseur Olivier Assayas nicht davon abhalten konnte, den Roman mit prominenter Besetzung zu verfilmen. Jude Law spielt Putin, Paul Dano die fiktive Titelfigur Wadim Baranow, Alicia Vikander seine noch fiktivere Geliebte Ksenia. Gedreht wurde in Riga, wobei Luftaufnahmen aus dem Archiv immer wieder nach Moskau versetzen sollen. Oder, um im Geist der Vorlage bei den Phrasen zu bleiben: Kein Aufwand wurde gescheut.
Das Drehbuch, das Assayas zusammen mit Emmanuel Carrère verfasst hat, behält das Erzählgerüst des Buchs bei. Gemäß einem bewährten Muster der bürgerlichen Literatur begegnet da ein Ich-Erzähler – Jeffrey Wright gibt einen an Jewgeni Samjatins dystopischem Roman Wir forschenden Literaturprofessor – einem Mann des inneren Kreises, dessen Aussagen über „den Zaren“ er dann protokolliert.
Keine neue Erkenntnis, keine interessante Perspektive
Was im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Verfahren war, das durch seine gestaffelten Erzählebenen distanzierende Kritik ermöglichte, wird beim Magier im Kreml zum Mittel eines verschwiemelten Expertentums, das sich immer da, wo man es genau wissen will, hinter der Fiktion versteckt, und da, wo man die Fiktion anzweifelt, auf die angeblich groteske Realität verweist.
Dabei könnte alles so spannend sein: Als Wrights Literaturwissenschaftler zum Tee auf dem Landgut von Danos Baranow eintrifft, beginnt eine Art Geschichtsbeichte: Baranow, für den sich da Empoli vom bunten Leben des Kultur-Impresarios und späteren Kreml-Beraters Wladislaw Surkow inspirieren ließ, entführt den Zuschauer auf einen wilden Ritt von den 1980ern bis in die späten 2010er Jahre, von den keimenden Hoffnungen der Perestroika über das Chaos der „fiebrigen Neunziger“ bis hin zum Putin-Regime und zu seinen Erfindungen der „Machtvertikalen“ und der „souveränen Demokratie“.
Nur dass Assayas das alles zwar mit den zeitgemäßen Frisuren, Klamotten und sich wandelnden technischen Gadgets inszeniert, aber gänzlich ohne erkennbaren Ehrgeiz, irgendwo eine neue Erkenntnis oder auch nur eine interessante Perspektive zu entdecken.
Viele Phrasen, kaum Gedanken
Alles ist genau so, wie man es bereits gehört hat: Zuerst war auch Moskau „arm, aber sexy“, dann musste man den volltrunkenen Jelzin an einen Stuhl binden, damit er noch Fernsehansprachen halten konnte. Derweil übernahmen raffgierige Oligarchen wie Michail Chodorkowski und Boris Beresowski die Macht im Hintergrund.
Putin als Jelzin-Nachfolger zu berufen, erwies sich von deren Seite dann als fatale Fehlkalkulation. Einmal bestellt, nutzt der im Film bald „Zar“ genannte Ex-Geheimdienstler jedes Bombenattentat und jedes U-Boot-Unglück immer nur zum eigenen Machterhalt. Tschetschenien, das Internet, Troll-Fabriken, Prigoschin – in den 156 langen Minuten des Films kommt (fast) alles vor, begreifen muss man davon nichts.
Die Fülle des Stoffs lullt den Zuschauer so ein, dass er den grobschlächtigsten Sentenzen kaum mehr Widerstandskraft entgegensetzen kann: „Die Russen waren müde und wollten Ordnung“; „Macht in Russland ist anders“; „Stalin ist nicht trotz, sondern wegen seiner Verbrechen populär“ und, und, und.
Wenn mal ein Gedanke unter all den Phrasen hervorscheint, wird er mit übermäßig großem Stolz serviert: Die – von Putin selbst so getaufte – „souveräne Demokratie“ sei für die Demokratie das, was ein elektrischer Stuhl für einen Stuhl sei. Haha!
Eine Frauenfigur gibt es – und die ist überflüssig
In fast jeder Szene dieses spürbar langen Films sitzen sich Männer gegenüber, in Ledersesseln, an Restaurant-, Bar- oder Café-Tischen und tauschen im Gespräch das aus, was man Exposition nennt. Endlos wird rekapituliert: „Russland brauchte schon immer starke Männer.“ Ihre Wichtigkeit wird stets dadurch unterstrichen, dass ein Kellner oder eine Hausangestellte ihnen Champagner kredenzt. Alicia Vikander als Ksenia ist die einzige Frauenfigur und für die Handlung auf eine Weise überflüssig, die fast beleidigend wirkt.
All das lässt den Schauspielern nur wenig Chance, ihr Können zu zeigen. Dabei hat Jude Law den Gestus, den Gang, die Mimik von Putin wirklich sehr genau studiert. Paul Dano macht als Baranow so gut wie nichts, was auch gut ist. In den Nebenrollen deuten Will Keen als fahriger Dampfplauderer Beresowski und Tom Sturridge als der von Chodorkowski inspirierte Sidorow an, was drin gewesen wäre, wenn man wirklich ein Drama über Macht in Russland hätte entwickeln wollen.
Man kann diesem Film nicht vorwerfen, dass er Putin und die russische Machtelite zu positiv zeige oder gar „Kreml-Propaganda“ betreibe. Sehr wohl aber, dass sein Gestus des Erzählens aus dem „inneren Kreis“ in Wahrheit nur als Ausrede dient, alte und neue Russland-Klischees wiederzugeben.
Der Magier im Kreml Olivier Assayas USA/Frankreich 2025, 156 Minuten