Jule Nagel, Nam Duy Nguyen: „Das Kufiya-Verbot im Conne Island finde ich falsch“

In Leipzig-Connewitz prallten im Januar unterschiedliche Strömungen der Linken aufeinander. Eine propalästinensische Demonstration, ein israelsolidarischer Gegenprotest und der Versuch, einen „dritten Pol“ zu etablieren, machten die Spannungen rund um den Nahostkonflikt sichtbar wie selten zuvor. Doch es ging um mehr als eine lokale Szene-Auseinandersetzung: Die Debatte legte strategische Differenzen, schwindendes Vertrauen und grundlegende Konflikte innerhalb von Partei und außerparlamentarischer Bewegung offen.

Im Gespräch mit dem Freitag analysieren die Linken-Landtagsabgeordneten Juliane Nagel und Nam Duy Nguyen, wie es zur Eskalation kam, warum sie bundesweit Wellen schlug – und was nun auf dem Spiel steht.

der Freitag: Frau Nagel, Herr Nguyen, Sie sind beide sächsische Landtagsabgeordnete. Wie lange kennen Sie sich eigentlich schon?

Nam Duy Nguyen: Mein erster direkter Berührungspunkt mit Jule war eine Veranstaltung der Kritischen Einführungswochen an der Uni Leipzig. Wenn man in Leipzig in den vergangenen Jahren antifaschistische oder antirassistische Politik gemacht hat, kam man eigentlich nicht an ihr vorbei.

Juliane Nagel: Wir sind uns immer wieder begegnet. Nam war im SDS aktiv, und hat sich unter anderem am Arbeitskampf an Dresdner Krankenhäusern beteiligt. Ich fand es im Vorfeld der Landtagswahl 2024 eine total charmante Entscheidung, dass er und sein Team sich entschieden haben, um den Direktwahlkreis im Leipziger Osten zu kämpfen. Wir waren dort nicht präsent genug – deshalb habe ich seine Kandidatur von ganzem Herzen unterstützt.

Herr Nguyen, Sie gelten als Identifikationsfigur für eher junge Linke-Mitglieder, die sich propalästinensisch und klassenkämpferisch verstehen. Frau Nagel, Sie werden eher einer älteren Antifa-Tradition zugerechnet, die in Leipzig als israelsolidarisch gilt. Unabhängig ob das zutrifft – diese Lager standen sich am 17. Januar in Connewitz gegenüber. Wie haben Sie diesen Tag erlebt, politisch und persönlich?

Nagel: Ich habe die Zeit davor und auch den Tag selbst als politische Kapitulation empfunden – was sehr bitter war. Dass man sich so offen gegeneinander aufstellt und sich gegenseitig vorwirft, nicht links zu sein, ist für mich Ausdruck von Scheitern. Wenn ich dann konkret auf die propalästinensische Demonstration schaue, waren dort viele Denunziationen, Lügen und Zuschreibungen im Umlauf. Aber auch der Gegenprotest muss differenziert betrachtet werden. Einen Block aufzustellen, der in Israel-Flaggen gehüllt war, hat weiter zur Frontenbildung geführt. Wir haben bei unserem Treff linXXnet und mit einer eigenen Kundgebung versucht, einen dritten Pol aufzumachen. Die Polizei war nach meinem Eindruck eher zurückhaltend.

Ich habe die Zeit davor und auch den Tag
selbst als politische Kapitulation empfunden
– was sehr bitter war

Juliane Nagel

Nguyen: Der Aufruf der propalästinensischen Demo hat ein wichtiges Anliegen aufgegriffen: die Verurteilung von Gewalt gegenüber palästinasolidarischen Menschen. Darauf aufmerksam zu machen, war richtig, jedoch fand ich die Ausrichtung der Demonstration nicht sinnvoll. Das Palästina-Aktionsbündnis, das sich dem Aufruf angeschlossen hatte, trifft sich auch bei uns im Stadtteiltreff „Klinke“. Ihnen gegenüber habe ich deutlich gemacht: Ärger über die Übergriffe ist berechtigt, die Zuspitzung auf Connewitz und Jule jedoch unproduktiv und falsch. Insgesamt fand ich es aber verwerflich, den Organisator*innen pauschal jede legitime Motivation abzusprechen. In der öffentlichen Debatte wurde der eigentliche Anlass der Demo kaum thematisiert. Am Tag selbst bin ich der Demonstration bewusst ferngeblieben. Ich bin letztlich froh, dass es vergleichsweise ruhig geblieben ist.

