Kampf um Seltene Erden: Business as usual – solange bis zur nächsten Krise

Frédéric Carencotte wollte nicht tatenlos zusehen, wie Europa immer weiter in die Rohstoffabhängigkeit Chinas rutscht und sein eigenes Know-how leichtfertig aus der Hand gibt. Dass sein Arbeitgeber, der belgische Solvay -Konzern, im westfranzösischen La Rochelle 2016 die einzige nennenswerte europäische Recyclinganlage für Seltene Erden schloss, betrübte ihn sehr. Also nahm der Chemieingenieur sein Schicksal in die Hand, verließ Solvay und gründete 2019 in Lyon das Unternehmen Carester. Das Ziel: eine Industrieanlage zur Aufbereitung und zum Recycling Seltener Erden errichten.

„Wir starteten bei null“, erzählt Carencotte mit Blick auf die Fabrikplanung im Gespräch mit der F.A.Z. In puncto Know-how sah es jedoch ganz anders aus. Denn die fünf Mitstreiter, die der Chemieingenieur von dem Abenteuer überzeugen konnte, hatten allesamt schon lange beruflich mit Seltenen Erden zu tun gehabt und zuletzt als freie Unternehmer gearbeitet. Manche standen kurz vor der Rente, andere waren schon im Ruhestand. Carencotte selbst blickt auf 15 Jahre in diesem Fachgebiet zurück mit Stationen in Frankreich und China. Das half bei der Suche nach den erfahrenen Mitstreitern.

Heute sind die Franzosen zu einem der wenigen Hoffnungsträger Europas geworden. Denn im aktuellen Handelskonflikt der Weltmächte zeigt sich, wie abhängig der Rest der Welt von China bei der Versorgung mit kritischen Rohstoffen geworden ist. Das gilt vor allem für Seltene Erden, eine Gruppe von 17 wichtigen Industriemetallen. Hier führt aktuell am Reich der Mitte kaum ein Weg vorbei. Zwar gibt es alternative Vorkommen rund um den Globus, nicht alle aber sind erschlossen und einige auch schon in chinesischer Hand. Vor allem aber verfügt China über das Gros der nötigen Aufbereitungsanlagen, in denen aus abgebautem Gestein die wichtigen Rohstoffe herausgearbeitet werden.

Zusehen, wie sich die Weltmächte duellieren

Für die besonders wichtige Untergruppe der Schweren Seltenen Erden raffiniert China sage und schreibe mehr als 90 Prozent des Weltbedarfs. Als Reaktion auf die Strafzölle der US-Regierung zieht Peking seit April die Zügel immer mehr an: Verschärfte Lizenzpflichten vom 8. November an, sogar die Offenlegung der westlichen Verarbeitungsketten, sind die jüngsten Folgen. Für ausländische Rüstungsunternehmen droht der komplette Lieferstopp. Eine Katastrophe für die westlichen Industrien.

Die USA haben schon unter der Regierung von Joe Biden umgesteuert und versuchen seitdem, die Sicherung und Verarbeitung von Rohstoffen wieder in die eigene Hand zu nehmen, um sich aus Chinas tödlicher Umarmung zu befreien. Unter Donald Trump vergeht nun kaum eine Woche, in der nicht eine Partnerschaft mit Abbauländern wie Australien, Malaysia und Indien bekannt gegeben oder ein neues Projekt im eigenen Land angekündigt wird. Gerne steigt Washington auch direkt in Unternehmen ein – das Ganze ist eine Staatsangelegenheit von höchster Priorität geworden.

Und die Europäer? Müssen zusehen, wie sich die Weltmächte duellieren, und versuchen, mit Diplomatie hinter den Kulissen die Versorgung der eigenen Industrien aufrechtzuerhalten. Zwar gibt es ein eigenes Strategiepapier der EU, in der Praxis ist aber wenig geschehen. Viele Entscheider in Politik und Wirtschaft scheinen immer noch zu hoffen, dass die Chinesen einlenken und bald wieder liefern werden. Doch es gibt ein paar Hoffnungsträger, die zeigen, wie es gehen kann. Carester ist einer von ihnen.

