„Kacken an welcher Havel“-Star Fatoni: „Ich schieße seit dem Zeitpunkt ihrer Gründung gegen die AfD“

In einer rustikalen Espress-Bar im Berliner Friedrichshain hängt linke Kunst. Anton Schneider alias Fatoni hat sich das Café ausgesucht, weil es ihn an ein Berlin erinnert, das vielerorts verschwunden ist. Auf die Minute ist er pünktlich.

der Freitag: Anton Schneider, die Serie „Kacken an der Havel“, in der Sie die Hauptrolle spielen, ist vor einigen Wochen erfolgreich gestartet – auch international. Gibt es seitdem eine andere Aufmerksamkeit?

Anton Schneider: Es gab keine Riesenexplosion. Ich werde nicht ständig auf der Straße angesprochen oder habe plötzlich 100.000 amerikanische Follower mehr. Aber es sind coole Sachen passiert – zum Beispiel, dass mir Leute aus der ganzen Welt geschrieben haben, sogar aus Indien. Eine Schauspielerin und Comedian aus den USA schrieb mir, wie gut sie die Show findet. Mit der habe ich hin und her geschrieben. Ich habe nie groß geträumt, das tue ich auch jetzt nicht. Aber jetzt erste Kontakte in L.A. zu haben, ist schon abgefahren.

Sie kommen ursprünglich aus München. Wie sah ihre politische Sozialisation in den 90ern aus?

Meine Eltern sind klassische Linksliberale und waren in den 70er Jahren Teil des Umfelds der Studentenbewegung. Kein hochpolitischer aber auch kein unpolitischer Haushalt. So waren wir auf den Lichterketten-Demos nach den Angriffen in Rostock-LichtenhagenSpäter hatte ich eine klassische Hip-Hop-Sozialisation mit Graffiti, Kiffen, Skateboarden und Partys. Da war dieses „Linkssein“ vor allem das Gegen-Nazis-Sein. In den letzten zehn Jahren habe ich das hinterfragt und in anderem Licht gesehen: Wir waren in den Nullerjahren oft ausgrenzend und sexistisch, ohne es zu merken.

Es gab Antifa-Gruppierungen, bei denen ich oft zu Gast war. Ich erinnere, dass wir nicht richtig mitmachen durften, weil wir die Codes nicht verstanden haben. Wir trugen die falschen Klamotten, waren zu jugendlich arrogant. Wir haben zu viel sexistische und behindertenfeindliche Sprache benutzt. Die Antifa in München war nicht unbedingt elitär, aber sie wollte uns oft belehren – wahrscheinlich zu Recht. Wir wurden aber toleriert; und ich habe oft auf linken Veranstaltungen gerappt.

Für mich war aber klar: Ich spiele keinen Brandenburger Typen, der auch noch versucht, so zu reden. Ich hätte das nie gekonnt oder gewollt. Hätte ich das versucht, wäre die Kritik sicher lauter ausgefallen.

Fatoni aka Anton Schneider

Kommen wir nach Brandenburg. Sie spielen in der Serie einen Berliner Rapper, der in seine Heimat Brandenburg zurückkehrt. Fiktion, aber wie spielt man als Münchner einen Ossi? Einige schienen damit Probleme gehabt zu haben.

Ich dachte, das würde ein größeres Thema werden. Vor dem Dreh hatte ich Sorge, dass das den Leuten sauer aufstoßen könnte, aber am Ende war es gar nicht so. Ich finde diese Identitätsdebatte im Schauspiel – also wer was spielen darf – grundsätzlich etwas seltsam, denn das ist ja der Kern des Berufs. Wir reden hier nicht über Blackfacing. Für mich war aber klar: Ich spiele keinen Brandenburger Typen, der auch noch versucht, so zu reden. Ich habe darauf geachtet, nicht süddeutsch zu klingen. Es gibt ja Figuren, die brandenburgisch reden. Mit Jördis Triebel ist meine Schwester besetzt, die das wirklich beherrscht. Ich hätte das nie gekonnt oder gewollt. Hätte ich das versucht, wäre die Kritik sicher lauter ausgefallen.

Welches Bild von Brandenburg wird in der Serie repräsentiert?

Ein liebevolles Bild. Es geht da mehr um die Provinz an sich als um das konkrete Bundesland. Sicherlich laufen in Kacken viele groteske Figuren herum, die alle einen Riesenschatten haben, aber fast alle sind auf ihre Art liebenswert. Das finde ich schön.

Die AfD spielt in der Serie keine Rolle. Das Thema beschäftigt Sie aber sonst in Ihren Songs sehr.