Nagel: Ich würde Nam hier widersprechen: Die Zielstellung der Demonstration war aus meiner Sicht nicht legitim, weil sie bewusst auf Konfrontation setzte und innerlinke Gegner markierte, statt solidarische Politik zu ermöglichen.

Sie wurden beide im Kontext der Proteste scharf kritisiert, teilweise von unterschiedlichen Teilen der linken Szene. Entweder für zugeschriebene oder reale inhaltliche Positionen – oder weil Sie etwa in der Bild-Zeitung zu Wort kamen. Was hat das mit Ihnen gemacht?

Nguyen:Die Kommunikation war herausfordernd. Ich stand von verschiedenen Seiten unter Druck, mich zu äußern, wodurch auch Fehler wie das Bild-Gespräch zustande kamen. Kritik an der Demo wurde dann mitunter als grundsätzliche Entsolidarisierung aufgefasst. Ich denke, dass eine ehrliche und strategische Debatte zur Verbreiterung von Palästinasolidarität wichtig ist – darin müssen auch Grautöne möglich sein.

Nagel: Ich wurde in der Bild zitiert – gesprochen habe ich mit denen nicht. Zum Verlauf: Im November hatten wir nach einer Reihe von kleineren Übergriffen ein erstes Deeskalationsgespräch zwischen politischen Aktivist*innen in Connewitz, auch noch eines kurz vor dem 17. Januar selbst. Umso schockierter war ich dann, dass Personen aus diesem Kreis einige Zeit später gegen mich demonstrierten. Angriffe von rechts kennt man. Aber massive Anfeindungen aus einem Spektrum, das sich selbst als links versteht, haben eine andere Qualität.

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Hat die Leipziger Linke durch diesen Tag etwas verloren?

Nguyen: Ich habe die Demo vor allem als eine innerlinke Szene-Auseinandersetzung wahrgenommen – allerdings mit bundesweiter Mobilisierung und entsprechender Öffentlichkeit. Dafür waren vergleichsweise wenige Menschen auf der Straße. An den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen hat sie praktisch nichts geändert.

Nagel: Durch die Mobilisierung im Vorfeld und die vielen Falschbehauptungen ist es außerdem zu einer starken Etikettierung gekommen. Mir wurde zugeschrieben, ich sei „antideutsch“. Das war ich politisch nie, aber es hat konkrete Folgen: Jugendverbände der Linkspartei laden mich nun aus. Gerade in Connewitz gibt es dabei viele Menschen, die mit ihrer Position ringen und eher eine friedensorientierte Haltung einnehmen. Bei unserer Kundgebung etwa wurde für eine „doppelte Solidarität“ geworben: für das Existenzrecht Israels ebenso wie für Frieden, Sicherheit und Rechte für Palästinenser*innen. Ich selbst sprach mich gegen Waffenlieferungen an die israelische Regierung aus und wurde dafür von „antideutschen“ Gruppen ausgebuht. Solche Zwischentöne sind medial schwer vermittelbar.

Propalästinensische Gruppen behaupten in ihrem Aufruf, dass es für Migrant*innen in Connewitz gefährlich sei, etwa wenn sie eine Kufiya tragen, ein Palästinensertuch. Wie ist die reale Lage im Viertel?

Nagel: Ich halte das für eine sehr pauschale Zuschreibung. Ich sehe regelmäßig Menschen mit Kufiya oder mit Migrationsgeschichte, die sich ganz normal im Stadtteil bewegen und dort leben. Es gibt aber auch große politische Zentren, etwa das Conne Island, wo Kufiyas verboten sind. Das finde ich falsch. Aus meiner Sicht isoliert man sich damit, und verpasst, junge Menschen zu erreichen, die durch die Bilder in Gaza politisiert wurden.

An den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen hat die Demo praktisch nichts geändert

Nam Duy Ngyuen

Nguyen:Wenn Menschen, die eine Kufiya tragen, Gewalt oder feindselige Blicke erleben, dann geht das überhaupt nicht. Punkt. Solche Vorkommnisse gibt es in Connewitz wie auch in anderen Teilen Leipzigs. Connewitz wird zugleich aber auch durch alternative Räume und Projekte geprägt. Das Brandmarken eines gesamten Stadtteils ist stumpf. Es war nicht Ansinnen der Veranstalter*innen, jedoch wurde dies von vielen Menschen so wahrgenommen.

