Kein Platz im Verlag: Wo ist noch Platz zu Gunsten von Literaturwissenschaft?

Es gibt eine Literaturwissenschaft, die historisch zu leisten versteht, was auch Schriftstellerbiographien oder populäre Buch­einführungen leisten: im Idealfall lesenswerte In­spiration fürs Publikum (ob es nun in Hörsälen sitzt oder in Wohnzimmer-Ohrensesseln). Aber das ist nicht Literaturwissenschaft, wie sie hier verstanden werden soll. Die soll sich (und auch uns) der Anstrengung des Begriffs aussetzen, Wege beschreiten, die in den Texten ihren Ausgang nehmen, und zu Ergebnissen kommen, die neue Deutungen erlauben. In den Achtzigerjahren konnte man diese Erwartungstrias unter dem Schlagwort „Dekonstruktion“ zusammenfassen, und ihr Leitwolf war Jacques Derrida.

Es war eine Literaturwissenschaft, die sich stets auf der Grenze zu anderen Disziplinen bewegte: zu Philosophie vor allem, aber auch zur Geschichtsschreibung oder zu den Naturwissenschaften (Bruno Latour etwa). Eine rhetorisch akzentuierte Literaturwissenschaft, die gerade dadurch Verbindung aufnahm zu allem, was als Text vermittelt wird – in gewisser Weise eine Metadisziplin. Und dieser Anspruch war natürlich älter: In Deutschland hatte die 1963 erstmals zusammengetretene Forschergruppe „Poetik und Hermeneutik“ das Feld dafür bereitet, intellektuell federführend waren dabei etwa Hans-Robert Jauß, Hans Blumenberg, Peter Szondi, Wolfgang Iser. Bücher solcher Autoren galten als intellektuelle Ereignisse und fanden ihren Hauptpublikationsort bei Suhrkamp. Das blieb so, bis die Gruppe sich 1994 nach ihrer letzten Tagung auflöste, ohne es jemals verkündet zu haben. Auch schon wieder lange her . . .

Von den Schultern der Riesen aus den eigenen Leidenschaften folgen

Einer der jüngeren Teilnehmer in den frühen Siebzigerjahren und dann fester Bestandteil über die Jahrzehnte hinweg war Anselm Haverkamp, Jahrgang 1943, der 1989 an die New York University kam und außerdem in Deutschland als einer der Gründungsprofessoren am Aufbau der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder beteiligt war und immer noch in München an der LMU lehrt. Die Liste seiner Publikationen ist reich, aber nunmehr hat Haverkamp sein nach eigener Aus­sage „(vor-)letztes Büchlein“ zusammengestellt.

„Shakespeare mit Hegel“ (173 S., 8 Abb., br., 69,99 €) heißt es, und es hat zum Leitfaden die gemeinhin wenig beachtete Shakespeare-Lektüre des deutschen Philosophen, die in dessen „Phänomenologie“ und den nur durch Mitschriften überlieferten Ästhetik-Vorlesungen Niederschlag gefunden hat. Mit Hegel geht Haverkamp vom Zentraltext des „Hamlets“ aus und schreitet dann, vor allem den eigenen Leidenschaften folgend, über „Othello“ bis zu „König Lear“ fort. Relativ später Shakespeare also als Thema für den späten Haverkamp. Und Bilanz eines Lebenswerks insofern, als hier die wichtigen Motive seiner philologischen Arbeit noch einmal Revue passieren: Latenz selbstverständlich, Theorieentstehung aus Ästhetik (und nicht umgekehrt), Performanz. Um nur ­einige zu nennen.

Das ist aber, obwohl der Band auf Vorarbeiten zurückgreift, die seit 2007 entstanden sind, keine Wiederholung, sondern es entspricht dem, was Haverkamp selbst mit Bezug auf Shakespeeare feststellt, nämlich „dass Spätwerke es selten bei der linearen Fortführung alter Ansätze lassen, sondern geprägt sind von Tendenzen einer Selbst­historisierung, in der die doppelte Mimesis der Verhältnisse eine abgründigere Vertiefung erfährt“. Genau das passiert in seinem „Büchlein“, das für heutige Verhältnisse un­gewöhnlich engbedruckte und tiefgedachte Seiten bietet.

Aber nicht mehr bei Suhrkamp erschienen ist. Oder bei einem der anderen früher für avancierte literaturwissenschaftliche Forschung berühmten Verlagen wie C. H. Beck oder Hanser (denen das Buch aus jeweils alter Verbundenheit angeboten wurde). Pu­bliziert hat es schließlich J. B. Metzler, auch ein namhafter Literaturwissenschaftsverlag, dessen akademische Ausrichtung indes nicht den Reiz eines Brückenschlags aus dem Fachdiskurs in eine breitere literarische Öffentlichkeit bietet. Vom prohibitiven Preis des in der Reihe „Abhandlungen zur Literaturwissenschaften“ erschienenen Buchs ganz abgesehen.

Mancher wird sich an der Dichte der Sprache und Gedanken stören, aber das ist angesichts der seichten Gewässer, die aus der aktuellen literaturhistorischen Publikationsflut gespeist werden, eher Auszeichnung als Makel. Gut, der akademische Diskurs ist ein anderer geworden, die Themen aber sind aktuell geblieben, und was man mit Haverkamp (der wiederum von seiner Freundschaft mit Stanley Cavell profitiert hat, dem Autor von „Disowning Knowledge“, dem, so Haverkamp, „konkurrenzlos besten Shakespeare-Buch des Jahrhunderts“ – notabene: des zwanzigsten) über Shakespeare lernt, das wird man nicht mehr vergessen. Mitten im Theoriezauber seines „(vor-)letzten“ Buchs findet sich ein kleiner Abschnitt namens „Überleitung“, der eine programmatische Erklärung enthält: „Aktuelle Schlüsse liegen nicht in der Natur der Literaturwissenschaft, die oft genug quer steht zu der literarischen Öffentlichkeit, die sie doch konstituiert und durch ihre Arbeit stützt. Ihr ästhetischer Transport, ihr Management der Latenzen ist langatmiger, aber nicht weniger effektiv.“ Es ist auffällig, dass Haverkamp hier nur von „der“ Literaturwissenschaft spricht, als gäbe es kein anderes Verständnis davon. Selbstbewusstsein könnten alle Formen der Literaturwissenschaft von ihm lernen. Aufs letzte Buch warten wir gespannt.

Source: faz.net