Die Serie ist – ich habe sie ja nicht geschrieben – fast komplett unpolitisch. Das bin ich als Person und in meiner Musik natürlich gar nicht. Ich sehe mich nicht als krassen Polit-Rapper, aber im Vergleich zur restlichen Musiklandschaft bin ich es dann wohl doch. In der Serie wird das Thema durch Nichtthematisierung ausgeklammert, wodurch ein Bild gezeichnet wird, das vielleicht liebenswerter ist als die Realität.

Die Stigmatisierung „Ostdeutschland gleich AfD“ klammert immer noch mindestens 50 Prozent aus, die keine AfD wählen. Wie bringen Sie Leute dazu, die durch die Comedy-Serie zu Ihnen kommen, sich mit Ihrer politischen Message auseinanderzusetzen?

Ich habe mich nie als „Zeckenrapper“ definiert. Ich schreibe nicht nur politische Songs, aber die expliziten Anti-AfD-Zeilen haben sich seit 2014 verstärkt, weil sich die Gesellschaft verändert hat. Ich sehe keinen Widerspruch. Falls es rechte Fans der Serie gibt, die sich dann näher mit mir beschäftigen, werden sie schnell wieder abgeschreckt sein. Das ist okay. Diese Zielgruppe habe ich nie gesucht.

Während viele über Lamborghini, Gucci und Rolex rappen, tauchen in Ihren Songs Namen wie Tino Chrupalla, Horst Mahler, Daniela Klette und Sarah Bossard auf.

Sarah Bossard ist ein gutes Beispiel: Ich habe bis jetzt kein Gespräch darüber geführt, niemand hat mich auf die Zeile angesprochen. Unsere Gehirne sind durch Social Media so auf Schnelligkeit getrimmt, dass die wenigsten sich die Zeit nehmen, etwas nachzuschlagen. Wenn man etwas nicht versteht, geht man einfach weiter. Ich dachte, das gäbe Gesprächsstoff. Das finde ich nicht einmal schade, aber es ist auffällig.

Inzwischen bin ich bekannter, aber ich bin nicht Danger Dan oder K.I.Z., deren Texte sogar in Landtagen oder im Bundestag diskutiert wurden. Das ist mir zum Glück noch nie passiert und wünsche ich mir auch nicht

Fatoni aka Anton Schneider

Der Druck von rechts nimmt auf die Kultur zu. Buchhandlungen werden durch den Verfassungsschutz beobachtet, Theater im Osten berichten von Druck durch die AfD. In so einer Welt könnte eine Line wie „Ich ersxxxxxxx Tino Chrupalla“ zum Problem werden.

Ich sage das ja nicht. Im Song kommt an der Stelle ein Karate-Geräusch und kein Schuss. In dem Song Nacho ist die Rede von Scharfschützen auf dem Dach für einen Spitzenkandidaten oder dass ich mein Exil suche, falls die AfD den Kanzler stellt. Das schreibe ich immer aus dem Bauch heraus. Es ist provokant. Manchmal frage ich mich im Nachhinein: „Fuck, jetzt habe ich das wieder rausgehauen.“

Aber ich schieße seit der Gründung gegen diese Partei. Inzwischen bin ich bekannter, aber ich bin nicht Danger Dan oder K.I.Z., deren Texte sogar in Landtagen oder im Bundestag diskutiert wurden. Das ist mir zum Glück noch nie passiert und wünsche ich mir auch nicht. Aber die Exilfrage ist etwas, das viele Menschen in meinem Umfeld, gerade mit Migrationsgeschichte, umtreibt. Wenn dann rechte Kommentare sagen „Dann verpiss dich doch“, frage ich mich selbst: Wo soll ich denn hin?

Ja, wohin?

Das ist das Düstere an der heutigen Realität. Sogar die USA fallen als sicherer Hafen weg. Freunde von mir leben auf einer Insel in Thailand. Aber ist das die Lösung, in eine halbe Militärdiktatur zu ziehen, um am Strand zu chillen?

Im „Freitag“ gab es einen Text von Özge Inan über Ihr letztes Album „Wunderbare Welt“, in dem Ihre ständige Auseinandersetzung mit dem Älterwerden kritisiert wurde.

Ein sehr treffender Text. Ich habe mich sehr ertappt gefühlt. Er hat mich sogar so beeinflusst, dass ich seitdem darauf achte, das Thema nicht mehr so oft zu strapazieren. Ich hatte nicht reflektiert, wie oft ich darüber spreche.