Warum ist es aber dann gerade in Leipzig zu dieser Auseinandersetzung gekommen – hat sich die Linke in Szenen ausdifferenziert, die kaum miteinander sprechen?

Nagel: Leipzig, insbesondere Connewitz mit dem Conne Island und anderen sozialen Zentren, wird eine starke „antideutsche“ Prägung nachgesagt. Historisch stimmt das in Teilen auch – Leipzig war da durchaus vorne mit dabei, angesichts des grassierenden Antisemitismus einen dringend nötigen Schutzraum für Jüdinnen und Juden zu verteidigen. Der Versuch am 17. Januar bestand auch darin, diese gefühlte Dominanz einer politischen Strömung zu brechen. Eine Machtdemonstration. Das beruht jedoch auf einer falschen Wahrnehmung: Die Positionen in der außerparlamentarischen Linken sind viel differenzierter.

Was aber auch stimmt: Außerhalb von Handala und Co., den Organisator*innen der Demo, gab es kaum Initiativen, die sich dem Leid von Palästinenser*innen gewidmet haben. Auf Versammlungen der israelsolidarischen Szene wurde zwar über die Gewalt der Hamas gesprochen – aber nicht über das brutale, völkerrechtswidrige Vorgehen der israelischen Armee gegen die palästinensische Zivilbevölkerung. Hier braucht es Selbstkritik.

Nguyen: Ich denke, die Verhärtungen haben tiefere Ursachen. In unserem Stadtteiltreff findet regelmäßig ein palästinensisches Frühstück statt. Wir stehen zudem mit vielen Menschen in Kontakt, die dieses Thema bewegt oder die dazu arbeiten. Was uns dort gespiegelt wird ist, dass wir die Realität klar benennen müssen. Wir haben es mit einem genozidalen Krieg der israelischen Regierung gegen die palästinensische Bevölkerung in Gaza zu tun. Viele Menschen finden, dass sich Die Linke dazu erst relativ spät klar positioniert hat – diese Kritik kommt mitunter zu Recht.

Ausgangspunkt der Leipziger Demonstration war dann ein Übergriff, der mit einer grundsätzlichen Kritik an der Linken, an einzelnen Leuten und auch an linken Orten in der Stadt zusammenkam. Daraus spricht Wut und Enttäuschung darüber, wie dieses Thema von links verhandelt wird. Ich habe dafür Verständnis. Denn palästinasolidarische Arbeit trifft hierzulande auf eine deutsche Staatsräson, die der israelischen Regierung Freifahrtscheine erteilt. Kritische Stimmen sind dadurch in den vergangenen zweieinhalb Jahren massiv mit Repression konfrontiert worden. Das erzeugte Druck – der sich dann in Leipzig entladen hat.

Am 17. Januar hing in Connewitz das Transparent: „Liebe Wessis, bleibt in eurer Kolonie im Leipziger Osten.“ Welche Rolle spielt die Veränderung der Leipziger Linken?

Nagel: Insgesamt würde ich sagen: Ja, es gibt Verschiebungen in Milieus, Diskursen und politischen Prägungen. Aber die Ost-West-Gegensatzfolie erklärt den Konflikt nur sehr begrenzt – und verdeckt möglicherweise die eigentlichen sozialen und politischen Fragen.

Nguyen: Ich fand dieses Banner wenig hilfreich. Wenn ich Leipzig klassenpolitisch betrachte, sehe ich zunächst eine traditionsreiche linke Stadt: mit einer verankerten Linkspartei und vielen alternativen Orten. Gleichzeitig gilt auch hier eine spezifisch ostdeutsche Ausgangslage der arbeitenden Bevölkerung: extrem niedrige Tarifbindung, sehr geringe Einkommen – bundesweit liegt Leipzig im Städtevergleich ganz hinten. Wir erleben aber auch zunehmend Streiks im Dienstleistungssektor wie am Uniklinikum, bei DHL oder Amazon. Das sind reale Arbeitskämpfe. Ich erlebe in den vergangenen Jahren eine gesellschaftliche Linke – einschließlich meiner Partei –, die einen ernsthaften Bezug zu diesen Kämpfen entwickelt. Für mich ist das der entscheidende Maßstab dafür, wie sich die Linke in der Stadt verändert hat.

