Karneval im Osten: Karneval in Thüringen – na, dasjenige kann ja welches werden!
An Karneval schauen alle nach Köln, Mainz, Aachen. Aber wie politisch feiern eigentlich die Ostdeutschen das Fest, noch dazu in angespannten Zeiten? Ein Besuch in Thüringen.
Je nachdem, wen man am Bahnhof, am Bratwurststand oder vor den Dixi-Klos fragt, fahren dieses Jahr beim Straßenkarneval der Südthüringer Kleinstadt Wasungen 93 oder 94 Wagen durch die Straßen.
Auf einem davon: „Lügenbaron von Merzhausen“.
Einer an den Kanzler erinnernden Figur fliegt eine Rakete in den nackten Hintern. „Däär Schuss gäehd noach hänne lous!“ Der Schuss geht nach hinten los. Ein Mann in Frack und Melone läuft dem Wagen nach und singt immer wieder aufs Neue: „Wärst du doch im Sauerland geblieben!“
Es ist Karneval. Alljährlich ziehen Reporter in die Karnevalsmetropolen, beobachten, wie sich Politiker auf den Podien schlagen, analysieren Karikaturen auf Karnevalswagen, halten Feiernden ihr Mikrofon entgegen. Sie stellen dann Fragen nach der Groko, dem Kanzler, dem Blick auf Berlin. Karneval, eine Art politischer Pegelstand der Bundesrepublik.
Berichtet wird aus Köln, aus Mainz oder Aachen. Städte in Westdeutschland. Nach Ostdeutschland schaut dieser Tage kaum jemand. Obwohl dort mancherorts schon seit mehr als 500 Jahren Karneval gefeiert wird.
Wie politisch feiert der Osten – noch dazu in einer Zeit, von der es heißt, die Menschen fremdelten zunehmend mit der Demokratie?
Immer schon dagegen
Wasungen ist ein guter Ort, um das zu ergründen. Seine Karnevalstradition lebt von der Hoheitskritik: 2016 gab es eine Kontroverse um einen Karnevalswagen, der die Migrationspolitik der Bundesregierung kritisierte. „Die Ploach kömmt“, hieß es da. Rund um einen „Balkan-Express“ tanzten, sangen und tranken als Heuschrecken kostümierte Wasunger. Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen Volksverhetzung, stellte die Ermittlungen aber ein.
Einer, der damals am Wagen beteiligt war, ist Heiko Gärtner, Karnevalsveteran und Vertreter der AfD im Stadtrat. „Damals haben alle Medien angerufen, witterten einen Skandal. Aber der Bürgermeister, der Pfarrer, der Karnevalspräsident haben zu uns gestanden.“ Das Dagegensein hat hier Tradition.
Die Feierlichkeiten in Wasungen waren bereits den Mächtigen in der DDR ein Dorn im Auge. Die Nähe zu Bayern (25 Kilometer) und Hessen (35 Kilometer), gepaart mit Tausenden Feierwütigen, machte die autoritäre Führung nervös. Sie fürchtete, die Alkoholisierten könnten noch auf die Idee kommen, kollektiv zu flüchten. Zudem zog das Fest Jugendliche an, die im Stasi-Jargon als „negativ-dekadent“ bezeichnet wurden: Gammler, Tramper, Langhaarige. Unter dem Titel „Woodstock an der Werra“ kann man heute in der Stasi-Mediathek Spitzelberichte von damals lesen.
