Jung, flink und trotzdem kein Job: „Ich habe locker 100 Bewerbungen geschrieben“

Während Unternehmen ein „agiles Mindset“ anpreisen und damit Ältere vom Arbeitsmarkt ausschließen, bleibt der Berufseinstieg oft auch für junge Menschen fast unerreichbar. Entscheidend sind Privilegien und eine große Portion Glück


Der Arbeitsmarkt für junge Menschen: Nichts als verschlossene Türen

Collage: der Freitag, Material: KI-Bilder


Der Arbeitsmarkt gleicht weniger einem offenen Feld als einem Raum voller verschlossener Türen. Es geht nicht um die Frage: Wer setzt sich innerhalb durch? Sondern: Wer kommt überhaupt hinein?

Katharina Schmitz argumentiert, dass mit zunehmendem Alter der Zugang versperrt werde. Man entspreche dann nicht mehr dem „jungen und agilen Mindset“, auf das Stellenausschreibungen zugeschnitten seien. Bewerbungsportale, wie Stepstone oder Indeed, würden dies mit KI-Bewerbungsverfahren und standardisierten Absagen zuspitzen.

Aber ist es wirklich eine Frage des Alters? Haben es junge Menschen deutlich einfacher auf dem Arbeitsmarkt? Oder befinden wir uns vielmehr in unsicheren Zeiten, in denen Stellen gestrichen und Festanstellungen abgebaut werden, die den Arbeitsmarkt zu einer Elite normieren, die auch jungen Menschen versperrt bleibt? Eine Nachfrage auf Instagram zeigt: Auch junge Menschen stoßen auf verschlossene Türen.

100 Bewerbungen, nur 2 Antworten

Die Bewerbungsverfahren haben sich geändert, beobachtet Schmitz treffend: Online-Portale, automatisierte Prozesse, KI-Verfahren. Aber da hilft auch ein „junges und agiles Mindset“ nicht, um nahtlos von Ausbildung oder Studium in den Beruf einzusteigen. Stattdessen berichten viele, dass die ein bis zwei Jahre nach dem Abschluss von einem scheinbar endlosen Bewerbungsprozess geprägt sind: „Ich habe locker 100 Bewerbungen geschrieben, davon nur zwei Antworten erhalten – beides Absagen und die KI-standardisiert.“

Diese Erfahrung teilen viele. Mit Glück folgt doch mal eine Einladung zu einem Bewerbungsgespräch: „Dann stößt man aber direkt auf einen langwierigen und ermüdenden Prozess aus mehreren Runden. Wenn man dann am Ende eine Absage erhält, beginnt alles wieder von vorne“.

Manche müssen sich nach dem Masterstudium weiterqualifizieren

Mangelt es also an Qualifikationen? Schließlich fordern die Jobvoraussetzungen eine umfassende Arbeitserfahrung. Aber wie soll man die vorweisen, wenn man nirgends andocken kann? „Ich habe während meines Studiums zwei Werkstudentenjobs und Praktika gemacht und zwei Jahre als Freelancerin gearbeitet. Das hat nicht gereicht.“

Da reicht der Wille zu lernen erst recht nicht. „Eine Werkstudentenstelle wäre für mich neben einem Vollzeitstudium schwer stemmbar gewesen. Und selbst Praktika verlangen unrealistisch viele Arbeitserfahrungen.“

Die Konsequenz kann sein, dass man sich trotz Masterabschluss um eine ergänzende Ausbildung bemühen muss – und damit noch länger vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen wird.

5 Jahre Dolmetscherstudium, und dann grätscht die KI rein

Unternehmen werben für junge Stimmen, um relevant zu bleiben und nach außen ein „junges und agiles Mindset“ zu präsentieren. Aber wird dieses Versprechen wirklich gelebt oder nur inszeniert? Getrieben von Zukunftsunsicherheit warten viele Unternehmen ein bis zwei Jahre länger, bis sie neues Personal einstellen, und veröffentlichen 40 Prozent weniger Stellenanzeigen für Berufseinsteiger, während gleichzeitig Festanstellungen abgebaut werden.

Der Andrang auf die ohnehin schon knappen Stellen wächst. Hier beginnt das Aussieben nach einer vermeintlichen Elite der Qualifikationen. Der Arbeitsmarkt wird zur Auktion des „Wer bietet mehr?“. Das ist keine Frage des Alters, sondern von Privilegien: Wer verfügt über gute Kontakte? Wer hat die finanziellen Mittel und damit die Zeit, neben dem Studium zusätzliche Qualifikationen zu erwerben? Wer muss nicht etliche Nebenjobs leisten, weil staatliche Unterstützungen wie BAföG gekürzt werden?

Und dann grätscht die KI rein: „Ich wollte Dolmetscherin werden und habe fünf Jahre Sprachen studiert, weil ich mir meinen Lebensunterhalt selbst verdienen musste. Nur um jetzt zu erfahren, dass der Beruf zunehmend durch KI ersetzt wird.“ Dann scheint der Arbeitsmarkt endgültig unerreichbar.

Privilegien und eine große Portion Glück entscheiden

Zurückbleiben Zweifel an den eigenen Fähigkeiten, Angst um finanzielle Sicherheit und Frust darüber, die eigene Arbeitskraft nicht beweisen zu können. Und dann wird dieser Verdruss von politischer Seite noch befeuert, etwa wenn Friedrich Merz suggeriert, „man müsse einfach mehr arbeiten“. Doch ein Blick in die arbeitswillige junge Generation zeigt: Viele stecken in einer Sackgassensuche. Und das durchweg von Psychologie, Lehramt, Corporate, Gesundheitswissenschaften, Marketing, BWL bis zur Medienbranche.

Es wäre schön, wenn ein „junges, agiles Mindset“ ausreichen würde, um auf dem Arbeitsmarkt zu florieren. Doch das greift zu kurz. Zunehmend entscheiden Privilegien und eine große Portion Glück über Lebensrealitäten auf einem Arbeitsmarkt mit schwindendem Platz – auch für junge Menschen.

Wer die Privilegien nicht hat, fällt in eine Glücksspiel-Tombola mit der Hoffnung, irgendwann zufällig aus der Masse gezogen zu werden, um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern und sich endlich beweisen zu können.