„Jungfräuliches Territorium vergewaltigt“ – Wie die USA in den Bürgerkrieg taumelten
Im Februar 1861 wurden die „Confederate States of America“ gegründet, und der lange schwelende Konflikt zwischen den Süd- und Nordstaaten der USA mündete in den Sezessionskrieg. Dessen schweres Erbe beschäftigt den Staat bis heute.
Für ein Land, das sich „Vereinigte Staaten von Amerika“ nennt, waren die USA in den zweieinhalb Jahrhunderten ihrer Geschichte erstaunlich oft uneins. Und immer wieder haben sich die Gegensätze gewaltsam entladen – bis in die Gegenwart: Seit dem Beginn der Ära Trump ist wieder vielfach davon zu lesen, die USA seien eine „gespaltene Nation“, „zutiefst polarisiert“, die Gräben seien tief, schier unüberwindbar.
Scharmützel dieses aktuellen „Kulturkampfs“ zwischen Progressiven und Konservativen, zwischen Linken und Rechten, „Woken“ und „MAGA“-Anhängern werden endlos in Talkshows, Zeitungsartikeln und auf Social Media ausgetragen. Es bleibt aber nicht nur bei Verbalinjurien: Bei Protesten gegen die Einwanderungsbehörde ICE gab es in Minneapolis unlängst Tote. Wenn Kommentatoren nun schreiben, die USA befänden sich gar am Rande eines Bürgerkriegs, erscheint dies zwar übertrieben. Gleichzeitig ist jedoch nicht absehbar, welche Dynamik die innere Zerrissenheit des Landes in den kommenden Jahren und Jahrzehnten noch entfalten wird. Bereits in der Vergangenheit – nämlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts – hatte ein großer, überaus blutiger Konflikt in den USA die längere Vorgeschichte eines die Nation entzweienden Streits mit einer Reihe zunächst kleinerer, dann immer schwerwiegender Episoden. Eine Eskalationsspirale, die schließlich zum großen Knall zwischen den verfeindeten Lagern führte: zum Sezessionskrieg zwischen den Nord- und Südstaaten der USA.
Dessen Hauptgrund war die im Süden euphemistisch genannte „peculiar institution“ (besondere Einrichtung): die Sklaverei. Diese war ein zentraler Bestandteil der Plantagenwirtschaft, Millionen versklavter Menschen, die seit der Kolonialzeit aus Afrika in die Neue Welt verschleppt wurden, schufteten zwangsweise auf den riesigen Baumwoll- und Tabakfeldern der Südstaaten. Den Plantagenbesitzern verschaffte dies enorme Profite, sodass sie auf ihren opulenten Anwesen in sagenhaftem Reichtum lebten und nicht bereit waren, von der unmenschlichen Praxis zu lassen.
Anders im Norden, wo Industrialisierung und Modernisierung voranschritten und die Sklaverei seit jeher eine viel geringere Rolle im Wirtschaftsleben gespielt hatte. Hier wuchs stetig die Zahl der „Abolitionisten“, welche die Formel „All men are created equal“ (Alle Menschen sind gleich geschaffen) aus der Unabhängigkeitserklärung nicht nur auf Weiße bezogen und darauf drängten, die Sklaverei landesweit abzuschaffen. Nach und nach wurde sie im Norden verboten, während der Süden stoisch daran festhielt. Nicht zuletzt, weil Sklavenhalter im Weißen Haus und in Bundesbehörden saßen oder dort großen Einfluss ausübten, blieb es vorerst bei dem Patt.
Aber der Konflikt schwelte weiter, und für Zündstoff sorgte wiederholt die Frage, welche der im Zuge der stetigen Westausdehnung neu zur Union hinzukommenden „Frontier“-Staaten sklavenfrei bleiben sollten und welche nicht – um das zahlenmäßige Verhältnis und somit Machtgefüge von Sklavenhalterstaaten und sklavenfreien Staaten zu erhalten. Der „Missouri-Kompromiss“ von 1820 sah bei der Aufnahme neuer Gebiete ein Verbot der Sklaverei nördlich des 36. Breitengrads vor. Nachdem im Mexikanisch-Amerikanischen Krieg (1846 bis 1848) aber große Landgewinne südlich dieser Linie erzielt wurden, war das Gleichgewicht zugunsten der Südstaaten verschoben. Im „Kompromiss von 1850“ wurde versucht, dies mit einem Gesetzespaket zu kitten, wodurch etwa Kalifornien als sklavenfreier Staat beitrat. Aber die Kompromisse verzögerten den großen Showdown zwischen Nord und Süd nur, anstatt ihn zu verhindern.