Heiko Gärtner lässt sich während des Gesprächs von seiner Frau für den diesjährigen Umzug schminken: weißes Gesicht, schwarze Augenhöhlen. Ein Grusel-Skelett. Beide sind sich einig, dass sie ihre Kritik fortan „durch die Hintertür“ formulieren wollen. Dieses Jahr zeigt ihr großer Wagen einen in einem Tunnel verschwindenden Zug: „Der Zug ist abgefahren.“ Das Motto des kleineren Wagens, einer elektrisch betriebenen, goldenen Toilette: „Das Einzige, was in Deutschland klappt!“
Kanzlerkarikatur: „Der Schuss geht nach hinten los“ © Michael Reichel
„Das machen nicht der Klaus und nicht der Paul“
Gärtner fürchtet um die Unbeschwertheit des Karnevals: „Straßenpöller, Anschläge, das gab es früher nicht. Und das machen nicht der Klaus und nicht der Paul.“ Die Angst, dass den Wasunger Karneval das gleiche Schicksal wie den Magdeburger Weihnachtsmarkt ereilt, vermischt sich mit der Ablehnung von Fremdem. Dabei wüssten sie hier, wie Demokratie funktioniert, meint Gärtner: „Man kennt sich. Wenn bei einem was kaputtgeht, dann kann er sich bei mir melden, und ich schweiße das wieder zusammen“, sagt der ausgebildete Schlosser.
Wie er sich dazu verhalte, dass die AfD in Thüringen vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft wird, die Gesellschaft spalte? Die Behörde solle, genau wie die EU, erst mal beweisen, dass sie demokratisch legitimiert sei, sagt Gärtner. Über seine Karnevalswagen hinaus wolle er an diesem Tag die Politik aber nicht mehr kommentieren. „Genug jetzt von diesem Thema, es ist Karneval!“
Gärtner steht vom Esstisch auf, droht mit Konsequenzen, wenn diese Reportage ihn und die Wasunger in ein schlechtes Licht rückt. Er habe schlechte Erfahrungen mit der Presse gemacht. Für einen Moment kippt die Stimmung. Dabei ist Gärtner ein zugewandter Mensch. Er ruft auf seinem Handy Fotos seines Sohnes beim Modellbau auf. Oder öffnet auf Facebook ein schwarz-weißes Foto aus dem Jahr 1971: Gemeinsam mit seinem Vater und seinem Onkel läuft er durch die von Fachwerkhäusern gesäumten Straßen Wasungens – verkleidet als Prinz Karneval. „Ich will diese Tradition bewahren, das ist mir wichtig”, sagt Gärtner.
Bei Besuchen wie diesem verfällt man selbst schnell in Klischees. In Teilen des Ostens, könnte man meinen, ist der Karneval nur fröhlich verkleideter Rechtsextremismus. In Wasungen aber ist das Bild differenzierter.
Karneval im Osten: Kein Abschied von der Demokratie
1800 Wasunger, mehr als die Hälfte der Einwohner, nehmen dieses Jahr aktiv am Straßenkarneval teil. Die meisten ziehen beim Umzug mit, manche kümmern sich um die gastronomische Versorgung, andere bekleiden Karnevalsämter.
An der ehemaligen Feuerwache, heute „Narrenburg“ genannt, sammelt sich ein Querschnitt der Wasunger Karnevalisten. Eine Band spielt gerade den Karnevalsschlager „In der Werra, da fließt Wasser“: „Ach, wie wär’ das wunderbar, wenn eines Morgens Bier tät laufen, in der Werra altem Bett!“ Eine Prinzessin mit hellblauem Alkopop in der Hand dreht sich dazu im Kreis. Ein Dutzend Kinder-Napoleons rangelt um die beste Sicht auf Prinz Sören I. und seine Minister. Die Turmuhr steht das ganze Jahr über auf 11.11 Uhr, dabei ist es früher Nachmittag. Karneval – so normal wie eben möglich.
Die politische Stimmung schwingt aber immer mit in Wasungen. Und die ist aufgeladen. Bürgermeister Thomas Kästner kann darüber berichten. Kästner, in schwarzen Samt gehüllt und mit Federhut auf dem Kopf, setzte sich 2016 gegen Heiko Gärtner bei der Bürgermeisterwahl durch, wurde 2022 wiedergewählt, bezweifelt aber, dass er 2028 eine Chance hat gegen die AfD. Der Landesverband der Partei gewann die Thüringer Landtagswahl 2024 klar. Ein Trend, der auch vor Wasungen nicht Halt macht: Bei der Bundestagswahl 2025 bekam die AfD mehr als 40 Prozent der Wasunger Stimmen.