15 Prozent der Weltjahresproduktion

Die französischen Fachleute, in der Branche liebevoll-anerkennend auch „Rentnergang“ genannt, machten sich schnell ans Werk. Früh stand das Konzept, die Rohstoffe aus Altprodukten wie Permanentmagneten aus Elektromotoren und Industrieantrieben zu recyceln. Auch aus elektronischen Geräten wie Festplatten und Lautsprechern, die Seltene Erden wie Neodym, Praseodym, Dysprosium und Terbium enthalten, wollen die Franzosen recyceln. Zudem wollen sie Primärmaterialien aus Minen beziehen und verarbeiten.

Der Chef von Carester, Frédéric Carencotte
Der Chef von Carester, Frédéric CarencotteCaremag

Früh einigte sich Carester zudem mit der französischen Regierung auf Finanzhilfen. Im März, bei der Grundsteinlegung für die neue Fabrik in Lacq im Département Pyrénées-Atlantiques, erklärte das Start-up, sich eine Finanzierung von 216 Millionen Euro gesichert zu haben. 106 Millionen Euro fließen demnach in Form von Subventionen, rückzahlbaren Vorschüssen und Steuergutschriften vom französischen Staat, die übrigen 110 Millionen Euro aus Japan in Form von Eigenkapital und Gesellschafterdarlehen. Dabei handelt es sich um das staatliche Rohstoffsicherungsunternehmen Jogmec und das Privatunternehmen Iwatani.

Die Einweihung der neuen Fabrik ist für Mitte 2026 geplant, ehe die Kommerzialisierung Anfang 2027 starten soll, sagt Carencotte. Künftig wolle man jährlich 2000 Tonnen Magnete recyceln und 5000 Tonnen Bergbaukonzentrate raffinieren. Man errichte nicht nur Europas erste großtechnische Recyclinganlage für Seltene Erden, sondern werde größter westlicher Produzent von gereinigten Schweren Seltenen Erden. Die geplante Jahresproduktion von 600 Tonnen Dysprosium- und Terbiumoxiden entspricht etwa 15 Prozent der globalen Produktion. Hinzu kommen 800 Tonnen Neodym- und Praseodymoxide, die vor allem für Elektrofahrzeuge, Windräder und moderne Elektronik wichtig sind.

Lukrativer Markt

Über mangelndes Interesse aus der Industrie kann Carester nicht klagen. Japaner erhalten im Gegenzug zu ihrer Finanzierung einen langfristigen Liefervertrag zur Versorgung mit Schweren Seltenerdoxiden. Weitere Verträge bahnen sich an oder sind unterzeichnet, so etwa mit dem Autohersteller Stellantis zur Lieferung von 3400 Tonnen Neodym-, Praseodym-, Dysprosium- und Terbiumoxiden über einen Zeitraum von zehn Jahren. Die Bergbaukonzentrate kommen aus Minen in Asien, Nord- und Südamerika; die genauen Länder will Carester nicht preisgeben. Das Unternehmen beschäftigt zurzeit 44 Mitarbeiter. In dem neuen Werk sollen 92 direkte Arbeitsplätze entstehen.

Allein mit diesen Aktivitäten ist Carester in Europa inzwischen allerdings nicht mehr. So hat auch Carencottes früherer Arbeitgeber Solvay erkannt, wie lukrativ der Markt in jüngster Zeit geworden ist. Im April dieses Jahres weihte er an seinem Standort La Rochelle eine neue Produktionslinie ein, die sich auf Seltene Erden für Permanentmagnete konzentriert – während die früheren Aktivitäten im Wesentlichen aus dem Recycling von Leuchtstofflampen bestanden hatten. Eingestellt worden waren sie 2016, weil die Preise für Seltene Erden damals gesunken waren und die Hinwendung zur LED-Technik die Nachfrage nach Europium, einem der Hauptbestandteile traditioneller Lampen, stark reduzierte.

Auch das französische Unternehmen Magreesource hat Großes vor. Seit Dezember vergangenen Jahres betreibt es im Département Isère eine kleine Pilotanlage zum Recycling Seltener Erden mit einer Kapazität von jährlich 50 Tonnen. Pläne für eine Erweiterung laufen ebenso wie für den Bau einer Großproduktionsanlage in Grenoble.

