„Karl Dall hat immer gesagt: Komm wir kutschieren zu den Assis“

Markus Söder ist kein Politiker, der sich in Sprechblasen ergeht, findet Hape Kerkeling. Und in einen Sadomaso-Keller sollte man zumindest einmal reingerochen haben. Außerdem erklärt der Comedian im Interview, wieso er nicht auf Sylt leben will.

Im Jahr 2009 rief er noch „Isch kandidiere!“. Da wollte Horst Schlämmer alias Hape Kerkeling große Politik mitgestalten. Jetzt bringt Kerkeling sein Alter Ego in „Horst Schlämmer sucht das Glück“ zurück ins Kino (ab dem 26. März). Ein Treffen in München und ein Gespräch über „Assis“ auf Sylt, Markus Söder, Travestie und das Ende der Unschuld.

WELT: Herr Kerkeling, findet der Schlüssel zum Glück sich im Alkohol in der Eckkneipe und im Sadomaso-Folterkeller?

Hape Kerkeling: Man sollte beides angetestet haben, finde ich. Wobei im Folterkeller auch reinriechen reicht. Aber man sollte immer mit offenem, wachem und neugierigem Geist durch die Welt stapfen. So wie Horst Schlämmer eben.

WELT: Es geht ja bei beidem um die Abgabe von Kontrolle. Das ist doch der Schlüssel zum Glück. Und die deutsche Depression, die den Film durchzieht, liegt die nicht darin, dass alle sich optimieren, erfolgreich und gut sein wollen? Also eben absolut kontrolliert?

Kerkeling: Kontrollverlust bedeutet sicher nicht, dem Glück näherzukommen. Aber Kontrolle abzugeben gehört zum Entspanntsein. Und ich glaube, darin liegt auch Horst Schlämmers Glück. Er ist erschreckend authentisch. 

Lesen Sie auch

WELT: Was mir bei Ihnen, aber auch bei Helge Schneider auffällt, ist diese absolute Freude, Frauen darzustellen.

Kerkeling: Wir sind Künstler. Wir loten Grenzen aus und gehen darüber. Wenn ich mich in Frauen hineinfühle, macht es Spaß und ich entdecke neue Horizonte.

WELT: Viele sprechen von kultureller Aneignung, wenn Christen Juden spielen oder Weiße Dreadlocks tragen. Warum spricht keiner von sexueller Aneignung?

Kerkeling: Aber bitte. Das dürfen wir doch nicht so intellektuell beschweren. Das Spiel mit Geschlechtlichkeit steckt in jedem Menschen. In jedem noch so kernigen Mann, in jeder noch so weiblichen Frau, und umgekehrt. Das verwirrt und verunsichert viele Menschen, weil die sich nicht mehr festhalten, sich nicht mehr genau definieren können. 

Lesen Sie auch

WELT: Zentrales Motiv des Films ist ja, dass Horst Schlämmer das Glück sucht. Beim Lach-Yoga, beim Sadomaso, in der Kneipe, bei Markus Söder oder bei Kardinal Wölki. Ich glaube aber, wer aktiv nach dem Glück sucht, kann nur enttäuscht werden. 

Kerkeling: Jeder Mensch weiß doch, wie sich Glück anfühlt. Und es bedeutet für jeden etwas anderes. Aber grundsätzlich ist die Voraussetzung für Glück schon mal, Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Horst macht das. Ich tue das. Das Grundprinzip muss sein: Nicht nach oben schleimen und nicht nach unten treten.

WELT: Glück ist für mich auch die Abwesenheit von Wollen.

Kerkeling: Es ist nichts Konstantes. Glück ist immer ein Moment. Aber erfüllendes Glück hat auch vor allem mit dem Du zu tun. Nicht mit dem Ich.

WELT: Wollen Sie noch viel?

Kerkeling: Die Welt aus den Angeln heben. 

WELT: Ernsthaft?

Kerkeling: Natürlich! Will das nicht jeder? Ich will über die eigenen Grenzen hinausgehen, mehr tun, als ich dachte, was ich tun könnte.

WELT: Ist das ein Zwang in Ihnen? 

