Julian Kamps | Influencer Julian Kamps: Ein neuer Held dieser Arbeiterklasse?
Ist da etwa ein linker Stern am Influencer-Himmel aufgegangen? Er trägt blonde Locken und Lederjacke, sein Instagram-Profil ist mühevoll kuratiert, Matcha-Lattes und Sixpack-Bilder begeistern Tausende Follower. Der 25-jährige Julian Kamps, der durch seine Teilnahme an der Castingshow Germany’s Next Topmodel bekannt wurde, sorgte Ende Oktober mit einem kurzen Videoclip für Aufregung in den sozialen Medien.
Das Video zeigt Kamps, wie er, bepackt mit einer Einkaufstasche, auf dem Heimweg in die Handykamera spricht. „Wir haben jetzt 18.41. Ich habe das Haus um 7.30 verlassen. Ich bin jetzt gerade kurz vor meiner Haustür. Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass das das Leben ist“, klagt Kamps über einen langen Arbeitstag. Zum Leben, sagt er, würden ihm noch dreieinhalb Stunden bleiben. „Das ist doch quatschig.“ Unbedingt wolle er Stunden reduzieren, auch wenn sich das „mega Gen Z“ anhöre.
Der 25-Jährige ist gelernter Bankkaufmann und arbeitete laut eigener Aussage acht Jahre lang als Kundenberater in einer Bank. Im Oktober fing er als Junior-Manager in einer Medienagentur in Düsseldorf an und ist nebenbei als Model und Influencer tätig. Eine ganztägige Excel-Schulung brachte das Fass offenbar zum Überlaufen und Kamps dazu, sich über die 40-Stunden-Woche zu beschweren, so erzählte er es später in einem Interview.
Kamps traf einen Nerv und löste eine Debatte über die Arbeitsmoral junger Menschen aus. In Tausenden Kommentaren streiten sich alte und junge Menschen über die Aussage des Influencers. Manche sehen in Kamps’ Kritik an der 40-Stunden-Woche schon den ersten Schritt zum Klassenkampf. „Faulheit ist die Rache der Arbeiterklasse“, schreibt ein User etwa. Andere haben nur ein „Mimimimi“ für den 25-Jährigen übrig und werfen ihm Wohlstandsverwahrlosung vor.
Die 20- bis 25-Jährigen arbeiten so viel wie seit Jahrzehnten nicht
Das Video wurde über vier Millionen Mal aufgerufen, Kamps ins Sat-1-Frühstücksfernsehen und zur Bild-Zeitung eingeladen. Mittlerweile äußerte sich auch der Millionär Frank Thelen, bekannt aus der Fernsehsendung Höhle der Löwen, zu Kamps’ Video und kritisierte den Influencer deutlich. Wenn alle weniger arbeiten würden, werde Deutschland „im internationalen Wettbewerb zerstört“, sagte Thelen.
Das Klischee einer faulen Gen Z wird auch politisch gerne bespielt. Bundeskanzler Friedrich Merz ruft regelmäßig dazu auf, mehr zu leisten; Forderungen nach einer Vier-Tage-Woche und nach Work-Life-Balance würden den Wohlstand gefährden. Wissenschaftlich ist das mindestens umstritten: Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigte Anfang 2025, dass die 20- bis 25-Jährigen in Deutschland so viel arbeiten wie seit Jahrzehnten nicht.
Modelle wie die Vier-Tage-Woche können die Produktivität in vielen Jobs erwiesenermaßen sogar steigern und Deutschland als Wirtschaftsstandort attraktiver machen. Dazu kommt, dass das Wohlstandsversprechen, mit dem ältere Generationen aufwuchsen, für junge Menschen wie Julian Kamps in weiter Ferne liegt. Steigende Mieten, kaum Aussicht auf Rente, Klimakrise und ungleiche Vermögensverteilung belasten sie in besonderem Maße. Viele fragen sich: Wofür mache ich das alles eigentlich?
Scrollt man auf Julian Kamps’ Profilen in den sozialen Medien, wirkt er mehr wie ein unpolitischer Sunnyboy als ein Arbeitskämpfer. Er filmt Outfits, spricht über Dating-Erfahrungen und Modeljobs. Vom Erfolg seines viral gegangenen Videos wurde Kamps offenbar selbst überrascht. Mittlerweile steht in seiner Profilbeschreibung: „irgendwie der 9-to-5 boy geworden“.
Stunden reduzieren, das können sich nicht alle leisten
Für einen echten Wandel in der Arbeitswelt steht der gelernte Bankkaufmann eher nicht. Bei Sat.1 erzählt Kamps, dass er am liebsten die Hälfte seiner Zeit als Model und Influencer arbeiten und die andere im Büro verbringen würde. Wichtig sei es seiner Generation vor allem, ihre „Passion“ zu finden, etwas, was richtig Spaß mache. Konfrontiert mit der Aussage, dass eben auch jeder etwas leisten müsse, damit das Leben richtig funktioniere, nickt Kamps zustimmend: „Voll!“.
Der 25-Jährige spricht aus einer ziemlich privilegierten Position. Den Wunsch, Stunden zu reduzieren, haben viele, für nur wenige ist er finanziell umsetzbar. Menschen, die Familienangehörige pflegen, im Niedriglohnsektor arbeiten oder alleinerziehend sind, haben dazu kaum die Möglichkeit. Dass Kamps ankündigt, Stunden zu reduzieren, provoziert wohl auch deshalb.
Obwohl arbeitskämpferische Forderungen von Kamps eher nicht zu erwarten sind, ist er als Figur interessant, gerade weil er kein Polit-Influencer oder Aktivist ist. Ein spontanes Video, authentisch und ohne Hintergedanken, hat Millionen von Menschen angesprochen. Das zeigt, dass der Wunsch nach einem grundlegenden Wandel in der Arbeitswelt unter der Oberfläche brodelt.
Wenn Kamps nun noch erkennt, dass ein Wandel nicht nur darin bestehen könnte, jungen Menschen zu erlauben, ihre „Passion“ zu finden, sondern auch darin, den Mindestlohn zu erhöhen, Pflegende und Familien zu entlasten, Vermögen umzuverteilen und die Klimakrise zu bekämpfen, hätte Influencer-Deutschland eine linke Stimme hinzugewonnen.