Dass Kufiyas in politischen Zentren wie dem Conne Island verboten sind, finde ich falsch. Aus meiner Sicht isoliert man sich damit

Juliane Nagel

Nagel: Ich stimme dem grundsätzlich zu. Trotzdem lohnt ein genauerer Blick auf das Milieu, gerade in Connewitz. Leipzig ist seit Jahren ein Sehnsuchtsort für junge Linke aus ländlichen Regionen Ostdeutschlands. Viele ziehen auch her, um sicherer leben zu können, angesichts von rechter Gewalt und starker AfD. Deshalb hat antifaschistische Politik hier einen hohen Stellenwert. Für viele steht das unmittelbarer im Vordergrund als etwa universitäre Auseinandersetzungen zum Nahostkonflikt. Übrigens war das erwähnte Banner Satire.

Der Rapper Pöbel MC sang mal: „Dort, wo man von Faschos auf die Fresse kriegt, streiten Zecken nicht zum Nahostkonflikt.“ Am 17. Januar liefen auch rechte Streamer am Rande der Proteste. Dazu war der sächsische CDU-Innenminister Armin Schuster anwesend. Inwiefern profitieren andere von der internen Auseinandersetzung?

Nagel: Schuster hat in seinem Statement gesagt, die Linkspartei sei nun in der Pflicht, die „ausgeuferten radikalen Teile“ der außerparlamentarischen Linken zu mäßigen und den „Antisemitismus in den Griff zu bekommen“. Das fand ich bemerkenswert: Ein Innenminister, der mit der AfD kokettiert, eine harte Migrationspolitik vertritt und den autoritären Umbau der Polizei vorantreibt, hat uns überhaupt nichts zu melden. Solche Konflikte erleichtern es letztlich Konservativen, zwischen „guten“ und „schlechten“ Linken zu trennen – das ist ein Problem. Und natürlich ist es für Neonazis – die sich an dem Tag ja auch angekündigt hatten – ein gefundenes Fressen, wenn Linke sich öffentlich zerlegen. Das ist vor dem Hintergrund der politischen Lage in Sachsen besonders gefährlich.

Die Linke muss weiter Druck machen, indem wir für eine Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel eintreten

Nam Duy Nguyen

Wenn wir den Blick von Sachsen nochmal auf die gesamte Linkspartei erweitern: Auf dem Bundesparteitag in Halle wurde 2024 versucht, einen vermittelnden Beschluss zu fassen, der Waffenlieferungen nach Israel ablehnt und sich sowohl für den Schutz von jüdischem wie palästinensischem Leben ausspricht. Die Auseinandersetzung läuft trotzdem scharf weiter. Was gehört zur innerparteilichen Debatte – und wie diskutiert man konstruktiv?

Nguyen: Ich halte wenig davon, wenn Linke in den Medien öffentlich über andere Linke urteilen. Wenn ich ein Problem mit einer Person habe, dann suche ich das direkte Gespräch – notfalls über Dritte. Zugleich finde ich es wichtig, öffentlich Position zu beziehen. Dafür braucht es Klarheit. Der Beschluss des Hallenser Parteitags ist aus meiner Sicht dafür ein Rahmen. Darüber hinaus war die Palästina-Demonstration in Berlin im September 2025 eine starke Mobilisierung. Doch was folgt daraus? Der Waffenstillstand hat den Krieg nicht beendet. Es gibt weiterhin Tote, humanitäre Hilfe wird nur eingeschränkt zugelassen. Die Linke muss weiter Druck machen, indem wir beispielsweise für eine Aussetzung des Assoziierungsabkommens zwischen der EU und Israel eintreten.

Nagel: Ich finde ebenfalls, dass die Debatte im Rahmen des Hallenser Beschlusses geführt werden sollte. Dort werden auch Grenzen definiert: Antisemitismus ist eine rote Linie. Für mich gehört ebenso dazu das Existenzrecht eines Staates, in dem Juden und Jüdinnen sicher leben können – ob in einer Zwei-Staaten-Lösung oder einer anderen Konstellation. Auch umgekehrt darf das Leid der Palästinenser*innen nicht verharmlost oder das Handeln Israels relativiert werden. Auch das ist eine Grenze. Ansonsten sollte eine linke Partei in Deutschland die kritische Zivilgesellschaft vor Ort unterstützen und dort Druck machen, wo es realistisch ist – bei Deutschland und bei der EU. Verhärtete ideologische Debatten bringen wenig.

