„Kassandra“ in Bielefeld: Kriegskritik mit Groove

Die Helden des Trojanischen Krieges werden in Christa Wolfs Erzählung „Kassandra“ (1983) systematisch auf menschliches Format geschrumpft. Dem Pathos begegnet die hellsichtige Priesterin mit Ironie und Sarkasmus, schüttelt den Kopf über den Unverstand der kriegenden Männer — doch auch der Frauen: Penthesileia, die Amazonenkönigin, die gegen alle Männer kämpft, ist Kassandra „eine Spur zu grell“. Zu Aeneias sagt sie, als der sie aus dem brennenden Troja retten will: „Deine Verwandlung in ein Standbild will ich nicht erleben.“

Wolfs Kassandra will Zeugnis ablegen darüber, wie es eigentlich zum Krieg kommen konnte und wie er „seine Leute formt“. In diesem Geist wurde jetzt am Stadttheater Bielefeld „Kassandra“ uraufgeführt, ein Musiktheaterstück mit einer Sprechrolle, Chor, Orchester und Solocello. Eine gelungene Gemeinschaftsproduktion, bei der nicht ein Komponist als künstlerischer „Held“ gefeiert wird, sondern der komponierende Arrangeur Stefan Behrisch zusammen mit dem Sounddesigner Mathis Nitschke die musikalische Bühne bereitet für Kassandra/Christina Huckle, die Christa Wolfs gekürzten Text spricht und spielt. Das Orchester, vorzüglich geleitet von Anne Hinrichsen, verfügt über eine reiche Farbpalette, etwa, wenn das Glockenspiel mit Geigenbögen gestrichen wird oder wenn die Harfe sich mit perkussiven Impulsen zur Pauke gesellt.

Das Theater Bielefeld gibt eine „Triggerwarnung“

Die Bühne (Katharina Schlipf und Annika Konitzki) besteht aus einer hoch aufragenden, steil nach hinten ansteigenden Fläche aus verkohltem Holz. Die verletzten Planken im Fischgrätmuster geben Raum für Assoziationen: Ist es ein Rest des zerstörten trojanischen Königspalastes oder ein schwankender Schiffsboden? Übers stürmische Meer wird Kassandra von dem „wimmernden, speienden“ Agamemnon nach Mykenä gebracht, wo beide noch am Abend der Ankunft von Klytämnestra erschlagen werden, wie Kassandra sicher weiß.

In ruhig gefasstem Ton nimmt sie sich vor, „Gefühle durch Denken zu beherrschen“ — da macht ihr der Chor einen Strich durch die Rechnung. Außerhalb der schrägen Planken, auf dem objektiven Bühnenboden, erscheinen Sänger mit großen weißen Masken. Eine raffinierte Beleuchtung (Johann Kaiser-Kranefoed) verschmilzt Gesang und Masken zum ungeteilten Ausdrucksträger, wenn der Chor (Einstudierung: Hagen Enke) die Namen aller Toten rezitiert, die Kassandra nahegestanden haben. Die klar strukturierten Gesangslinien in unerbittlichem Duktus sind wie eine klingende Mahnung, die gegen ihren Willen aus Kassandras Innerem zu kommen scheint.

Dieser Effekt tritt nochmals gesteigert auf, wenn Kassandra sich an den „Griechenheld Achill“, ihre Hassfigur schlechthin, erinnert. Nachdem der Name gefallen ist, hören wir in einem Zwischenspiel ein instrumentales Anschwellen der Töne; Hörner, Blechbläser und Schlagwerk machen die Luft schwer. Mit tiefer, gepresster Stimme berichtet Kassandra, wie Achilleus ihren jungen Bruder Troilos im Tempel lustvoll ermordet, dabei alle Kampfregeln missachtend (ein krasses Beispiel sexualisierter Gewalt, dazu gibt das Theater Bielefeld eine „Triggerwarnung“ heraus). In die entsetzte Stille danach hebt ein Klagegesang der Instrumente und des Chores in chromatisch gegenläufig geführten Linien an, ruhig und trauernd, schon jenseits von hasserfüllten Gefühlsaufwallungen.

Sie greift zum Mikrofon

Kassandras persönliche Klangsignatur liegt in einem Dreiton-Motiv, das in verschiedenen Variationen und Umkehrungen vom E-Cello (Mathis Mayr) gespielt wird. Es ist interpretationsoffen, kann leidend, sanft, hoffnungsvoll, gramerfüllt klingen. Dadurch, dass der Celloton elektronisch erweitert wird, eröffnet er auch einen größeren Raum, reicht tief in die Geschichte hinein. Die musikalische Grundierung verbindet die konkrete Persönlichkeit Kassandras, wie Christa Wolf sie anlegt, mit dem Mythos, wie er von den antiken Autoren gestaltet wurde.

Opernkomponisten verschiedener Epochen haben ja aus dem Mythos Funken schlagen können, sei es Gluck in seinen „Iphigenie“-Opern, Berlioz mit seiner großen Cassandre in den „Trojanern“, Richard Strauss in „Elektra“. Ging es ihnen um die genuin musikalische Gestaltung mythischer Heldinnen, empfindet man in der Bielefelder „Kassandra“ das Verhältnis von Text und Musik als ein eher lockeres, offenes. Das kommt dem aufklärerischen Impetus der Erzählung entgegen. Grooviges, schnelles Pizzicato-Spiel des Solocellos begleitet Kassandras politisch-kritische Gedanken: „Im Frühjahr, wie erwartet, begann dann der Krieg. Krieg durfte er nicht heißen. Die Sprachregelung lautete: Überfall.“ Die Propaganda triumphiert.

Kassandras Hass auf Achill bekommt in der Textbearbeitung von Nadja Loschky und Yvonne Gebauer Übergewicht. Die Dramaturgie droht in Episoden zu zerfallen, wenn nach der Ermordung des Troilos auch noch Achills rachsüchtiges Durch-den-Staub-Schleifen der Leiche Hektors, die Schändung der toten Penthesileia sowie der Missbrauch von Kassandras geliebter Schwester Polyxena aneinandergereiht werden. „Achill das Vieh“, heißt es in Wolfs Erzählung immer wieder; heute würde er sich beim Schänden seiner Opfer selbst filmen.

Umso spürbarer fehlt Kassandras positive Erinnerung an die Frauengemeinschaft in den Höhlen am Berg Ida und an die weise Männerfigur des alten Anchises; als Perspektiven mit Hoffnungspotential hätten sie der Inszenierung von Nadja Loschky gutgetan.

Da Christina Huckles Stimme nach einigen heftigen Ausbrüchen an ihre Grenzen kommt, worunter auch die Artikulation leidet, greift sie zum Mikrofon. Das Sprechen nähert sich wieder Christa Wolfs Kassandra als der Chronistin. Das bestechend ausgeleuchtete Schlussbild zeigt sie unmittelbar vor ihrem Tod im Abendlicht, vorn am Bühnenrand stehen aufgereiht die weißen Masken unbekannter Toter.

Source: faz.net