Kim-Dynastie in Nordkorea: Die kleine Tochter des Diktators
Als der Vater neben der Tochter die Militärparade abnimmt, wie üblich nachts, wendet er sich ihr zu. Mit ausgestrecktem Finger zeigt er dem Kind die Soldatenmassen, die Ende Februar durch Pjöngjang marschieren. Es ist nicht der Machtapparat, der an der Seite von Kim Jong-un auf der Ehrentribüne steht, es ist Ju-ae. Sie trägt halb offenes Haar, einen körperbetonten Ledermantel und einen eng geschnürten schwarzen Gürtel. Auch in Nordkorea nicht unbedingt typisch für ein dreizehn Jahre altes Kind. Aber Kim Ju-ae ist mehr. Zuletzt wurden Bilder von ihr verbreitet, wie sie unter Kim Jong-uns Blick ein Scharfschützengewehr abfeuert. Südkoreas Geheimdienst glaubt, das Mädchen werde „gezielt“ zur Nachfolgerin des Diktators aufgebaut.
Kim Jung-un ist erst vierzig Jahre alt, allerdings stark übergewichtig und Kettenraucher. Am Neujahrstag hatte er seine Machtelite im Mausoleum zu Pjöngjang versammeln lassen. Dort sind die einbalsamierten Leichname seines Vaters und Großvaters ausgestellt, Kim Jong-il und Kim Il-sung. Im „Palast der Sonne“ wird dem nordkoreanischen Staatsgründer und seinem Diktatorensohn gottgleich gehuldigt.
Zum ersten Mal stand nun Ju-ae an diesem dynastischen Ort neben ihrem Vater. Schon vorher allerdings hatte Kim seine Tochter immer häufiger der Öffentlichkeit präsentiert: Ju-ae neben ihrem Vater vor einer ballistischen Interkontinentalrakete. Ju-ae mit Papa im Panzerzug bei der Ankunft in Peking, dem Patron und Garanten des nordkoreanischen Regimes. Ju-ae beim Raketentest auf einem neuen Zerstörer.
Dass Nordkoreas Regime ein Kind in so jungen Jahren vorstellt, hat es noch nicht gegeben. Dazu noch ein Mädchen, in einem patriarchalisch geprägten System.
Dennis Rodman verriet den Namen der Tochter
Wie sie überhaupt heißt, hat das Regime bis heute nicht bekannt gegeben. Ihren Namen weiß die Weltöffentlichkeit von Dennis Rodman, einem früheren amerikanischen Basketballprofi, fünfmaliger NBA-Champion und reichlich exzentrisch. Die Verbindung zum nordkoreanischen Diktator kam so zustande: Jong-un verbrachte seine Schulzeit in einem Schweizer Internat in Bern und schaute Basketball und Actionfilme. In einem Film spielte Rodman mit. Als Kim Diktator wurde, suchten die USA einen Draht zu dem verschlossenen Regime. Man kam auf Basketball. Es heißt, zur Bedingung für Gespräche habe Kim eigentlich Michael Jordan gewollt, aber Jordan habe dankend abgelehnt.

Rodman, mittlerweile in einer Entzugsklinik, stimmte einer Reise nach Nordkorea zu. Eine Annäherung der Mächte gelang letztlich nicht, aber Kim und Rodman freundeten sich an. So durfte Rodman bei einem seiner Besuche 2013 Kims Baby im Arm halten. Rodman erfuhr, was Geheimdienste nicht wussten: Kims Tochter heißt Ju-ae (und es gab auch noch einen Sohn).
Neun Jahre später tauchte Ju-ae dann zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Ende 2022 zeigte das Staatsfernsehen sie neben ihrem Vater vor einer aufgerichteten Atomrakete Hwasong-17. Das Regime veröffentlichte zu dem Anlass sechs Gedenkbriefmarken. Auf fünf davon ist Ju-ae zu sehen.
Ein früherer CIA-Analyst glaubt, dass Kim Ju-ae bewusst als militärisch versiert dargestellt wird und dies darauf ziele, die mit einer weiblichen Nachfolgerin verbundene Wahrnehmung von Verwundbarkeit zu überwinden. Das Militär ist in Nordkorea das Zentrum und die Grundlage der Macht. Dass die kleine Ju-ae neuerdings selbst Waffen abfeuert und vor Atomraketen steht, solle vermitteln, dass sie vorbereitet sei.
