Jugendschutz: Wie Amokläufer sich in Telegram-Chats radikalisieren

Der 13 Jahre alte Levin K. baut in seinem Kinderzimmer mit dem Computerspiel Minecraft seine Schule nach. Er will wissen, von welchem Raum aus er den besten Schusswinkel hätte und wohin bei einem Amoklauf die Opfer laufen könnten, um Schutz zu suchen. Levin sieht sieh sich als Mobbingopfer, er sucht nach gesellschaftlicher Anerkennung.
Rechtsterroristische Attentäter sind für Jugendliche wie Levin Helden und Identifikationsfiguren, durch die Amoktat will der Schüler seine Identität stärken. Zum Glück kommt es nicht zur Tatausführung, weil das baden-württembergische Anti-Terrorismus-Zentrum (SAT BW) frühzeitig auf die Radikalisierung des jungen Täters aufmerksam wurde. Von 2020 bis heute konnten laut dem baden-württembergischen Landeskriminalamt (LKA) etwa 40 Anschläge verhindert werden.
Viele Anhänger sind noch nicht strafmündig
Dieser anonymisierte Fall ist typisch für die sogenannte Terrorgram-Szene und das immer bedrohlicher werdende Phänomen der „Teenage Terrorists“. Etwa 650 Jugendliche gehören in Deutschland dieser Szene an, die sich bevorzugt über den Messenger-Dienst Telegram oder die Onlinespieleplattform Roblox organisieren. Für die Bekämpfung und Prävention ist es entscheidend, die Entstehungsbedingungen dieser neuen Form von krimineller Gewalttätigkeit zu erkennen. Deshalb hat das LKA in Kooperation mit den Generalstaatsanwaltschaften in Stuttgart und München erstmals in einer Studie, in der 37 Fälle kriminologisch ausgewertet wurden, untersucht, wie solche Radikalisierungsprozesse ablaufen.
Der Fall von Levin K. ist dabei typisch: Die Mitglieder der Terrorgram-Szene sind sehr jung. Levin war erst zwölf Jahre alt, als er durch Chatgruppen im Netz erstmals Kontakt zu rechtsterroristischen Gruppen bekam. Die Studie nennt 16,4 Jahre als Durchschnittsalter – eine Aussage, die leicht in die Irre führt, denn von den 37 mutmaßlichen Tätern waren nur zwei älter als 20 Jahre, wodurch der Altersdurchschnitt höher ausfällt. Viele Mitglieder dieser Szene sind sogar jünger als 14 Jahre und somit noch nicht strafmündig.
Verbindung von Rechtsextremismus und Islamismus
Ideologisch ist die Terrorgram-Szene von neo-nationalsozialistischem Gedankengut geprägt: Rassismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Gewaltverherrlichung und Frauenfeindlichkeit sind charakteristisch. „Typisch ist eine Vermischung von rechtsextremistischer und dschihadistischer Ideologie, die wir Hybridisierung nennen. Man findet auf den Handys dieser Leute die Enthauptungsvideos des ‚Islamischen Staats‘ und rechtsextremistisches Material“, sagt Daniel Köhler, Mitautor der Studie und Mitarbeiter des Terrorismusabwehrzentrums SAT BW.
Rechtsextremismus und Islamismus seien für diese Szene kein Widerspruch, das ideologische Verbindungselement sei der Antisemitismus. Es handele sich durchweg um Täter ohne Migrationshintergrund. Vertreter des klassischen Rechtsextremismus, sagt Köhler, würden zur Terrorgram-Szene schwer Zugang finden, weil sie wenig Wissen über die subversive Attentäterkultur hätten.
Fast alle sind psychisch krank
In den Chatgruppen wird zu Einzeltaten aufgerufen, charakteristisch ist laut der Studie auch die „Blitzradikalisierung“. Vom ersten Kontakt zu extremistischem Gedankengut bis zur Tatplanung vergehen manchmal nur wenige Monate. In der Hälfte der Fälle war der Radikalisierungsprozess innerhalb eines Jahres abgeschlossen. Bei 68 Prozent der Anhänger der Terrorgram-Szene lag zu Beginn des Radikalisierungsprozesses eine diagnostizierte psychische Erkrankung vor; in 24 Prozent der Fälle gab es handfeste Indizien für eine psychische Erkrankung.
Fast alle untersuchten Personen sind in der Kindheit und Jugend sozial und familiär vernachlässigt worden. „Der sozioökonomische Status dieser Täter ist durchmischt. Rein formal haben einige auch intakte Elternhäuser“, sagt Köhler. „Typisch ist aber, dass die Eltern sich nicht kümmern und diese Jugendlichen außerhalb des Internets keine Freunde haben.“ Ihre soziale Integration sei schwach. Deshalb sei es so wichtig, dass Eltern und Lehrer Warnsignale richtig deuteten. Die Studie soll auch helfen, die Prävention zu verbessern und Sozial- und Jugendarbeiter noch stärker zu sensibilisieren.
Der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU) sagt, gerade weil es bei diesen Jugendlichen häufig sichtbare psychische Auffälligkeiten gebe, sei es so wichtig, genau hinzuschauen, „um die Szene austrocknen zu können“.
Source: faz.net