Vier Jahre später wurde der Konflikt durch den „Kansas-Nebraska-Act“ kräftig angefacht. Das Gesetz überließ es 1854 den Einwohnern dieser neu geschaffenen Territorien, über die Sklaverei zu entscheiden, was den „Missouri-Kompromiss“ unterminierte. Im Norden gab es deswegen viel Empörung und diverse Protestaktionen. Die Gegner der Sklaverei gründeten unter Führung des späteren Präsidenten Abraham Lincoln die explizit abolitionistische Republikanische Partei, während die Demokraten stark im Süden verwurzelt und oftmals entsprechend gesinnt waren. Das Kansas-Territorium kam derweil nicht zur Ruhe: Es gab eine Reihe von Gewaltausbrüchen, die teils politisch motiviert waren und teils den Sklaverei-Streit nur als Vorwand für Überfälle und rabiates Vorgehen bei Gebietsstreitigkeiten nahmen. Die Presse griff das begierig auf und dramatisierte die Vorgänge im „blutenden Kansas“.
In dieser explosiven Gemengelage kam es zu einer denkwürdigen Episode im US-Senat in Washington D.C., die veranschaulichte, wie brachial der Nord-Süd-Gegensatz inzwischen geworden war, und welches Gewaltpotenzial er entfaltete: Der republikanische Senator Charles Sumner aus Massachusetts hielt 1856 eine flammende Rede, in der er anprangerte, man habe in Kansas ein „jungfräuliches Territorium vergewaltigt, um es in die verhasste Umarmung der Sklaverei zu zwingen“. Mit deftiger Rhetorik teilte er gegen die Südstaaten und Befürworter der Sklavenhaltung aus. Das sorgte für wüste Debatten und rief den demokratischen Abgeordneten des Repräsentantenhauses Preston Brooks aus South Carolina auf den Plan, dessen Vetter Sumner in seiner Rede persönlich angegriffen hatte.
Zwei Tage nach der Ansprache kam Brooks nach Sitzungsschluss in den fast leeren Plenarsaal, in dem Sumner noch an seinem Pult saß und Briefe schrieb. Mit seiner Rede habe er South Carolina und seinen Verwandten beleidigt und entehrt, rief Brooks. Er begann mit seinem Gehstock, der mit einem goldenen Kauf versehen war, auf Sumner einzuprügeln, bevor dieser aufstehen und fliehen konnte. Dutzende Male schlug Brooks zu. Sumner konnte kaum noch sehen, da ihm Blut in die Augen floss, und er schaffte es zunächst nicht, sich aus dem am Boden verschraubten Pult zu befreien. Blutüberströmt ging er zu Boden. Als sich der Angegriffene endlich aufrappeln konnte, verfolgte ihn Brooks durch den Saal und prügelte immer weiter auf ihn ein, wobei sein Stock zerbrach und er mit dem Knauf-Ende weiter zuschlug. Selbst als Sumner bewusstlos zusammenbrach, ließ der Angreifer nicht von ihm ab. Herbeigeeilte Abgeordnete konnten ihn schließlich zum Aufhören bewegen, und er verließ den Saal. Sumner wurde von Helfern noch im Kapitol erstversorgt. Sie vernähten seine Wunden, dann ging er in ärztliche Behandlung.
Im Norden löste der Gewaltexzess, über den detailreich berichtet wurde, Empörung aus, der „blutende Sumner“ stand nun neben dem „blutenden Kansas“ für die Schändlichkeit der Sklaverei und ihrer Anhänger. Tausende demonstrierten auf den Straßen. In den Südstaaten wurde Brooks‘ Angriff hingegen als Heldentat gefeiert, und man überschüttete die „Yankees“ mit Häme und Schadenfreude, was die Nordstaatler zusätzlich provozierte. Die Opposition verhinderte, dass der Gewalttäter aus dem Repräsentantenhaus ausgeschlossen wurde, es blieb bei einer Geldbuße eines Bezirksgerichts. Etliche „Fans“ aus dem Süden schickten Brooks jetzt Spazierstöcke, die teils mit zustimmenden Parolen versehen waren und ihn aufriefen, mit seinen „schlagenden Argumenten“ gegen den Norden fortzufahren.