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Wie weit kann man gehen beim Druck machen?

Nguyen: Wenn die Bundesregierung ankündigt, einen internationalen Haftbefehl gegen Netanjahu nicht umzusetzen, unterläuft sie völkerrechtliche Standards. Hier widerspricht Die Linke klar und das ist richtig so. Darüber hinaus lehnen laut Umfragen 73 Prozent der Bevölkerung Waffenexporte nach Israel ab. Wir als Linke können einen Beitrag dazu leisten, diese Menschen zu aktivieren, um die Perspektiven für einen gerechten Frieden zu stärken. Letztlich wird nur eine Masse an Menschen den nötigen Druck ausüben können, um ein Umschwenken in der Außenpolitik zu erzwingen. Und genau darüber sollten wir debattieren: Wie gelingt ein Aufbau der palästinasolidarischen Bewegung in die Breite? Wie werden Menschen mobilisiert, die das Grauen aus der Ferne verfolgen und handeln wollen? Das Palästina-Aktionsbündnis in unserem Stadtteiltreff hat etwa eine Petition gegen Waffenlieferungen initiiert, die über den Leipziger Flughafen nach Israel gehen. Das halte ich für richtig und unterstützenswert.

Nagel: Wir müssen aber auch aufpassen, Israel-Palästina nicht zum einzigen Thema der Linken zu machen – also alles durch dieses Nadelöhr zu pressen. Teilweise wird in der propalästinensischen Bewegung daraus eine grundlegende Strategiefrage der Linken gemacht. Das halte ich für problematisch. Inhalte linker Politik dürfen nicht ausschließlich Gaza und das Existenzrecht Israels sein. Schließlich gibt es auch andere internationale Konflikte und humanitäre Krisen und eine innenpolitische Lage, in der es eine starke Linke braucht, etwa um soziale Errungenschaften zu verteidigen.

Nach einem anfänglichen Versäumnis hatten wir ja in Leipzig genau solche Räume organisiert und es hatte auch nichts genützt. Da fragt man sich natürlich, was das gebracht hat

Juliane Nagel

Nguyen: Die Gleichwertigkeit allen Lebens ist ein grundlegendes Prinzip sozialistischer Politik. Wenn aber das Thema Israel-Palästina umschifft wird, erzeugt das Frust. Menschen haben dann das Gefühl, sie müssten nicht nur gegen den Staat oder ihren Arbeitgeber kämpfen, sondern auch gegen die eigenen politischen Verbündeten. Das erzeugt Härte und Beharrlichkeit – die dann auch an Tagen wie dem 17. Januar zutage treten.

Die Konflikte werden in anderen Städten und auch in Leipzig weitergehen. Was bleibt – jenseits aller Positionen – als wichtigste Erkenntnis?

Nagel: Ich finde es zentral, Räume für Austausch zu schaffen. Aber offen gesagt: Nach einem anfänglichen Versäumnis hatten wir ja in Leipzig genau solche Räume organisiert und es hatte auch nichts genützt. Da fragt man sich natürlich, was das gebracht hat. Vielleicht muss man ehrlicher und tiefer miteinander sprechen – und auch festhalten, wenn es keine Einigung gibt. Wichtig ist: Das Thema darf nicht brachliegen und gären.

Nguyen: Es braucht Räume, in denen man strukturiert sprechen kann. Gleichzeitig höre ich aus aktivistischen Kreisen auch: „Irgendwann reicht es mit der Geduld angesichts von über 100.000 Toten in Gaza“ – und damit haben sie definitiv einen Punkt.

Dieser Text ist Teil unserer Freitag-Reihe „Diskussionen zu Israel, Palästina und Nahost in der gesellschaftlichen Linken“. Hier kommen verschiedene Stimmen zu Wort und miteinander ins Gespräch.

Juliane Nagel ist Linke-Politikerin, seit 2009 Mitglied des Leipziger Stadtrats sowie seit 2014 über ein Direktmandat Mitglied des Sächsischen Landtags. Ihr Büro ist im südlichen Leipziger Stadtteil Connewitz.

Nam Duy Nguyen ist Linke-Politiker und seit 2024 über ein Direktmandat Mitglied des Sächsischen Landtags. Sein Büro liegt im östlichen Leipziger Stadtteil Reudnitz.