KI | KI-Influencer Hakim Decoded: Wo Bauarbeiter Hannah Arendt zitieren

Eine junge Frau mit künstlichen Fingernägeln, reichlich Schminke und knappem Oberteil wird in einer Fußgängerzone nach ihrem Lieblingszitat von Goethe gefragt. Sie zögert keine Sekunde: „‚Wie herrlich leuchtet mir die Natur, wie glänzt die Sonne, wie lacht die Flur.‘ Das ist aus dem Mailied.“ In der nächsten Szene wird ein Mann mit Undercut und Bart nach Kafkas bekanntestem Werk gefragt: „Ganz klar Die Verwandlung. Die Geschichte von Gregor Samsa, der sich in einen Käfer verwandelt, sinnbildlich für menschliche Vereinsamung.“

Literatur-Test in Frankfurt heißt das Video, das mit Klischees und Vorurteilen spielt. Die Interviews auf dem Social-Media-Kanal „Hakim Decoded“ triggern clever und teils auf sehr lustige Art eingeschliffene Denkweisen. Und ohne KI wären die frei erfundenen Clips vielleicht nie so gut geworden. Eine weitere Finte, die man nicht gleich erkennt.

Wiederkehrende Hauptfigur ist Hakim, ein junger Mann im Trainingsanzug, der die Umfragen durchführt. In einigen neuen Videos erschließt er sich neue Sphären. Mit seiner charmanten Art trifft er auf verwunderte Menschen im alten Ägypten und macht mit Kleopatra Selfies in der Wüste. In Köln im Jahr 1248 ist er bei der Grundsteinlegung des Kölner Doms dabei: „Das ist so heftig, wie hart die hier am Arbeiten sind.“ Die Videos sind ein Beispiel dafür, wie KI kreativ und verantwortungsvoll eingesetzt werden kann.

„Hakim Decoded“ setzt der KI-Slop-Flut etwas entgegen

Dass dies oft nicht der Fall ist, zeigt die immer größere Masse an trashig produzierten Deep Fakes, also durch KI realistisch wirkende Medieninhalte, die sich auf Social Media ungefragt in all den anderen Content in den Timelines einreihen. Das macht sie so gefährlich, da sie selten als KI-Inhalte gekennzeichnet sind.

Und wie es bei frei zugänglichen Tools so ist, reichen die hochgeladenen Videos von belanglos über geschmacklos bis schockierend: etwa wenn Stalin in einem Fast-Food-Restaurant Pommes klaut, Physiker Stephen Hawking im Rollstuhl beim Turnen am Reck inszeniert wird und sogar Deep Fakes von Menschen in Konzentrationslagern erstellt werden und als falsche historische Zeugnisse im Umlauf sind.

Das alles passiert zwischen mofafahrenden Katzen und Ronaldo, der mit Messi einen Döner zubereitet. Dabei haben die Macher dahinter erst mal nichts zu befürchten. Mit ihren ebenfalls gefakten Profilen bleiben sie unerkannt. Die Betreiber der Plattformen scheint dieser Trend bisher wenig zu interessieren.

Hinter @hakimdecoded steht Leon aus Dortmund, auch er will anonym bleiben. Ihn treibt um, dass Verrohung und Hetze von der digitalen in die echte Welt überschwappen können. Insbesondere KI-generierte Straßenumfragen auf Tiktok und Co. erschienen dem 31-Jährigen problematisch. Hier werde jede Möglichkeit genutzt, um auf Kosten bestimmter Personengruppen Reichweite zu erzeugen.

Sätze wie ‚Du kannst aber gut Deutsch‘ sind ja traurigerweise auch noch nett gemeint.

Leon aka Hakim Decoded

„Ich finde das total schade, weil Straßenumfragen eigentlich ein wichtiges journalistisches Tool sind, um aus der wirklichen Mitte der Gesellschaft ungefilterte Meinungen einzuholen“, sagt er. Doch anstatt KI an den Pranger zu stellen, hat der technikaffine Dortmunder sich entschieden, KI mit dem Projekt „Hakim Decoded“ auf seine ganz eigene Weise zu nutzen. Mit dem Upload der fingierten Umfragen in Innenstädten startete er im Sommer 2025.

Mit manchen Videos knackte er bereits die Schallmauer von einer Million Klicks: „Ich wollte etwas machen, das einen gesellschaftlichen Mehrwert bietet. Da bot sich das Thema Vorurteile an.“ Als Deutscher mit Migrationshintergrund kennt er sich damit aus, sagt Leon: „Deutsche haben Vorurteile gegenüber Deutschen mit Migrationshintergrund. Das war für mich ein großes Thema in meiner Jugendzeit. Du bist in deiner Findungsphase und musst dich immer auch damit auseinandersetzen. Sätze wie ‚Du kannst aber gut Deutsch‘ sind dann traurigerweise auch noch nett gemeint. Junge Leute, die ständig auf ihren Migrationshintergrund reduziert werden, fühlen sich weniger zugehörig. Andererseits gibt’s auch Menschen mit Migrationshintergrund in Brennpunkten, die total über Deutsche ablästern.“

Nun fragen Museen Kooperationen mit „Hakim“ an

Leon hat Hakim als unauffälligen Typen erstellt: rote Adidasjacke, Basecap, höflich. In den fiktiven Umfragen geht’s mal um Kommaregeln, Immanuel Kant, deutsche Sprichwörter oder Beautytipps: Hier zitiert ein Bauarbeiter mit blankem Bauch Hannah Arendt, da spricht ein Schwarzer in Berlin-Neukölln uriges Bayrisch.

Sein erfolgreichstes Video „spielt“ in einer Stadt im Ruhrgebiet, die überregional zuletzt durch den berüchtigten Wohnkomplex Weißer Riese traurige Bekanntheit erlangte: Auf Deutsch-Test in Duisburg-Marxloh wurde bisher rund vier Millionen Mal geklickt. Eine Reichweite, die man eher mit einem Promi oder Influencer verbinden würde. Ein beachtlicher Erfolg, der zeigt, dass Social Media auch dem Gemeinwohl und in diesem Fall sogar noch der Medienkompetenz dienen kann.

Das Prompten, wie der Prozess der Herstellung von Videos mit KI-Software heißt, ist aufwendig. So sieht Hakim nie identisch aus, so weit ist die KI noch nicht. Doch auch die KI selbst ist nicht frei von Diskriminierungen, weiß Leon: „Wenn ich beispielsweise eine glückliche deutsche Familie prompten würde, dann wird die nicht wirklich divers aussehen. Oder es werden Menschen unterschiedlicher Religionen generiert, die aber eher realitätsfern aussehen.“

Das Feedback ist überwältigend, sagt Leon. Menschen fänden sich in den dargestellten Personen wieder oder fühlten sich in ihren Denkmustern ertappt. Bildungsträger wollen seine Clips im Unterricht zeigen, Museen fragen gemeinsame Projekte an.

„Hakim Decoded“ lebt einen durchdachten Umgang mit KI als Tool vor. Gegen die Masse an schädlichen Deep Fakes werden einzelne Projekte wie dieses allerdings wenig ausrichten können. Entscheidend ist, inwiefern die Plattformbetreiber in die Pflicht genommen werden und auch, wie junge Menschen auf diesen Trend vorbereitet werden, um einen kritischen Blick auf mediale Inhalte bei der eigenen Meinungsbildung zu erlernen.