Kernkraft: „Der Drops ist gelutscht“

Totgesagte leben länger – zumindest in der politischen Debatte. Wenige Tage vor dem 40. Jahrestag des Reaktorunglücks in Tschernobyl spricht sich Unionsfraktionschef Jens Spahn dafür aus, eine Reaktivierung der zuletzt abgeschalteten Atomkraftwerke in Deutschland zu prüfen. Er beruft sich dabei auf eine Studie, wonach die stillgelegten Reaktoren „mit um die neun, zehn Milliarden Euro wieder ans Netz gehen könnten“, wie Spahn am Rande eines Forschungskongresses der Unionsfraktion am Mittwochabend in Berlin sagte. Andere Länder würden 30 bis 50 Milliarden Euro investieren, um ein neues Kernkraftwerk zu bauen. „Wir könnten mit deutlich weniger unsere gerade abgeschalteten Kernkraftwerke wieder ans Netz bringen“, rechnete Spahn vor. „Eine Diskussion ist es in jedem Fall wert.“

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte kürzlich die Abkehr von der Kernkraft als strategischen Fehler bezeichnet und die Mitgliedstaaten ermuntert, wieder mehr in diese Technik zu investieren. Für von der Leyen ist die Kernkraft auch eine Antwort auf den Irankrieg. „Eine vorzeitige Stilllegung von Anlagen, wie bestehenden Kernkraftwerken, die zuverlässigen, kostengünstigen und emissionsarmen Strom liefern können, sollte vermieden werden“, heißt es unmissverständlich in einem Entwurf für eine Mitteilung zur Energiesicherheit, die die Kommission am kommenden Mittwoch vorstellen will. Er liegt der F.A.Z. vor.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte zuvor betont, er teile die Einschätzung von der Leyens, in Deutschland hätten frühere Bundesregierungen jedoch den Ausstieg beschlossen: „Der Beschluss ist irreversibel. Ich bedauere das, aber es ist so.“ Die drei letzten deutschen Atomkraftwerke – Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 – wurden im April 2023 unter der Ampelkoalition abgeschaltet.

Stillgelegt: Im Inneren des stillgelegten Kernkraftwerks Emsland im niedersächsischen Lingen im Sommer 2025
Stillgelegt: Im Inneren des stillgelegten Kernkraftwerks Emsland im niedersächsischen Lingen im Sommer 2025dpa

Es ist nicht das erste Mal, dass Spahn eine Wiederinbetriebnahme der AKWs ins Spiel bringt. Er beruft sich dabei auf eine Analyse der US-amerikanischen Denkfabrik Radiant Energy Group, die vom US-Kernkraftaktivisten Mark Nelson gegründet wurde. Darin wird mit Verweis auf mehrere Vorhaben in den Vereinigten Staaten argumentiert, dass eine Wiederinbetriebnahme auch in Deutschland zu vertretbaren Kosten möglich wäre, obwohl der Rückbau längst läuft. Konkret ist in dem Papier, welches in Kürze veröffentlicht werden soll, von den US-Anlagen Palisades, Duane Arnold und Three Mile Island sowie Indian Point die Rede. Die Denkfabrik schreibt weiter, die Kraftwerke Brokdorf, Emsland, Grohnde, Neckarwestheim 2 sowie Isar 2 ließen sich in einem Zeitrahmen von bis zu fünf Jahren und zu Kosten von rund neun Milliarden Euro reaktivieren.

„Wir brauchen Offenheit in der Debatte über die Kernkraft“, sagte Andreas Lenz, energiepolitischer Sprecher der Unionsfraktion, der F.A.Z. Er ist jedoch skeptisch, was die Reaktivierung der abgeschalteten AKWs betrifft. „Leider wurde das Zeitfenster für einen Weiterbetrieb der deutschen Kernkraftwerke über 2023 hinaus von der Ampel nicht genutzt. Und leider konnte auch im Koalitionsvertrag kein Rückbaumoratorium verankert werden“, sagte er. „Die Reaktoren sind vielfach bereits auseinandergeschweißt.  Trotzdem kann man alles prüfen.“

Auch die AfD ist dafür, die stillgelegten Kraftwerke zu reaktivieren. Sie beruft sich auf den Verband der deutschen Kerntechnik, dem zufolge mehrere stillgelegte Kraftwerksblöcke innerhalb von drei Jahren zu Kosten von jeweils ein bis drei Milliarden Euro wieder in Betrieb genommen werden könnten. Klarer Widerspruch kam hingegen von der SPD. Die Atomkraft sei „die teuerste und die gefährlichste aller Energien, und die Endlagersuche für die Altlasten ist bis heute nicht geklärt“, sagte der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Dirk Wiese, der „Rheinischen Post“. Es sei „nicht zielführend, immer die gleichen Debatten zu führen“. Wichtig sei der Ausbau der Erneuerbaren. Ähnlich äußerten sich die Grünen.