Kerkeling: Die Italiener haben das Wort „indole“ dafür. Das ist verankert in meiner Person. Ob genetisch, seelisch oder in den Knochen, kann ich nicht sagen. Weder belastet es, noch befreit es mich. Es gehört zu mir. Das bin ich.

WELT: Auf so einem Zu-Verschenken-Stapel in der Nachbarschaft habe ich vor einigen Tagen eine VHS-Kassette gefunden. „Samba in Mettmann“. Ein früher Film von Ihnen. Sie waren jung, trugen einen Anzug …

Kerkeling: …und drei wunderschöne Damen waren da im Hintergrund.

WELT: Wie haben Sie sich im Laufe ihres Lebens verändert? Als Mensch, als Künstler?

Kerkeling: Vergangenes ist für mich vergangen. Verdaut. Verarbeitet. Getan. Ich freue mich natürlich. Aber ich beschäftige mich nicht mit der Vergangenheit.

WELT: Sind Sie manchmal peinlich berührt, von Dingen, die Sie gemacht haben?

Kerkeling: Ich bin überrascht. Ich verstehe, warum ich zu dieser Zeit erfolgreich war. Ich sehe jemanden, der es ehrlich meint und nicht ganz unbegabt war. Ich verstehe manche Erfolge und manche Misserfolge im Rückblick jetzt besser.

WELT: Vorhin meinten Sie, Horst Schlämmer begegne Menschen auf Augenhöhe. Ich finde, er lässt sich auch nicht beeindrucken. Er ist zu allen gleich. Mein Eindruck ist, Menschen fällt zunehmend schwer, unvoreingenommen anderen Menschen zu begegnen.

Kerkeling: Der Respekt kommt abhanden. Aber das ist doch die Erfahrung aus dem Holocaust. Der Respekt der Würde jedes einzelnen Menschen muss gewahrt werden. Dem waren wir mal näher als heute.

WELT: Neulich hab ich die „Sopranos“ wieder gesehen. Da habe ich gedacht, die Zeit bis kurz vor dem 11. September war doch der Höhepunkt der Freizügigkeit und der Unbeschwertheit.

Kerkeling: Ich glaube, wir haben bis heute nicht verstanden, was für ein gewaltiger Umbruch das für die Menschheit – vor allem aber auch für die Menschen im Westen war. Das ist wie ein neues religiöses Fest, wie Weihnachten oder Ostern, also in negativ. Da ist die Freiheit ein großes Stück gestorben.

Lesen Sie auch

WELT: Diese westliche Euphorie und Toleranz zwischen Love Parade und Christopher Street Day war weg.

Kerkeling: Der 11. September ist das Ende der Unschuld. Ich war ja zwei Monate vor dem 11. September auf dem Jakobsweg. Mein Buch dazu kam dann 2006. Und der Erfolg, das glaube ich heute, lag auch darin, dass dieses Buch diese Zeit vor dem 11. September erzählt. Ein Mann erzählt auf der Suche nach Gott und Spiritualität aus unschuldiger Perspektive von Schuld, Sühne und Glauben.

WELT: Homer Simpson ist ja eine überspitzte Darstellung von Matt Groenings Vater. Wer war bei Ihnen Vorbild für Horst Schlämmer?

Kerkeling: Das kann ich nicht sagen. Das würde zu einem familiären Bruch führen, der nicht mehr zu kitten ist.

WELT: Vor einiger Zeit sprach ich mit Roland Emmerich. Ich finde, er ist kein schwuler Künstler, obwohl er schwul ist. Bei Ihnen seh ich das ähnlich.

Kerkeling: Aber! Selbst Horst Schlämmer ist doch schwule Kunst. Das ist Travestie, wie sie im Buche steht. Nichts anderes.

WELT: Auch Markus Söder wirkt ja in Ihrem Film mit. Der ist ja der größte Drag-Performer der deutschen Politik. Wie haben Sie ihn bekommen?