Showdown zwischen Nord und Süd
Der blutige Vorfall trug dazu bei, den Graben zwischen den Nord- und Südstaaten weiter zu vertiefen, war eine von mehreren weiteren Etappen im Weg zum Bürgerkrieg, an dessen Vorabend Abraham Lincoln 1860 zum US-Präsidenten gewählt wurde. Die Hardliner des Südens nahmen dies zum Anlass, ihre bereits länger gehegten Fantasien von einem Austritt aus den USA in die Tat umzusetzen. Zunächst sieben Bundesstaaten, darunter South Carolina und Georgia, sagten sich von der Union los und gründeten im Februar 1861 die „Confederate States of America“ (CSA), vier weitere Staaten traten zwei Monate später den Konföderierten bei.
Lincoln versprach in seiner Inaugurationsrede im März 1861, einen Bürgerkrieg nicht zu beginnen, machte aber auch klar, dass er die Union bewahren und ihre Rechtsautorität sowie ihr Eigentum verteidigen würde; die Sezession der Südstaaten bezeichnete er als illegal. Die Südstaatler bemächtigten sich derweil der auf ihrem Gebiet befindlichen militärischen Anlagen und Materialien des Nordens, und im April 1861 eröffneten CSA-Truppen das Feuer auf Unionseinheiten im Fort Sumter in South Carolina – der Beginn des Sezessionskriegs. Vier Jahre und hunderttausende Tote später endete dieser erbittert und äußerst brutal geführte Waffengang mit der Niederlage des Südens und der Abschaffung der Sklaverei.
Die abtrünnigen Staaten wurden wieder in die Union eingegliedert, wobei es aber versäumt wurde, die Geister der Vergangenheit im Zuge der großen „Reconstruction“ des Südens wirklich auszutreiben und die alten Eliten zu entmachten. Schwarze blieben dort systematisch benachteiligt, eine strikte Rassentrennung fand ihren Ausdruck etwa in etlichen Einrichtungen des öffentlichen Lebens, die „Whites only“ (nur für Weiße) oder „Colored only“ (nur für ‚Farbige‘) waren. Erst ein Jahrhundert später wurde die faktische Gleichberechtigung der Schwarzen im Zuge der Bürgerrechtsbewegung durchgesetzt. Was nicht bedeutete, dass Diskriminierung und (immer wieder gewaltsam ausgetragene) Rassenkonflikte damit ein Ende gefunden hätten.
Und eine romantische Verklärung des alten Südens, die von Vertretern der alten Ordnung bald nach dem Ende des Bürgerkriegs unter dem Schlagwort des „Lost Cause of the Confederacy“ trotzig propagiert wurde, hält sich ebenso bis in die Gegenwart. Die „verlorene Sache der Konföderation“ sei gewesen, sich heroisch und ritterlich gegen die militärisch-industrielle Übermacht des kulturlosen Nordens zu stemmen, der sich missgünstig gegen die althergebrachte Lebensweise der galanten Pflanzer-Aristokratie des Südens und dessen „natürliche Ordnung“ verschworen habe. Es sei darum gegangen, die Rechte der Einzelstaaten vor dem übergriffigen Bundesstaat zu schützen. Sklaverei sei dabei nur einer von vielen Aspekten gewesen.
Denkmäler für die Konföderation und Statuen ihrer Protagonisten wurden dementsprechend im Süden schon kurz nach dem Krieg vielerorts errichtet und überdauerten die Zeit. Ist das legitime Traditionspflege – oder reaktionär, rassistisch und problematisch? Gut anderthalb Jahrhunderte später ist auch diese Frage ein Teil des derzeit tobenden „Kulturkampfs“. So wurden in den letzten Jahren mehrere Monumente bei Protesten umgeworfen oder von offizieller Seite abgebaut, was US-Präsident Donald Trump kritisierte, er dachte unlängst laut über die Errichtung einer neuen Statue des Konföderierten-Generals Robert E. Lee in Washington D.C. nach.
Und nachdem im Jahr 2023 in der Ära Biden der berühmte Militärstützpunkt Fort Bragg im südlichen Staat North Carolina in Fort Liberty umbenannt wurde, ordnete Trumps Kriegsminister Pete Hegseth 2025 an, die Basis wieder in Fort Bragg rückzubenennen. Dabei bediente man sich allerdings eines Kniffs: Der Namensgeber der Basis ist nun nicht mehr der umstrittene Südstaaten-General Braxton Bragg. Sondern der im Zweiten Weltkrieg hochdekorierte Fallschirmspringer Roland L. Bragg, der im Bundesstaat Maine geboren wurde, gelegen im äußersten Nordosten der USA.
Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen Technikgeschichte, Zeitgeschichte, Kulturgeschichte und die Geschichte der USA.
Source: welt.de