Kann man Empathie lernen?: Besonderes Training: Wie lerne ich, mitfühlender zu sein?

Wer schnell schwimmen will, trainiert. Wer gut Geige spielen will, übt. Lässt sich dieses Prinzip auch auf Mitgefühl für andere übertragen? Ein Besuch beim Training „Wege zu mehr Mitgefühl“.
Britta K. aus Berlin lebt in einer klassischen Patchwork-Situation: Ihr Partner hat ein Kind mit in die gemeinsame Beziehung gebracht, dazu hat das Paar ein gemeinsames Kind. Der Alltag zu viert stellt K. immer wieder vor emotionale Herausforderungen, wie sie erzählt. Seit Februar nimmt die 49-Jährige an einem Training „Wege zu mehr Mitgefühl“ an der Universität Mannheim teil. „Ein Anlass war für mich schon auch unsere Familiensituation, wo es dann auch immer wieder mal zu Konflikten kommt – also in der Partnerschaft, aber auch in dieser Patchwork-Konstellation.“
Ihr Ziel für das Training: die Kommunikation in der Familie verbessern, leichter auch mal die Perspektive des Gegenübers einnehmen und etwas fürs eigene Wohlbefinden tun. Zehn Wochen lang trifft sie sich einmal wöchentlich mit einem Dutzend anderer Teilnehmer online und beschäftigt sich mit Themen wie Selbstmitgefühl, Mitgefühl und Mitleid. Doch lässt sich Mitgefühl wirklich trainieren, wie geht das?
Um Mitgefühl zu entwickeln, müssen sich Menschen sicher fühlen
Es gehe darum, verschiedene Aspekte von Mitgefühl zu trainieren, sagt die Psychotherapeutin Corina Aguilar-Raab von der Universität Mannheim. „Wenn man all diese Bedingungen entwickelt oder kultiviert, führen die am Ende zu mehr Mitgefühl für andere.“
Zunächst gehe es darum, dass die Teilnehmer lernen, sich selbst sicher zu fühlen, erklärt Aguilar-Raab. „Für alles das, was wir an Gewohnheiten entwickeln wollen – und wir wollen eben Mitgefühl als eine Gewohnheit entwickeln, dass sie wie in Fleisch und Blut übergeht –, brauchen wir als Basis ein sicheres Gefühl.“
Meditationen, Tagebuch und der Austausch mit anderen Teilnehmern
So gehe es unter anderem darum, den Teilnehmern Strategien mitzugeben, wie sie bei Stresssituationen schnell wieder ihr seelisches Gleichgewicht finden können. Übungen für zu Hause sind auch tägliche Meditationen, das Führen einer Art Tagebuch und der regelmäßige Austausch mit einem festen Ansprechpartner in der Gruppe.
In einer Meditation in einer der ersten Sitzungen sollen die Teilnehmer sich beispielsweise einen Ort vorstellen, an dem sie sich besonders sicher fühlen, etwa eine Erinnerung. Dieses Bild sollen sie immer wieder im Geist hervorkramen, wenn sie sich gestresst fühlen – ein „nährender Moment“, wie die Kursleiterin erklärt.
Erinnerungen an den Familienurlaub in der Natur beruhigen
Daniel L. aus Stuttgart hat sich ebenfalls für den Kurs angemeldet, weil ihn Auseinandersetzungen im Familienalltag beschäftigen. Sein nährender Moment sind Erinnerungen an Urlaube mit seiner Frau und den Kindern – etwa mit den Fahrrädern an einem See ankommen, sagt der 40-Jährige. „Es ist kein bestimmtes Bild, sondern einfach das Gefühl während dieser Zeit.“
In einer Stresssituation habe ihm der Gedanke an dieses Gefühl schon geholfen, habe ihn noch mal durchatmen lassen, sagt L.. Ihn beruhige auch schon allein das Wissen, dass es Werkzeuge gebe, mit denen er sich selbst helfen könne.
Mitfühlende Menschen fühlen sich laut Studie oft auch wohler
Mitgefühl für andere ist laut Aguilar-Raab nicht nur für die anderen gut. Menschen, die anderen mit Mitgefühl begegnen, fühlten sich auch selbst wohler. Dies sei das Ergebnis einer Meta-Analyse auf Basis von 37 Einzelstudien, die sie gemeinsam mit anderen Wissenschaftlerinnen der Universität Mannheim durchgeführt habe.
Menschen, die sich in andere einfühlen, sie unterstützen oder ihnen helfen möchten, berichteten insgesamt von einer höheren Lebenszufriedenheit, erlebten mehr Freude und sähen mehr Sinn im Leben, heißt es in einer Mitteilung zur Studie. Das psychische Wohlbefinden sei bei ihnen im Durchschnitt höher.
Die Meta-Analyse und ihre Ergebnisse schätzt Judith Mangelsdorf, Direktorin der Deutschen Gesellschaft für Positive Psychologie, als belastbar ein. Allerdings sei zu bedenken, dass bisher nicht klar sei, ob Mitgefühl zu einem höheren Wohlbefinden führe – oder umgekehrt.
Wie kategorisieren Menschen andere unbewusst?
Beim Mitgefühlstraining geht es Aguilar-Raab zudem um die Frage: Wie gestalte ich Beziehungen? Jeder kategorisiere Menschen automatisch und unbewusst. „Wir sind mit Menschen zusammen, die finden wir sympathisch“, sagt die Wissenschaftlerin. „Und dann gibt’s Leute, die finden wir nicht sympathisch. Und dann gibt’s eine ganz große Masse, die ist uns eigentlich ziemlich egal.“
Mitgefühl für Menschen zu entwickeln, die einem selbst nahe stünden, sei nicht schwierig. Bei den anderen beiden Gruppen sei dies anders. Ziel sei, eine Art Unvoreingenommenheit zu trainieren – sich sozusagen mit anderen zu verbünden „auf gemeinsamer menschlicher Basis“. Damit sich Menschen im Notfall auch mit anderen verbunden fühlen, die ihnen nicht nahestehen – und bereit sind, ihnen zu helfen.
Expertin spricht von „lebenslangem Training“
Zehn Wochen Kurs zu Themen, zu denen manche Menschen jahrelang Therapien machen – ist es realistisch, Mitgefühl in so kurzer Zeit zu trainieren? „Das ist tatsächlich ein schwieriger Punkt“, sagt Aguilar-Raab. „So was ist eigentlich ein lebenslanges Training.“ Entscheidend sei, wie viel Zeit die Teilnehmer in die Übungen investierten.
Expertin Mangelsdorf von der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin bewertet Mitgefühlstrainings generell positiv. „Mitgefühl an und für sich ist eine Fähigkeit, und alles, was eine Fähigkeit ist, ist auch in sich trainierbar“, sagt sie. Erfolge dieser Trainings seien auch in Studien nachgewiesen worden.
Wichtig sei, sich über einen längeren Zeitraum täglich mit dem Thema zu beschäftigen. Gerade durch die sozialen Medien bestehe der Alltag vieler Menschen darin, sich eher nicht mit dem Leid anderer zu identifizieren, sondern wegzuschauen. „Das sorgt oft dafür, dass wir weiter abstumpfen, statt uns wirklich empathisch einzulassen.“
dpa
Source: stern.de