Kampf gegen den Schlamm – Pro diesen Olympia-„Parkplatz“ zahlen Besucher 40 Euro

Unser Autor war drei Tage privat bei den Olympischen Winterspielen. Er hat die Logistik vor Ort aus Sicht eines normalen Besuchers auf Herz und Nieren getestet. Ein als Schlammgrube getarnter Parkplatz wurde zum Endgegner. Und der lokalen Polizei kann er nicht mehr vertrauen.

Es ist ein aussichtsloser Kampf, den der Volunteer am Ausgang des Parkplatzes führt. In seinem blauen Outfit versucht er, mit einer Schaufel das Wasser aus der Senke zu schippen. Die Pfütze trennt die Schlammgrube, die die Italiener als „Parkplatz“ verkaufen, von dem kleinen Schotterabschnitt, der Richtung Straße führt. Es ist das Ziel aller Fahrer, der einzige Punkt, an dem die Reifen wieder Grip bekommen können.

„Gas, Gas, Gas“, ruft der Volunteer den Fahrern der heranbrausenden Autos zu. Wer zu wenig Tempo hat, droht steckenzubleiben. Es ist ein bizarres Schauspiel, das sich an diesem Nachmittag in Moena beobachten lässt. Reihenweise kämpfen die Frontantriebe gegen den Matsch. Der Schnee aus der Nacht, der tagsüber getaut ist, hilft da nicht. Wer verliert, dem bleibt nur schieben. Manchmal eilt ein Volunteer zu Hilfe, um den Matsch rund um die Reifen wegzuschaffen.

Hunderte Olympia-Besucher, die mit dem Auto die Wettbewerbe im Skispringen oder der Nordischen Kombination in Predazzo und Tesero besuchen, landen fast zwangsläufig in der Schlammgrube. Der Parkplatz etwa sechs Kilometer von der Schanze entfernt ist einer von mehreren sogenannten Park-and-Ride-Möglichkeiten, die mit Shuttlebussen an die Wettkampfstätten im Fleimstal angebunden sind. Nach den Erfahrungen von vor Ort ist er der mit Abstand am meisten genutzte.

Als ich mich mit meiner Familie auf unseren dreitägigen Olympia-Besuch vorbereite, ist es der Einzige, der sich online auswählen lässt. Eine Vorreservierung ist Pflicht, also buchen wir gleich für beide Tage. Schlappe 40 Euro kostet das Parken in Moena pro Auto und Tag. Insgesamt zahlen wir also 80 Euro für ein Schlamm-Spektakel, das den Fahrer entnervt und das Auto reif für das Komplettpaket in der Waschstraße zurücklässt. Es ist die dreckige Seite von Olympia. Immerhin bleiben wir nicht stecken.

Auch abseits des Parkens wird meine erste Reise zu Olympischen Spielen zu einem Test der Logistik. Schließlich ist die Warnung der Rezeptionistin unseres Hotels eindringlich. Die Gäste, die zum ersten Wettkampf, dem Springen der Frauen von der Normalschanze, gefahren waren, hätten von Chaos berichtet. Also besser früh losfahren. Wir übertreiben beim Befolgen des Rats. Knapp vier Stunden vor dem ersten Durchgang der Männer sind wir da. Von Chaos ist so früh logischerweise keine Spur. Und von olympischem Flair auch wenig.

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Die Skisprung-Arena liegt direkt an der Hauptstraße, Stände gibt es vor dem Eingang keine, stattdessen umziehen vor allem Container das Sieben-Schanzen-Areal. Irgendwie habe ich mir Olympia luxuriöser vorgestellt. Am Einlass trifft dann deutsche Genauigkeit auf italienische Gemütlichkeit. Drei Stunden vor Beginn sollen die Tore eigentlich geöffnet werden. Zweieinhalb Stunden vorher sortiert die Leiterin der Ticketkontrolle immer noch ihre Mitarbeiter. Ein paar Reihen sind noch unbesetzt, also kann es zunächst nicht losgehen.

Philipp Raimund entschädigt für die Schwächen in der Organisation

Auch im Stadion hakt es. Auf der Suche nach einem Getränkestand werden wir von einer Helferin abgewiesen. Wir hätten nicht die richtigen Tickets, sollen stattdessen auf die andere Seite des Stadions. Aber auch auf dem Weg dorthin werden wir von einem Helfer zurückgehalten. Wir seien schon richtig gewesen, sollen es noch einmal an alter Stelle versuchen. Es scheint, als wisse der eine Volunteer nicht, was der andere tut. Freundlich geht es aber zu jedem Zeitpunkt zu. Eine Erfahrung, die sich in den nächsten Tagen bestätigen sollte. Diesmal dürfen wir passieren.

Der Sport entschädigt am ersten Abend für so manchen Makel in der Organisation. Philipp Raimund gewinnt sensationell die Goldmedaille. Es ist ohnehin ein deutscher Abend. Während Deutschland noch darüber debattiert, ob es Olympischen Spiele ausrichten will, zeigt Predazzo, dass das Publikum auf jeden Fall da wäre. Der Weg nach Norditalien ist kurz – und so sind die „Ziiiiiiieeeeeh“-Rufe die lautesten.

Ansonsten herrscht zeitweise derart gebannte Stille, dass ich das erste Mal wahrnehme, mit was für einem Knall die Landung der Springer im Schnee begleitet wird. Kein Vergleich zur Vierschanzentournee in Oberstdorf oder dem Party-Springen in Willingen – vielleicht auch, weil hier ein 0,33er-Corona sieben Euro kostet.