Und auch unter Energieökonomen und in der Branche sorgt der abermalige Spahn-Vorstoß für Verwunderung. „Ich persönlich finde, dass das Abschalten von funktionierenden Kernkraftwerken keine besonders kluge Idee war“, schrieb Lion Hirth von der Berliner Hertie School am Donnerstag auf der Plattform Linkedin. Aber „der Drops ist gelutscht. Die Diskussion darüber ist mehr politischer Zirkus als energiewirtschaftliche Realität.“

In dem von Spahn zitierten Papier heißt es, für eine Wiederinbetriebnahme seien „neben Schulung und Aufstockung des Personals, Beschaffung von Brennelementen und Genehmigungen durch die Aufsichtsbehörden umfangreiche Reparatur- und Modernisierungsarbeiten erforderlich“. Zwar seien in den deutschen Anlagen mittlerweile „Komponenten wie Dampferzeuger, Hauptkühlmittelpumpen, Steuerstabantriebe, Primärkreisleitungen, Reaktordeckel oder Turbinen beschädigt, zerstört oder entfernt“ worden. Deren Reparatur oder Austausch sei jedoch in der Industrie „Routine“. Auch der Neubau von Kühltürmen sei „kein grundlegendes Hindernis“, und ein Austausch von Reaktordruckbehältern technisch nicht unmöglich.

Die Unternehmen, die sich derzeit um den Rückbau kümmern, bestreiten jedoch, dass all dies zu einem vertretbaren Aufwand möglich wäre. Eine Sprecherin der Eon-Tochtergesellschaft Preußen Elektra, die unter anderem die Anlagen Isar 2, Brokdorf und Grohnde abwickelt, teilte am Donnerstag auf Anfrage mit, diese seien „nicht mehr reaktivierbar. Daher beschäftigen wir uns auch nicht mit weiterführenden Betrachtungen in diesem Zusammenhang.“

Auch EnBW schrieb, der Rückbau ihrer fünf Kernkraftwerke – darunter auch die im April 2023 abgeschaltete Anlage Neckarwestheim 2 – sei „praktisch gesehen irreversibel“. Der Primärkreislauf, „den man vereinfacht als Hauptschlagader der Anlage bezeichnen könnte“, sei „praktisch nicht mehr vorhanden“. Auch der Reaktordruckbehälter werde bald zerlegt. Vom Essener Energiekonzern RWE, der sich um den Rückbau des 2023 abgeschalteten Reaktors im Emsland kümmert, hieß es, man wolle sich „nicht an Spekulationen beteiligen, was theoretisch alles möglich wäre“. Ein Vattenfall-Sprecher äußerte sich mehr oder weniger wortgleich.

Auch ein Neubau von Atomkraftwerken in Deutschland dürfte sehr teuer werden, glaubt Ökonom Hirth. Strom aus den neuen Kraftwerken im französischen Flamanville und in Großbritannien (Hinkley Point C) dürfte „um die 120 bis 150 Euro je Megawattstunde kosten“, schätzt er. „Das ist etwa doppelt so viel wie Windstrom und dreimal so viel wie Strom aus Solarparks.“

In Belgien findet unterdessen eine ganz ähnliche Debatte statt. Die Regierung von Ministerpräsident Bart De Wever (N-VA) hat im vergangenen Jahr den Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen. Die Laufzeit von zwei Reaktoren ist bis 2035 verlängert worden. Der liberale Energieminister, der Wallone Mathieu Bihet, dringt aber darauf, auch stillgelegte Reaktoren wieder in Betrieb zu nehmen. Unterstützung kommt aus der Industrie. Der Industrieverband Febeliec hat Ende März eine dringende Machbarkeitsstudie dazu gefordert. Kraftwerkbetreiber Engie hat darauf bisher allerdings mit wenig Begeisterung reagiert.