Doch mit eigenen Raffinerie- und Recyclingkapazitäten allein wäre das Fundament für Europas Unabhängigkeit noch nicht geschaffen. Denn es gibt einen weiteren elementaren Schritt in der Verarbeitungskette von Seltenen Erden, den die Chinesen derzeit dominieren: Permanentmagnete. Diese Bauteile braucht man vereinfacht gesagt in fast allen Geräten, in denen sich Motoren drehen. Ohne diese Dauermagnete gibt es keine Elektroautos und keine Windräder. Auch hier hat China die Lieferkette über viele Jahre gezielt unter seine Kontrolle gebracht. Auch hier haben die Chinesen die Ausfuhr zuletzt gedrosselt, nicht nur in der europäischen Industrie sind deshalb die Sorgen groß, von Lieferungen abgeschnitten zu werden. Mobilitätswende ohne Dauermagnete? Unmöglich.

Von wegen simples Stück Metall

In Hanau vor den Toren Frankfurts weiß man noch, wie solche Magnete hergestellt werden. Hier ist der Stammsitz der Vacuumschmelze GmbH & Co. KG, die einst als Abspaltung aus dem Heraeus-Konzern entstanden ist. Der Spezialist für magnetische Werkstoffe wechselte in seiner 102 Jahre alten Geschichte mehrfach den Besitzer, war zwischendurch auch mal Teil des Siemens-Imperiums. Mittlerweile gehört das Unternehmen der amerikanischen Private-Equity-Firma Ara Partners. Seit 50 Jahren werden hier Permanentmagnete hergestellt, und wer durch die Produktionshallen geht, bekommt den Eindruck, hier steht die Zeit ein wenig still. „Die gepressten Magnete sehen wie ein simples Stück Metall aus, aber da steckt eine Menge Know-how drin“, erklärt Alexander Barcza, Vizepräsident und im Unternehmen zuständig für Seltene Erden und Permanentmagnete.

Eine Tonne mit Chips aus einer Legierung für Dauermagnete mit Seltenen Erden vor dem Mahlen in einer Halle der Vacuumschmelze in Hanau
Eine Tonne mit Chips aus einer Legierung für Dauermagnete mit Seltenen Erden vor dem Mahlen in einer Halle der Vacuumschmelze in HanauFrank Rumpenhorst

Die verwendeten Metalle werden vereinfacht gesagt extrem fein zermahlen, anschließend werden die Teilchen mithilfe eines Magnetfeldes optimal ausgerichtet und schließlich zu einem Magnet von extremer Härte und Beständigkeit verpresst und wärmebehandelt, ohne dass irgendeine Form von Klebstoff verwendet wird. Hier steckt Fertigungswissen von höchster Qualität drin, schon eine Änderung der Körnungsgröße macht Anpassungen an vielen Stellen erforderlich. Nur durch diese Perfektion und Abstimmung entstehen Hochleistungsmagnete für die Industrie.

Vacuumschmelze stellt in Hanau und in seinem Werk in Finnland Neodym-Eisen-Bor-Magnete her. Mehr als zwei Drittel der Rohstoffe seien Eisen und Bor, knapp 30 Prozent Seltene Erden. „Die braucht man unter anderem für die Hitzebeständigkeit“, erklärt der promovierte Chemiker und Metallurg Barcza. Kritische Ressourcen sind dabei die beiden Schweren Seltenen Erden Terbium und Dysprosium, die vor allem aus dem Süden Chinas stammen. Vacuumschmelze, das auch eine Niederlassung in China hat, bezieht noch Lieferungen, bekommt die Engpässe und Auflagen aber wie der gesamte Markt zu spüren.

In atemberaubender Geschwindigkeit

Wie effizient die Produktion ist, zeigt der Umgang mit den anfallenden „Abfällen“. Während sich Wettbewerber in China um Ausschuss wenig Gedanken machen müssen, weil das Land eine große Recyclingindustrie besitzt, minimiert man diese Überbleibsel in Hanau etwa durch optimal angepasste Pressformen. Dennoch lässt sich nicht verhindern, dass sogenannter „Swarf“ entsteht, den die Experten mit Schleifschlamm übersetzen. Diese Produktionsreste sind laut Barcza immer noch „extrem wertvoll“ und können wiederverwendet werden. Und hier kommt Carester ins Spiel. Denn Frédéric Carencotte und Erik Eschen, der Geschäftsführer von Vacuumschmelze, kennen und schätzen sich schon lange. Gemeinsam wollen sie Europas Rohstoffindustrie wiederbeleben und die Wertschöpfungskette wieder aufbauen. Deshalb geht der Swarf aus Hanau nun zu Carester, um damit deren Anlagen für die Testphasen hochzufahren. Andersherum wird Vacuumschmelze zum Kunden für raffinierte Seltene Erden und Teil von Caresters Kreislaufwirtschaft.