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Zweiter Tag: Es geht nach Antholz zum Biathlon. Und diesmal wird noch intensiver gewarnt. Ein älterer Mann, der mit uns auf den Shuttle zurück zur Schlammgrube in Moena wartet, berichtet am Vorabend von seinen Erfahrungen. Er wohnt zwei Orte von Antholz entfernt. Der Stau hätte viele Anreisende zur Verzweiflung gebracht, dazu gezwungen, ihr Auto weit vor den eingerichteten Parkzonen stehenzulassen und auf den Zug umzusteigen. Zudem hätten Shuttlebusse gefehlt.

Sowohl Bedienung als auch Rezeptionistin stimmen zu. Sie raten dazu, komplett auf Bus und Zug umzusteigen. Das aber würde von unserem gewählten Hotel drei Stunden dauern – und ist mit Umsteige-Risiko verbunden. Die Zeit in den Shuttles zur Arena in Antholz ist da noch nicht inbegriffen. Es ist keine Option. Das Olympia der weiten Wege aber Realität.

Wir steigen in den Bus – eine Fehlentscheidung

Wir entscheiden uns für einen Kompromiss. Mit dem Auto zu einem etwas entlegenen Bahnhof, eine Stunde von Antholz entfernt, dann weiter mit dem Zug. So jedenfalls der Plan. Am Bahnhof werden wir von sechs Carabinieri empfangen. Sie raten uns zum Bus, der extra bereitsteht und ohne Zwischenhalt Richtung Shuttle-Haltestelle fahren soll. Wir steigen ein. Es ist eine Fehlentscheidung.

Wer schon mal in den italienischen Alpen unterwegs war, weiß: Aus den Ortschaften führt meist genau eine Straße rein und eine Straße raus. Wenn dann noch Tausende Besucher in dieselbe Richtung wollen – 18.000 sollen es insgesamt beim Einzel der Männer sein – muss man kein Prophet sein, um den Stau kommen zu sehen. Selbst der Busfahrer zeigt sich ratlos, warum genau er in Richtung Antholz fahren sollte. Vor Ort, wir schaffen es mit knapp 20 Minuten Verspätung im Vergleich zum Zug, präsentiert sich das Biathlon-Mekka dafür aber lernfähig. Keine Spur von fehlenden Shuttles. Im Minutentakt werden die Massen Richtung Stadion gekarrt. Anders als in Predazzo – dazu gleich mehr – ohne Gedrängel. Organisation par excellence.

Auf der Tribüne wartet dann die eigentliche Herausforderung des Tages: ein Biathlon-Einzel ohne Schwindel zu verfolgen. Es wird gestartet, gelaufen, geschossen – und das alles gleichzeitig. Dazu kommentieren die Stadionsprecher mal die Zwischenzeit bei Kilometer 6,7, mal das dritte Schießen – und lassen die Deutschen teilweise völlig unbeachtet. Es ist ein Wirrwarr, wie gemacht für ein lineares Fernsehbild. Nicht aber für menschliche Live-Verarbeitung zwischen Schießbahn 30 und Zieleinlauf. Hier den Überblick zu behalten, sollte als Test für eine mögliche Hochbegabung eingeführt werden. Deutschland geht erwartbar leer aus. Für den Rückweg sind auch wir lernfähig. Mit dem Zug läuft es problemlos.

Tag drei und vorweggenommen: Es ist das Highlight des Olympia-Trips. Die Nordische Kombination kämpft ums olympische Überleben. Zu gering die Nationenvielfalt in der Spitze, zu gering der Zuschauerzuspruch. Dieser Tag liefert den eindrucksvollen Gegenbeweis. Ja, auch ich habe überspitzt gesagt mit 50 Verirrten an der Schanze gerechnet, zumal die Sprungzeit um 10 Uhr durchaus unchristlich gewählt wurde. Tatsächlich ist es nicht ganz so voll wie beim Spezialspringen zwei Tage zuvor, aber nahezu.

Auch am Mittag an der Langlaufstrecke üppige Besetzung. Wir erwischen Top-Plätze an einem Anstieg, kommen bis auf zwei Meter an die Athleten ran, die auf ihrer Aufwärmrunde noch Zeit für ein paar Grüße Richtung Streckenrand haben. Dazu Sonnenschein und ein toller Ausblick über das ins Bergpanorama eingebettete Stadion. Da ist sie, die Magie der Ringe.

Zuvor aber heißt es saunieren. Im Shuttle, um die knapp zehn Kilometer zwischen Predazzo und Tesero zurückzulegen, sind es gefühlte 82 Grad. Überhaupt ist der Busverkehr in Predazzo mit Abstand am schlechtesten organisiert. Stichwort: Gedrängel. Wieder führt ein Volunteer einen aussichtslosen Kampf. „Geht zurück“, brüllt er der nicht gerade gesittet wartenden Menge entgegen. Aber anders als in Tesero oder Antholz gibt es auch keine Absperrungen, die den Abtransport in geregelte Bahnen lenken könnte. „Nicht schubsen. Ihr seht den zweiten Teil der Veranstaltung sonst nicht“, ruft er. Die Drohung verpufft.

Anders das Bild auf dem Rückweg. Wie vor der Sicherheitskontrolle am Flughafen werden die Schlange clever in alle Bus-Richtungen gelenkt. Als die Menschenmenge größer wird, öffnet eine Zweite Spur in Richtung Moena. Es wartet nur noch die letzte Hürde – das Verlassen des Matschparkplatzes. Dann ist das erste olympische Abenteuer schon wieder vorbei.

Luca Wiecek ist Sportredakteur für WELT. Er hat seine Schuhe nach der Wattwanderung in Moena wieder sauber bekommen.

Source: welt.de