Das Älterwerden ist integraler Bestandteil der Kunst, besonders im Hip-Hop. Früher war Rap ein Verdrängungskampf, bei dem jede Generation nach zwei Jahren von der nächsten abgelöst wurde.

Zum Glück ist das nicht mehr so, sonst wäre ich arbeitslos. Wenn ich Kool Savas sehe, der mit 50 eine Arenatour spielt, wirkt das extrem würdevoll, weil er eine riesige Legacy hat. Das gilt auch für Deichkind. Wenn man keinen Erfolg hat und mit 30 noch im Jugendzentrum versucht, Rapper zu werden – wie in „Kacken an der Havel“ –, dann ist das weniger würdevoll.

Hier gibt es wenige, die schaffen, Schauspiel und Rap unter einen Hut zu bringen. Bei Ihnen ist das anders. In einem Youtube-Kommentar heißt es: „Fatoni ist der neue Manfred Krug“.

Das nehme ich gerne an. Ich habe vor Jahren sogar mal eine Zeile geschrieben, die geht: „Der Mann mit Hut, Deutschraps Manfred Krug.“ Aber ich habe das nie veröffentlicht. Mein Vorbild aus den USA ist Donald Glover, der als Childish Gambino ein exzellenter Rapper ist, aber auch Filme dreht und Stand-up kann. Das liegt aber auch daran, dass Hip-Hop kulturell in Amerika ganz anders verwurzelt ist.

Wir in der Popmusik sind vom freien Markt abhängig. Deshalb müssen wir marktschreierisch über Social Media ständig „Kauft Tickets!“ rufen. Touren werden abgesagt, weil Kosten steigen, aber die Gehälter der Leute nicht. Besonders Künstler mittlerer oder kleinerer Größe strugglen extrem

Fatoni aka Anton Schneider

In einer Zeit, in der viel Kultur von Förderungen abhängt – wie wirkt sich das auf Musik aus?

Sicherlich nicht gut. Das „Gute“ im Schlechten ist, dass Popkultur ohnehin kaum gefördert wird. Die Gelder fließen in die Hochkultur oder Film. Wir in der Popmusik sind vom freien Markt abhängig. Deshalb müssen wir marktschreierisch über Social Media ständig „Kauft Tickets!“ rufen. Touren werden abgesagt, weil Kosten steigen, aber die Gehälter der Leute nicht. Besonders Künstler mittlerer oder kleinerer Größe struggeln extrem.

Da kommen noch Monopole wie Live Nation dazu. Da sind wir wieder bei der Kapitalismuskritik.

Das ist das Problem: In jedem Gespräch landet man nach fünf Minuten bei der Kapitalismuskritik. Und dann weiß ich nicht weiter. Man kann sich über alles aufregen, aber am Ende merkt man, es ist das System, und ich habe keine Lösung parat.

Das scheint in Ihren neuen Tracks durchzuklingen – dieses Nicht-Weiterwissen.

Ja, auf dem neuen Album „Drama endet nie“ ist das die Grundhaltung. Ich wünsche mir den Rückzug ins Private, aber das geht irgendwie auch nicht mehr. In den letzten Jahren gab es mehrere Krisen in meinem Leben. Daraus entstand das Gefühl von: „Ich weiß nicht mehr wohin.“

In einem Song mit Edgar Wasser und Juse Ju vom letzten Jahr heißt es: „Journalisten fragen, ob ich was zu sagen hätte / Doch ich habe keine Zeit, ich führe linke Grabenkämpfe“

Das ist der Spiegel der Situation. Egal ob es um private Krisen wie Liebeskummer geht, was auf dem Album ein großes Thema ist, oder um gesellschaftliche Fragen. Ich habe das riesige Glück, dass ich die Kunst habe. Sie ist wie ein Lifehack, mit dem man alles verarbeiten kann. Ich verstehe die Emotionalität hinter den aktuellen linken Debatten. Wir sprechen hier einerseits über mögliche Berufsverbote oder Exil, und andererseits schaue ich mir eine Spiegel-TV-Doku über die Demos in Connewitz an und will mich einfach nur vergraben.

Dieser Artikel erschien erstmals am 6. April 2026.

Anton Schneider wurde 1984 in München geboren. Er machte eine Ausbildung zum Kindererzieher und studierte später Schauspiel an der Otto-Falckenberg-Schule. Mit Edgar Wasser und Juse Ju veröffentlichte er 2025 BAWRS – eines der besten Rap-Alben des Jahres. Seine neue LP Drama endet nie erscheint diesen Sommer.