Kims Atomwaffen: Iranische Lektionen zu Gunsten von Nordkorea

Während die Angriffe der Vereinigten Staaten und Israels auf Iran mit unverminderter Härte weitergingen, hielt Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un vergangene Woche eine Grundsatzrede: „Wir werden unseren Status als Atommacht weiterhin konsequent und unumkehrbar festigen und zugleich unseren Kampf gegen feindliche Kräfte aggressiv verstärken“, sagte er vor dem Parlament in Pjöngjang.
Dass Kim Jong-un diese Position gerade jetzt demonstrativ bekräftigt hat, ist kein Zufall. Das Nordkorea-Fachportal „38north“ hat acht Lektionen identifiziert, die Nordkoreas Führung aus dem Irankrieg lernen könnte – und diese dürfte die wichtigste sein: Atomwaffen bieten Schutz vor amerikanischen Angriffen.
Nordkoreas Regime sieht sich seit seiner Gründung von den USA bedroht, es steckt viel Geld in die Stärkung seines Militärs und die Vorbereitung einer möglichen Konfrontation. „Eine bestehende Nuklearstreitmacht muss für den Norden sicherlich als besserer Schutz erscheinen als die Strategie der nuklearen ‚Absicherung‘, die für Teheran eindeutig gescheitert ist“, heißt es in der Analyse.
Der Irankrieg dürfte Pjöngjang in dem bestärken, was es schon beim Sturz Gaddafis in Libyen 2011 und bei den Schlägen gegen Iran vorigen Sommer beobachtet hat: Abmachungen mit dem Westen, in denen Länder ihre Atomprogramme aufgeben, schützen deren Regime nicht.
Test eines neuen Raketenantriebs
Allerdings bringen nukleare Sprengköpfe dem Regime wenig, wenn es keine Raketen hat, um die USA oder deren Verbündete zu treffen. Nordkorea entwickelt deshalb unter anderem ballistische Interkontinentalraketen, die auch die Vereinigten Staaten erreichen könnten.
Am Sonntag berichteten die Staatsmedien, Kim habe dem Test eines neuen Raketenantriebs beigewohnt, von dem Experten vermuten, dass Nordkorea ihn für solche Raketen nutzen will. Das könnte angesichts des Irankriegs eine Demonstration sein, dass Pjöngjang diese Fähigkeiten besitze. Mitte März hat Kim laut Staatsmedien während einer amerikanisch-südkoreanischen Militärübung einen Test eines atomwaffenfähigen Mehrfachraketenwerfersystems beaufsichtigt, das Ziele in bis zu 420 Kilometer Entfernung treffen könne. Fast jeder Ort in Südkorea liegt in dieser Reichweite.
Lektion Nummer zwei ergibt sich daraus, dass die USA und Israel gleich zu Beginn ihres Angriffs die wichtigsten Personen des iranischen Regimes ausgeschaltet haben. Allerdings dürfte es für Nordkorea schwierig sein, sich auf die Fortführung der Verteidigung vorzubereiten, wenn die oberste Führungsriege getötet oder von Kommunikation abgeschnitten wird. Das ganze System ist auf die zentrale Führungsfigur Kim Jong-uns ausgerichtet.
Das Regime wird wohl seine Raketenvorräte aufstocken
In mittlerweile dritter Generation funktioniert das Regime als Erbdynastie. Dass die vierte Generation bald übernehmen könnte, ist unwahrscheinlich: Kims Tochter Kim Ju-ae, die bei öffentlichen Auftritten als mögliche Nachfolgerin in Position gebracht wird, ist nach südkoreanischen Geheimdienstangaben erst etwa 13 Jahre alt.
Der ehemalige nordkoreanische Nahost-Diplomat Ryu Hyun-woo, der nach Südkorea geflohen ist, hält eine dezentrale Machtstruktur nicht für realistisch. Dem Nachrichtenportal „Daily NK“ sagte er, in Pjöngjang „herrscht seit Jahrzehnten eine Diktatur ohne Stellvertreter und ohne politische Konkurrenz“. Wenn Kim Jong-un beseitigt würde, verschwinde das Zentrum der Macht einfach.
Zu beobachten war die Bündelung der Macht etwa im März, als Kims Schwester Kim Yo-jong ihren Sitz im Komitee für Staatsangelegenheiten, dem höchsten Regierungsorgan, verlor. Sie galt als enge Vertraute ihres Bruders und hatte Nordkorea auch international vertreten. Ihr Ausschluss geht wohl auf Betreiben Kim Jong-uns zurück, berichtete „Daily NK“.
Zwei weitere Lektionen beziehen sich auf Nordkoreas nicht atomares Waffenarsenal. Das Regime werde wohl, so „38north“, seine Raketenvorräte aufstocken sowie lernen, günstige Drohnen zu nutzen und sich gegen sie zu wappnen. Wie schon der Krieg in der Ukraine zeige der Irankrieg, dass moderne konventionelle Kriegsführung viel Munition verbrauche. Nordkorea hat nach Einschätzung des Portals damit begonnen, seine eigene Produktion an Drohnen, Raketen und Abschusseinrichtungen zu steigern.
Drohnen werden auch für Pjöngjang wichtig
Zudem müsse Pjöngjang sich auf eine wirksame Raketenabwehr einstellen – das ist die nächste Lehre. Der Irankrieg zeige, dass amerikanische Abwehrsysteme wie das in Südkorea stationierte THAAD sehr effizient seien. Das Regime werde daher voraussichtlich versuchen, die Kapazität einzelner Abfangstationen zu überwältigen, auch mit Drohnen. Außerdem werde es wohl Radarsysteme, die für die Erkennung von Raketen nötig sind, vorrangig attackieren.
Auf seinem eigenen Territorium, so die nächsten beiden Lektionen, müsse Nordkorea sich darauf einstellen, die Kontrolle über den Luftraum zu verlieren und seine mobilen Raketenabschussstationen zu schützen. Im iranischen Luftraum haben die USA und Israel relativ große Freiheit. Das zeige Nordkorea die Notwendigkeit, die eigene Luftverteidigung zu stärken. Im Kampf würde Pjöngjang voraussichtlich verstärkt die gegnerischen Luftbasen angreifen, elektronische Störsignale senden und eigene Anlagen etwa durch Tarnung und Attrappen schützen.
Bevor es dazu kommt, wird Nordkorea nach Anzeichen eines bevorstehenden Angriffs schauen. Pjöngjang beobachte seit Langem die amerikanische Truppenpräsenz in der Region genau, heißt es bei „38north“. Die Verlegung von Truppen, auch zu Übungszwecken, werde als Zeichen eines möglichen Schlags gewertet. Der Fall Iran, so die letzte Lektion, bekräftige diese Sichtweise.
Source: faz.net