Keine Entschädigung: BBC entschuldigt sich zwischen Trump, doch reicht dasjenige?

Die BBC hat sich bei Donald Trump für den Zusammenschnitt seiner Rede vom 6. Januar 2021 in dem Magazin „Panorama“ entschuldigt, eine Entschädigung will sie ihm jedoch nicht zahlen. Man erkenne an, dass „unsere Bearbeitung unbeabsichtigt den Eindruck erweckt hat, wir zeigten einen einzigen zusammenhängenden Abschnitt der Rede anstatt Ausschnitte aus verschiedenen Stellen der Rede, und dass dies den falschen Eindruck erweckte, Präsident Trump habe direkt zu gewalttätigen Aktionen aufgerufen“. Dafür wolle man sich beim US-Präsidenten entschuldigen.
Eine Wiederholung der Sendung sei nicht geplant, und sie werde „in dieser Form auf keiner BBC-Plattform wieder ausgestrahlt“. Während man „die Art und Weise“, in der die Rede bearbeitet wurde, „aufrichtig“ bedauere, sei man „entschieden nicht der Meinung, dass es eine Grundlage für eine Verleumdungsklage gibt“. Der BBC-Vorsitzende Samir Shah habe sich in einem persönlichen Brief an das Weiße Haus entschuldigt, teilte die BBC am Donnerstag mit. Trump hatte eine solche Entschuldigung bis Freitagabend gefordert und gedroht, auf eine Milliarde Dollar Schadenersatz zu klagen.
„Panorama“ schnitt zwei Äußerungen zusammen
Die „Panorama“-Sendung hatte zwei Redeäußerungen Trumps, die 54 Minuten auseinanderlagen, so zusammengeschnitten, dass der Eindruck entstand, er habe seine Anhänger direkt zu Gewalt aufgerufen. „Wir werden zum Kapitol marschieren, um unsere tapferen Senatoren und Abgeordneten anzufeuern“ hatte Trump in seiner Rede gesagt und den Satz angefügt: „Ich weiß, dass alle hier bald zum Kapitol marschieren werden, um friedlich und patriotisch ihre Stimme zu erheben.“ An einer späteren Stelle der Rede sagte er: „Und wenn ihr nicht wie die Hölle kämpft, werdet ihr kein Land mehr haben. Und wir kämpfen. Wir kämpfen wie die Hölle.“
In der Bearbeitung der BBC wirkte es so, als habe Trump die Sätze – zum Kapitol marschieren und kämpfen – in einem Atemzug gesagt. Diesen Schnitt hatte der frühere BBC-Berater Michael Prescott in einem neunzehn Seiten langen internen Bericht neben anderen Unzulänglichkeiten, die er feststellte, bemängelt. Eine Reaktion der Chefetage darauf erfolgte erst, als der „Daily Telegraph“ Prescotts Report vor ein paar Tagen öffentlich machte. Der BBC-Generaldirektor Tim Davie und die Nachrichtenchefin Deborah Turness traten von ihren Ämtern zurück.
Generalverdacht der Voreingenommenheit
Die BBC steckt somit abermals in einer ernsten Glaubwürdigkeitskrise, weil sie sich zu einem gravierenden journalistischen Fehler nicht zu erklären wusste. Donald Trump, der bekanntermaßen einen Feldzug gegen unabhängige Medien führt, indem er Verlage und Sender mit Millionenklagen überzieht und Journalisten vom Informationsfluss ausschließt, bekommt dadurch die Gelegenheit, die BBC unter den Generalverdacht der Voreingenommenheit zu stellen. Methoden, derer er sich in extenso selbst bedient, wirft er ihn kritisierenden Medien regelmäßig vor.
Den nächsten Angriffspunkt gegen die BBC hat der US-Präsident schon: Nur wenige Stunden bevor die BBC am Donnerstag ihre Entschuldigung publizierte, berichtete der „Daily Telegraph“, dass die BBC-Nachrichtensendung „Newsnight“ am 9. Juni 2022 – mehr als zwei Jahre vor der Ausstrahlung der „Panorama“-Sendung vom Oktober des vergangenen Jahres – Trumps Rede in ähnlicher Weise wie das Magazin bearbeitet habe. Auch „Newsnight“ habe die Rede „manipuliert“, schreibt die Zeitung. Mick Mulvaney, der von Dezember 2018 bis März 2020 Trumps Stabschef im Weißen Haus war und von seinem Posten als US-Sondergesandter für Nordirland am Tag nach dem Sturm aufs Kapitol, den er als „versuchten Staatsstreich“ bezeichnete, zurücktrat, habe als Gesprächsgast der Nachrichtensendung den Zusammenschnitt auch sogleich kritisiert. In einer anschließenden Redaktionskonferenz, so der „Telegraph“, sei der Zusammenschnitt ebenfalls kritisch aufgefasst worden, die Chefs hätten die Bedenken jedoch weggewischt.
Nun sei „klar“, zitiert die Agentur Bloomberg einen Sprecher von Trumps Anwälten, dass die BBC den US-Präsidenten „systematisch“ diffamiert habe, „indem sie seine historische Rede bewusst und in betrügerischer Absicht bearbeitete, um zu versuchen, in die Präsidentschaftswahlen einzugreifen“. Trump werde weiterhin „diejenigen zur Rechenschaft ziehen, die mit Lügen, Täuschung und Fake News handeln“. Eine Reaktion Trumps auf die Entschuldigung der BBC lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor. Dass er von einer Klage ablässt, steht kaum zu erwarten.
Source: faz.net