Karikaturist gestorben: Zeichenhemmungen kannte Murschetz nicht

„Luis Murschetz“, schrieb Kurt Kister, der damalige Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, im Januar 2016 zum achtzigsten Geburtstag von deren Stammkarikaturist , „gehört zu jenen, die jede Woche beweisen, dass die Karikatur weniger davon abhängt, in welchem Jahr oder Jahrhundert man lebt, als vielmehr davon, wer sie zeichnet.“ In der Tat: Jede Woche, denn Murschetz bestritt in der „Süddeutschen“ die Samstagskarikatur, also am auflagenstärksten Tag. Und das auch noch die zehn Jahre nach seinem achtzigsten Geburtstag. Bis er vorgestern gestorben ist.
Seine Stelle als Karikaturist trat Murschetz in München 1967 an, wobei er nie festangestellt bei der „Süddeutschen“ war. Das hatte er mit allen seinen prominenten Kollegen in der deutschen Presselandschaft gemeinsam, von denen erstaunlich viele wie er gar nicht aus Deutschland stammten. Murschetz wurde 1936 in der Untersteiermark geboren, und jene drei Kollegen, die mit ihm zusammen dreißig Jahre lang, von 1985 bis 2015, im Dienst der „Süddeutschen“ die beste Karikaturengruppe im Lande darstellten, kamen aus Wien (Gustav Peichl alias Ironimus), Böhmen (Dieter Hanitzsch) und der Obersteiermark (Josef „Pepsch“ Gottscheber).
Primarius im legendären Karikaturisten-Quartett
Murschetz war am längsten dabei, und er blieb auch am längsten dabei. Peichl stieg 2015 aus, Hanitzsch verließ das Blatt 2018 nach einer umstrittenen Netanjahu-Karikatur, und Gottscheber quittierte den Dienst 2022 einige Monate, nachdem auch er ins Gerede gekommen war: wegen angeblich antisemitischer Elemente einer Selenskij-Darstellung. Um die Zeichnungen von Murschetz gab es nie solche Debatten.
Seine Sonderrolle im Quartett wurde neben der schieren Kontinuität seiner Arbeit auch noch dadurch betont, dass er parallel für vier Jahrzehnte, von 1971 bis 2011, auch noch für ein anderes bedeutendes Blatt als Karikaturist tätig war: für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Dort hatte er die Nachfolge von Paul Flora (ein Südtiroler) angetreten; nach der Zeit von Murschetz gab es dann keinen Titelbildkarikaturisten bei der „Zeit“ mehr.
Wie überhaupt die Zeit der Zeitungskarikatur vorbei scheint. Murschetz war nach dem Tod von Walter Hanel (ein Böhme, der vor allem für den „Kölner Stadt-Anzeiger“, aber auch für die F.A.Z. gezeichnet hat) der letzte aktive Großmeister, der in den goldenen Zeiten des Metiers eingestiegen war, als Karikaturisten veritable Stars auch auf dem Buchmarkt werden konnten. Sempé und Tomi Ungerer hatten Welterfolge mit ihren Cartoonbänden, und Murschetz kam ihnen zumindest einmal nahe: mit seinem Kinderbuch „Der Maulwurf Grabowski“, 1972 erschienen und in ein Dutzend andere Sprachen übersetzt.
Zeichenhemmungen kannte Luis Murschetz nicht. Sein Werk summiert sich auf viele tausend Zeichnungen. Wir werden ihn vermissen, als Zeichner der Samstagsausgabe der „Süddeutschen“.
Source: faz.net