Das Militär könnte eine Frau ablehnen
Denn Frauen spielen im Militär keine entscheidenden Rollen. Sollte eine erwachsene Kim Ju-ae dereinst plötzlich als Nachfolgerin auftauchen, könnte dies im Militär Gegenreaktionen auslösen, glauben andere. Eine Gewöhnung an die kleine Kim Ju-ae mit engen Verbindungen zum Militär könnte das abmildern.

Manche vermuten, dass Kim Jong-un seine Tochter so früh mit den Insignien der Macht vertraut macht, weil seine eigene Machtübernahme so überstürzt ablief. 2008 erlitt sein Vater Kim Jong-il einen plötzlichen Schlaganfall, da war Kim Jong-un Mitte zwanzig. Innere Machtkämpfe und mehrere Nachfolgekandidaten prägten die Zeit. Warum Kim Jong-il 2009 schließlich seinen dritten Sohn Jong-un auswählte, ist bis heute nicht ganz klar. Als der Diktator zwei Jahre später starb, blieb Jong-un nicht viel Zeit zur Machtkonsolidierung. Zunächst ließ Kim Jong-un seinen Onkel Jang Song-thaek ermorden und 2017 auch seinen Halbbruder Kim Jong-nam, der als erster Kandidat für die Nachfolge Kim Jong-ils gegolten hatte.
„Kim Jong-uns Mutter ist die dritte Ehefrau seines Vaters, Jong-un und seine Geschwister waren Kinder einer Konkubine“, erzählt der nordkoreanische Überläufer Lee Hyun-seung der F.A.S. Lees Vater hatte in China Geschäfte für das nordkoreanische Regime abgewickelt, bis Kim aus Angst um seine Macht die Beziehungen nach China kappen und dabei Funktionäre und Verwandte exekutieren ließ. Heute lebt Lee in den USA.
Lee glaubt, dass Kim Jong-un seine Tochter Ju-ae heute so vorführe, liege an Kims „psychischem Zustand“. Zur Zeit Kim Jong-ils habe der Verbindung seiner Eltern moralische Legitimität gefehlt, um den kleinen Jong-un öffentlich zu zeigen. Kim Jong-il hatte eine ganze Reihe an Freundinnen, Jong-uns Mutter war eine Tänzerin. „In Nordkorea herrscht eine stark negative Einstellung gegenüber Scheidung und Wiederverheiratung“, sagt Lee. „Wenn ein Mann nicht einmal seine eigene Familie richtig führen kann, wie kann er dann die Revolution und die Nation führen?“
Kim Jong-un will es anders machen als sein Vater
Das alles nage an Kim Jong-un. Der Diktator hege „erheblichen Groll gegen seinen Vater, weil dieser ihn und seine Geschwister nicht offener und selbstbewusster zeigte“. Deshalb sei Kim Jong-un in den ersten Tagen nach seiner Machtübernahme bewusst mit seiner Frau Ri Sol-ju aufgetreten, einer früheren Sängerin. Schon das war ungewöhnlich damals. Und jetzt nehme der Diktator eben auch Ju-ae mit, sagt Lee. Vor Spekulationen über Ju-ae als Machterbin warnt er deshalb. Das verkenne die nordkoreanischen Machtstrukturen. „Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Ju-ae ihr richtiger Name ist.“

Lee sieht keinen Grund, warum Kim Jong-un eine Zersplitterung riskieren sollte, indem er seine junge Tochter übereilt zur Nachfolgerin ausruft. Parteimitglied wird man in Nordkorea ohnehin erst mit 18, ein offizielles Amt gibt es vorher nicht. Alle Ju-ae zugeschriebenen Titel wie „Verehrtes Kind“ und „Morgenstern-General“ hätten „keine Bedeutung“, sagt Lee.