Dabei hätte es nicht so kommen müssen, meint Thomas Kästner. „Es wurden zuletzt keine Lösungen für die Sorgen und Probleme der Bürger gefunden.“ Nicht nur, was Migration angehe, seien viele nun mal unzufrieden mit der Regierung. Die höchsten Strompreise Europas, lähmende Bürokratie, das Gefühl, am Tropf der USA zu hängen. All das belaste die politische Stimmung.
Ob sich der Osten langsam von der Demokratie verabschiede? Das hält er für Blödsinn und ist sich darin mit seinem Mitbürger und politischen Widersacher Heiko Gärtner einig. Nur haben die beiden unterschiedliche Visionen davon, wer die deutsche Demokratie prägen sollte. „Björn Höcke, das ist ein Spalter“, findet Kästner, während er auf dem Weg zum Karnevalszug an einer Karnevalsgruppe mit Böhse-Onkelz-Aufnäher vorbeigeht. Gärtner findet wiederum: „Die AfD ist nicht der Volkswille. Guckt man sich die Wahl an, ist aber klar: die AfD mit der CDU als Koalitionspartner schon.“
Darauf erst mal einen „Klopfer“
Der Straßenkarneval ist in vollem Gange. Es fliegen Konfetti und „Zöckerle“ durch die Luft. Aus den Fenstern lehnen Rentner, denen das bunte Treiben auf der Straße zu bunt scheint. An vielen Simsen hängen grün-weiße Wasunger Fahnen, Deutschlandflaggen sucht man vergebens. Ein feuerspeiender Pappmaché-Drache zieht an einem leerstehenden Ladenlokal, dessen Fenster mit Ruß von der Bundesstraße bedeckt sind, vorbei. Demografischer Wandel und Deindustrialisierung sind allgegenwärtig: Erst vor wenigen Wochen gab der Verpackungshersteller Tubex die Schließung des Wasunger Standorts bekannt. 80 Arbeitsplätze fallen weg.
Pfarrer Stefan Kunze steht gegenüber am Straßenrand. „Ahoi, Herr Pfarrer!“, rufen immer wieder herbeieilende Jugendliche und umarmen den Geistlichen. Kunze ist nicht nur Pfarrer, sondern auch Lehrer. Als er nach Wasungen kam, zählte das Städtchen noch 3700 Einwohner, jetzt sind es nur noch 3200. Meckern könne man darüber an anderen Tagen, heute wird gefeiert, sind sich zwei der vorbeiziehenden Karnevalisten einig. Darauf erstmal einen Pflaumen-„Klopfer“.
Moskauer Marionettenspiel: „Trump tut, was Putin will“ © Michael Reichel
In einem Hauseingang stehen zwei als Donald Trump und Wladimir Putin Verkleidete und trinken Sekt. Sie warten darauf, dass der Zug ein letztes Mal durch Wasungen zieht. Wie sie auf ihr Motto „Moskauer Marionettenspiele“ gekommen sind? „Der KGB hat ganz sicher was gegen Trump in der Hand. Vielleicht in dem Geschwärzten in den Epstein-Files. Und der macht jetzt, was Putin will.“
Nach zweieinhalb Stunden Umzug löst sich die Karnevalskarawane auf dem Markt auf. Bürgermeister Thomas Kästner fasst das diesjährige Fest so zusammen: „2026 war weniger politisch als die Jahre zuvor. Man merkt, dass sich die Menschen nach guten Nachrichten sehnen.“
Die Hartgesottenen fangen jetzt erst richtig an zu feiern, ein paar Kostümierte machen sich auf den Weg zum Bahnhof. Dort beschwert sich ein vielleicht neunjähriger Football-Spieler, die Deutsche Bahn hätte mal wieder Verspätung. „Aber man kann von denen ja nichts anderes erwarten.“ Sein Vater mit Vokuhila-Perücke lächelt zustimmend. Eine Parole, aber eine harmlose. Der Verfassungsschutz braucht in Wasungen nicht vorbeikommen, jedenfalls nicht in diesem Jahr.
Source: stern.de