Katerina Poladjan gewinnt den Leipziger Buchpreis: Der Blick geht nachdem Osten
Katerina Poladjans erzählt in ihrem Roman „Goldstrand“ von Entwurzelung und Heimatsuche. Auch die anderen Gewinner:innen schauen auf die bedrohten Ränder Europas. Große Literatur ist es aber nicht, findet unser Autor
Gewinnerin Katerina Poladjan wurde in Moskau geboren
Foto: IMAGO/Christian Grube
Können wir von Eli etwas lernen? Von dieser in die Jahre gekommenen Ikone des Filmgeschäfts, die sich auf dem Sofa einer römischen Therapeutin selbst bespiegelt? Durchaus! Denn der Blick des einst gefeierten Regisseurs reicht weit zurück, bis in die Kindheit der 50er Jahre, als er am Goldstrand, so auch der Titel von Katerina Poladjans aktuellem Roman, aufwuchs. Was in dieser, just mit dem Preis der Leipziger Buchmesse prämierten Geschichte folgt, ist ein unstillbares Leben.
Zwischen Odessa und Konstantinopel sucht der Filmstar seine Biografie zu rekonstruieren. Es ist eine Suche nach Heimat in einer entfremdeten Welt. Dass die Jury gerade diesen Text auszeichnete, mag vornehmlich gesellschaftspolitische Gründe haben. Zum einen gibt die 1971 in Moskau geborene Autorin dem allgemeinen Gefühl der Entwurzelung Ausdruck. Wir verspüren es, wenn wir unser eigenes Unwohlsein über die Krisen unserer Tage reflektieren, und wir sehen es vor unseren Augen, wenn wir die Flüchtlingsströme verfolgen.
Der politisch gefährdete Osten
Zum anderen lässt sich die Nobilitierung des Romans als Signal für den zunehmend politisch gefährdeten Osten verstehen. Denn an den Rändern Europas toben Kriege. Also ein Buch am Nerv der Zeit, jedoch nicht auf der Höhe irgendeiner künstlerischen Avantgarde. Mag sein, Poladjans Lakonie birgt einen eigenen feinen Ton, ihre Erzählweise mutet jedoch brav und konventionell an.
Dass wir in Richtung Ukraine, Israel und Iran schauen sollen, diesen Ruf vernimmt man ebenso bei der Gewinnerin der Sachbuchsparte. Marie-Janine Calics Balkan-Odyssee. 1933–1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa gemahnt uns zur historischen Aufmerksamkeit. Lange bevor wir das Wort Balkanroute gebrauchten, wurde sie von Flüchtenden aus einer anderen Hemisphäre genutzt.
Nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen kamen die Exilsuchenden, die Hitlers Vernichtungsfeldzug entkommen mussten. Unter ihnen Persönlichkeiten wie die Schriftsteller Manès Sperber und Ernst Toller oder der Dramatiker Franz Theodor Csokor. Als höchst verdienstvoll erweist sich diese Entscheidung der Jury, weil erst damit endlich eine wichtige Lücke in der Exilforschung in den Fokus gerät.
Ungemütliche Themen, keine große Literatur
Die Preisvergaben stehen somit im Zeichen einer Erweiterung von Perspektiven. Die prämierten Werke sind retrospektiv angelegt und ermuntern uns dazu, über den nationalen Tellerrand hinauszuschauen. Dasselbe gilt übrigens für die Auszeichnung der besten Übersetzung. Manfred Gmeiners Übertragung ins Deutsche von Gustavo Faverón Patriaus Roman Unten leben, der einen Jahrzehnte zurückliegenden Mord zum Gegenstand hat, erhielt viel Lob.
Die Sujets sind also allesamt ungemütlich. Kein Stoff für den behaglichen, neobiedermeierlichen Rückzug ins Private, den viele heute angesichts der Weltlage antreten. Doch werden wir uns auch lange an die prämierten Bücher erinnern? Davon ist nicht auszugehen. Schon die thematische Engführung der Shortlist, die vor allem als politischer Weckruf zu verstehen war, setzte – abgesehen von Anja Kampmanns ästhetisch ambitioniertem Prosatext Die Wut ist ein heller Stern – nicht auf formal radikale, diskussionswürdige Entwürfe. Die große Literatur, sie zog absehbarerweise diesmal an Leipzig vorüber.