Kerkeling: Wir haben ein Anschreiben geschickt. Und da gab es kein Zögern. Er hat sofort zugesagt. Ich will keine Lobeshymne auf ihn halten, natürlich gibt es an ihm Kritikpunkte, aber er ist nicht auf den Mund gefallen und ist kein Politiker, der sich in Sprechblasen ergießt. Ich finde ihn sehr sympathisch. Und ich hatte auch in seinem Umfeld den Eindruck, dass sich die Menschen, die mit ihm arbeiten, sehr wohlfühlen. Ich habe da ein sehr vergnügliches und offenes Miteinander wahrgenommen.

WELT: Warum wird Horst Schlämmer eigentlich nie wütend? 

Kerkeling: Dem fehlt die Kraft. Der hat Kreislauf, Pumpe und Schnappatmung. Da bringt Wut wenig. Er ist enttäuscht und melancholisch. Aber er schiebt niemandem die Schuld in die Schuhe.

WELT: Im Film sagt eine enttäuschte Frau: „So viel Geld hast du gar nicht, dass das mal meine Leere füllt.“  Ich musste da an Michel Houellebecq denken. In „Ausweitung der Kampfzone“ schreibt er: „Einen Schwanz kann man abschneiden, aber wie vergisst man die Leere einer Vagina.“

Kerkeling: Ein gewagter Vergleich! Aber Houellebecq gehört nicht wirklich zu meinen Lieblingsphilosophen. 

WELT: Weil Sie mit Zynismus nichts anfangen können?

Kerkeling: Da bleibt doch nur der Strick oder die Packung Schlaftabletten. Deswegen ist bei mir Hannah Arendt auf Platz eins. Bei allem Grauen, das sie beschreibt, verliert sie nie die Hoffnung. Das habe ich mir zu Herzen genommen.

WELT: Mir war der Tod lange Zeit sehr egal. Ich habe ihn vielleicht sogar aktiv gesucht. Ich war sehr zynisch. Das hat sich durch meine Frau und die Kinder verändert. Wie war das bei Ihnen?

Kerkeling: Wenn Sie sterben würden, dann stirbt die Welt. Das sehe ich wirklich so. Wenn ein Mensch stirbt, stirbt die Welt. Und wie ist das bei mir? Ich bin ein tiefgläubiger Mensch.

WELT: Glauben Sie an Jesus Christus, den Erlöser, den Todesüberwinder?

Kerkeling: Ich will das nicht ausschließen. Aber das ist nicht mein Konzept, mit dem ich jeden Abend ins Bett gehe. Ich weiß es nicht genau, aber ich weiß, dass etwas da ist. Das gibt mir Hoffnung und lässt mich glauben, dass man immer wieder das Gute im Menschen antriggern kann und muss.

WELT: Dieses Bootsschuh-Kaschmir-Pullover-über-das-Ralph-Lauren-Hemd-werfen-Sylt. Waren Sie mal Teil davon?

Kerkeling: Kein Teil. Aber ein Verhältnis habe ich dazu. Ich war in den 90er-Jahren oft auf Tourneen in Westerland und anschließend natürlich in den Diskotheken. Gerade heute habe ich noch ein Bild gefunden. Von mir und meinem Freund Karl Dall. Der hatte ein Haus auf Sylt und einen Bus. Und wir sind zu viert, mit Margarethe Schreinemakers und Mike Krüger, immer mit diesem Bus rumgefahren. Karl hat immer gesagt: „Komm wir fahren zu den Assis.“ Und dann sind wir da rein in die Sylter Promi-Welt.

WELT: Was suchen die Leute denn da? Christian Lindner feiert seine Hochzeit da, Christine Lambrecht und Bärbel Bas trinken da Aperol zusammen. Julia Klöckner kuschelt mit Jörg Pilawa in der Sansibar. Was suchen die denn bitte da? Reichsein spielen ist doch auch nichts, oder?

Kerkeling: Ich habe keine Ahnung. Ich finde Sylt ja wirklich sehr schön. Wenningstedt, Hörnum, alles super. Aber ich kenne weder die Sansibar, noch diese Menschen wirklich. 

WELT: Sie haben also kein Haus auf Sylt?

Kerkeling: Nein. Kann ich mir nicht leisten. Und wenn, würde ich es auch nicht tun.

Hape Kerkeling in München

Source: welt.de