Aus Eschens Sicht ist es für Europas Unabhängigkeit von entscheidender Bedeutung, dass der Kontinent beim Thema Rohstoffunabhängigkeit aktiv wird und vorhandene Ressourcen ausbaut. „Wenn Know-how einmal weg ist, ist es weg“, sagt der Manager. Manch ehemaliger Kunde, der ihn einst für chinesische Lieferanten verlassen habe, klopfe nun aufgeregt an seine Tür. Doch die Herstellung maßgefertigter Magnete sei nicht über Nacht zu machen, sagt Eschen. Derzeit gebe es viele Wettbewerber, die behaupteten, das Geschäft zu beherrschen. Doch das dafür nötige Wissen besäßen nur wenige. „Die zeigen dann Hände voller Magnete – wir könnten Lastwagen vorfahren“, so Eschen.

Als Beweis für die Fähigkeiten seines Unternehmens führt er das neue Werk von Vacuumschmelze in South Carolina an, das in atemberaubender Geschwindigkeit hochgezogen wurde. Praktiker wissen, welche Herausforderung das mit sich bringt. Nicht umsonst hat Tesla-Gründer Elon Musk einst von der „Produktionshölle“ gesprochen. Noch unter der Biden-Administration sei der Autohersteller General Motors an ihn herangetreten mit dem Anliegen, eine alternative Bezugsquelle zu chinesischen Anbietern für Dauermagnete aufzubauen. „Die wollten einen Plan B“, so Eschen. „Wir haben gesagt, dass das nur funktioniert, wenn sich GM langfristig als Abnehmer bekennt.“

Zukunftsfabrik auf dem Sojafeld

Gesagt, getan. Im September 2023 fiel die Entscheidung zum Bau, im Januar 2024 wurde das Grundstück gekauft, und im März war Grundsteinlegung. Ein Tempo, von dem Eschen noch immer beeindruckt ist. „Wir haben den Behörden zwar tausend Fragen beantworten müssen, aber es war ein glasklares Verfahren.“ In diesem November sollen schon die ersten, dort produzierten Magnete zum Testen an GM gehen. „Das muss man sich mal überlegen“, sagt Eschen, „das war vor zwei Jahren noch ein Sojafeld.“ Nun entstehe dort eine State-of-the-Art-Produktion, die mit 2000 Tonnen Jahresproduktion startet – doppelt so viel wie in Hanau. Und der Ausbau auf die sechsfache Kapazität ist möglich. Künftig, das sei auch klar, werde er dort investieren, wo die Kunden sind, stellt der Manager klar. Sein Ziel sei es, in Amerika noch zwei oder drei Werke zu bauen und in Europa ein oder zwei, sagt Eschen. „Mein Traum wäre ein Dauermagnetewerk in der Ukraine.“

Im Mai war Eschen zu Gast in Versailles, als Präsident Emmanuel Macron seine Initiative zur Stärkung von Europas Unabhängigkeit präsentierte. Schon damals wies er darauf hin, dass eine Rohstoffindustrie sich nur herausbilde, wenn es entsprechende Abnahmegarantien nach französischem Vorbild gebe. „Die Politik muss mal ein bisschen Geld in die Hand nehmen und in eine Mine stecken“, konkretisiert Eschen seine Gedanken heute, maximal 50 Millionen Euro würden seiner Meinung nach schon genügen. Er wolle ja auch kein zweites Northvolt schaffen. In eine Batteriefabrik in Norddeutschland sollten Milliardensubventionen vom deutschen Steuerzahler fließen, bevor das Start-up insolvent ging.

Die deutsche Industrie müsste sich wiederum verpflichten, die ersten 1000 oder 2000 Tonnen an Seltenen Erden oder Magneten abzunehmen. Wenn die Produktion angelaufen sei, ließe sie sich privatwirtschaftlich skalieren. Seine derzeitige Sorge ist mit Blick auf eine mögliche Wiederannäherung von US-Präsident Trump und Xi aber, dass die Entwicklung in die falsche Richtung gehe. „Wenn die Chinesen wieder liefern, lässt der Druck auf die Akteure nach, und das Thema rutscht in Europa wieder von der Agenda“, befürchtet Eschen. Business as usual – bis zur nächsten Krise.