Kämpfe in Syrien: Zehntausende fliehen vor Gewalt im kurdisch geprägten Nordsyrien
Angriffe von Regierungstruppen haben in der nordsyrischen Provinz Aleppo Zehntausende Menschen zur Flucht veranlasst. Örtliche Behörden sprachen von mindestens 46.000 Vertriebenen. Zuvor hatte die syrische Armee die Zivilbevölkerung mehrfach aufgerufen, zwei kurdisch geprägte Viertel von Aleppo umgehend zu verlassen. Dort seien Einsätze gegen kurdische Kräfte sowie das Errichten eines „militärischen Sperrbezirks“ geplant.
Vertreter von Militär und Regierung kündigten eine „begrenzte“ Operation an. Deren Ziel sei, kurdische Kämpfer zum Verlassen der Viertel zu bewegen, „damit die Behörden ihre Kontrolle auf die gesamte Stadt ausweiten können“, sagte ein Armeesprecher.
Scheich Maksud und Aschrafijeh sind die einzigen Stadtviertel Aleppos, die nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad Ende 2024 nicht unter der Kontrolle der neuen Regierung unter Interimspräsident Ahmed al-Scharaa standen. Bis zuletzt wurden sie von Einheiten kontrolliert, die Verbindungen zu den Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) unter kurdischer Führung haben.
Selbstverwaltung spricht von Verstößen gegen humanitäres Recht
Anfang der Woche war es in Aleppo zu tödlichen Gefechten zwischen Soldaten der islamistischen Übergangsregierung und kurdischen Kämpfern gekommen. Am Mittwoch eskalierten die Kämpfe, die Armee beschoss die kurdisch kontrollierten Teile der Stadt. Mindestens 13 Zivilisten wurden bei den Gefechten bislang getötet und zahlreiche weitere verletzt – darunter auch Kinder. Es handelt sich um die schwersten Kämpfe in Aleppo seit dem Sturz Assads.
Die Regierung spricht von einem „Anti-Terror-Einsatz“ und behauptet, bei der Operation handle es sich um eine Reaktion auf Angriffe der SDF in von Regierungstruppen kontrollierten Teilen Aleppos. Die SDF werfen der Regierung hingegen vor, zivile Viertel und Infrastruktur anzugreifen und eine „erstickende und vollständige Belagerung“ über die kurdischen Gebiete zu verhängen.
Die Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien, auch bekannt unter dem Namen Rojava, sprach in einer Mitteilung von Angriffen auf dicht besiedelte Wohngebiete, in denen überwiegend Kurden lebten. Darunter seien viele Binnenvertriebene, „die in den vergangenen Jahren die Schrecken der Unterdrückung und Zwangsvertreibung erlitten haben“. Diese Angriffe stellten einen eklatanten Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht dar. Mit ihrer Politik trage die Übergangsregierung zur Destabilisierung und zur Verschärfung des Konflikts bei und bringe Syrien vom Weg der Aussöhnung und nationalen Einheit ab. Ziel müsse weiter ein demokratisches, dezentralisiertes Syrien sein, das die Rechte und Würde aller Bürger garantiere.
EU fordert Zurückhaltung – Türkei bereit, einzugreifen
Masrur Barsani, Premierminister der Autonomen Region Kurdistan im Nachbarland Irak, zeigte sich zutiefst besorgt. Angriffe auf Zivilisten sowie Versuche, die Demografie der Region zu verändern, kämen einer ethnischen Säuberung gleich, sagte Barsani.
Die Europäische Union forderte von den Konfliktparteien Verhandlungen. „Wir rufen alle Seiten dazu auf, Zurückhaltung zu üben, Zivilisten zu schützen und eine friedliche und diplomatische Lösung zu suchen“, sagte Anouar El Anouni, Sprecher der EU-Kommission, in Brüssel. Man verfolge die Entwicklungen in Aleppo mit großer Sorge, insbesondere Berichte über zivile Opfer.
Auch die israelische Regierung, die sich wiederholt als Unterstützer ethnischer und religiöser Minderheiten in Nachbarländern inszenierte, äußerte ihre Sorge über die Eskalation der Kämpfe. Die Angriffe des syrischen „Regimes“ gegen die kurdische Minderheit seien „schlimm und gefährlich“, schrieb Außenminister Gideon Saar auf X. Die „systematische und mörderische Unterdrückung der verschiedenen syrischen Minderheiten“ stehe im Widerspruch zu den Versprechen für ein „neues Syrien“. Saar forderte die internationale Gemeinschaft dazu auf, weitere Gewalt gegen die Kurden zu verhindern, die „tapfer und erfolgreich“ gegen die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) gekämpft hätten.
Unterdessen bat die türkische Regierung der syrischen Armee Unterstützung im Kampf gegen die Kurden an. „Wenn Syrien uns um unsere Mithilfe bittet, wird die Türkei die nötige Unterstützung leisten“, teilte das türkische Verteidigungsministerium mit. Syrien und die Türkei teilen eine mehr als 900 Kilometer lange Grenze. Die Regierungen beider Länder gehen entlang der Grenze vehement gegen kurdische Autonomie vor. Seit 2016 griff die türkische Armee wiederholt direkt oder über Milizen in das Kampfgeschehen in Nordsyrien ein.
Eingliederung kurdischer Institutionen ins Stocken geraten
Seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 regierten die syrischen Kurden den
Nordosten des Landes de facto autonom. Die islamistische Regierung mit dem früheren Dschihadisten Al-Scharaa an der Spitze will ihre Kontrolle jedoch auf die kurdischen Regionen ausweiten. Ihr wurde wiederholt vorgeworfen, Minderheiten wie Alawiten, Drusen und Kurden nicht
ausreichend zu schützen.
Im Frühjahr 2025 hatte sich die Führung der Kurden in Syrien mit der Zentralregierung Al-Scharaas darauf geeinigt, die bislang autonom verwalteten Institutionen im Norden und Nordosten des Landes bis Ende des Jahres in die staatliche Ordnung einzugliedern. Zugleich sollten die SDF Teil der regulären syrischen Streitkräfte werden. Trotz internationalen Drucks gerieten die Verhandlungen über den Prozess zuletzt ins Stocken. Eine Umsetzung ist bis heute nicht erfolgt.