Vielmehr untermauerten ihre Auftritte das Herrschaftsrecht der Kim-Familie. Das Regime lässt dies quasireligiös verbrämen. Bei einer Militärparade 2023 wiesen die Staatsmedien auf „das legendäre Paektu-Kriegspferd unseres Marschalls“ hin, das die Kavallerie anführe. „Dahinter reiht sich das treue Pferd unserer geliebten Tochter in den feierlichen Marsch ein.“ Die Betonung der Paektu-Blutlinie oder des Paektu-Pferdes sind Schlüsselelemente der Propaganda und des Personenkults in Nordkorea.
Auf dem höchsten und heiligen Berg Paektu an der Grenze zu China soll der Diktator Kim Jong-il in einer Hütte geboren worden sein (in Wahrheit kam er in einem russischen Militärlager zur Welt). In Koreas Mythologie ist der vulkanische Berg Geburtsort des Gottkönigs Dangun, Begründer der ersten koreanischen Zivilisation vor viertausend Jahren. Nordkoreas Kommunisten erwähnen ständig eine „heilige Blutlinie“ von Paektu.
Ist es falsch, der Tochter Aufmerksamkeit zu schenken?
Der nordkoreanische Flüchtling Lee Hyun-seung kritisiert, dass Südkoreas Regierung und viele Medien das nordkoreanische Regime ungewollt legitimierten, indem sie eine „vierte Generation der Machtübergabe“ als vollendete Tatsache sähen. Wenn man eine vierte Generation hinnehme, komme das der Anerkennung der herrschenden, dritten Generation gleich, sagt Lee. „Seit die internationale Gemeinschaft diesem jungen Mädchen so viel Aufmerksamkeit schenkt, sieht Kim Jong-un eine hervorragende Gelegenheit zur Imageverbesserung“, sagt er. „Anstatt nur als skrupelloser Diktator gesehen zu werden, kann er das Bild eines fürsorglichen Vaters und warmherzigen, familienorientierten Ehemanns vermitteln“, fügt er hinzu. Das bekräftige die Fassade eines volksnahen Führers. Kim, der Familienmensch.

Lee hält es auch für möglich, dass Ju-aes Begleitung dem Diktator als menschliches Schutzschild gegen mögliche amerikanische Drohnenangriffe oder Attentatsversuche dient. „Es wäre viel schwieriger, eine Bombe abzuwerfen oder einen Angriff auf einen Ort zu starten, an dem sich ein kleines Kind aufhält“, glaubt er. Natürlich wirke es so, als würde sie auf eine Nachfolge vorbereitet. Aber das bedeute nicht zwangsläufig, dass Ju-ae tatsächlich Machthaberin werde.
Ju-ae könnte als Attrappe dienen. Südkoreas bis 2022 amtierender Geheimdienstchef Park Jie-won sagte nach dem Peking-Besuch von Ju-ae vergangenen September: „In sozialistischen Gesellschaften sind Töchter oder Frauen niemals Nachfolgerinnen oder Staatsoberhäupter geworden.“ Vielmehr könne es sein, dass Kim Jong-uns Sohn zurzeit wie einst sein Vater irgendwo im Westen studiere und Kim Ju-ae heute bloß als Strohfrau diene, um das zu verschleiern, so der frühere Geheimdienstchef.
Frauen sind in Nordkorea gemeinhin breiter Diskriminierung ausgesetzt, berichten Menschenrechtler. Der Status einer Frau sei geringer als der von Männern. Auf dem gerade beendeten Parteitag fiel die Zahl weiblicher Delegierter unter den fünftausend Funktionären auf acht Prozent. Gleichzeitig umgibt sich Kim öffentlich aber auch gern mit einflussreichen Frauen: Cho Son-hui ist seit 2022 die erste Außenministerin Nordkoreas. Und Kims mächtige Schwester Yo-jong ist auf dem Parteitag gerade in den Rang einer Abteilungsleiterin befördert worden.
Sollte Kim Jong-un später also mit einer weiteren Frau, einer weiteren Tochter oder einem weiteren Sohn in der Öffentlichkeit auftreten, was wird dann aus Ju-ae? Überläufer Lee sagt: „Nur Kim Jong-un selbst kann diese Frage beantworten.“
Source: faz.net