Jugendliche wünschen sich Hilfe zur Regulierung jener Handy-Nutzung

Für Jugendliche gehören Handy und Social Media zum Alltag. Trotzdem sagt eine Mehrheit, sie sei zu viel online. Was sich die 14- bis 20-Jährigen wünschen – und was Fachleute empfehlen.
Die Empfehlung ist eindeutig: Zwei Stunden Bildschirmzeit pro Tag sollten die Obergrenze für Jugendliche sein, sagt das Bundesinstitut für öffentliche Gesundheit (BIÖG). Doch die große Mehrheit der 14- bis 20-Jährigen in Deutschland reißt diese Obergrenze locker: Mehr als zwei Drittel (69 Prozent) von ihnen sitzen länger vor dem Bildschirm, 27 Prozent sogar fünf Stunden oder mehr. Das zeigt die neue, repräsentative Jugendstudie der Vodafone-Stiftung.
Gleichzeitig sagt eine Mehrheit der Jugendlichen aber auch, dass sie mit dieser exzessiven Nutzung nicht zufrieden ist: 73 Prozent verbringen mehr Zeit mit dem Handy und auf sozialen Medien, als ihnen selbst lieb ist. 61 Prozent geben an, dadurch andere Dinge zu vernachlässigen. Und mehr als die Hälfte (56 Prozent), heißt es in der Studie, würden soziale Medien gerne weniger nutzen, schaffen es aber nicht.
Ambivalente Haltung zu Social Media
„Die Jugend ist sich einerseits der Probleme bei der Nutzung von Social Media durchaus bewusst“, sagt Matthias Graf von Kielmansegg, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung. „Sie hat sich auch Techniken zurechtgelegt, wie sie sich zum Beispiel beim Lernen weniger ablenken lässt. Aber sie merkt auch, dass das häufig nicht so gut klappt, wie sie es selber möchte.“ Und: Die Jugend erhoffe sich „mehr und effektive Unterstützung durch die Schule“.
Das sei ein deutlicher Ruf nach Orientierung und Unterstützung, auf den das Bildungssystem reagieren müsse. Hinzu komme aber noch ein weiterer Aspekt, betont von Kielmansegg: „Was uns Sorgen machen muss, ist das ungefähre Drittel der Jugendlichen, die von deutlich belastenden Erfahrungen berichten, die sie in oder mit den Social Media machen.“ Hier sei nicht nur digitale Medienkompetenz im Allgemeinen gefragt, „sondern direkte, persönliche, unmittelbare Hilfe“, etwa durch psychologische Angebote im Gesundheitssystem.
Plattformen und Schulen in die Pflicht
Auch der Bildungswissenschaftler und Jugendforscher Klaus Hurrelmann sieht die Ergebnisse der Jugendstudie als Weckruf. „Wir müssen etwas tun. Jugendliche nur mit Verboten zu drangsalieren, wie es gerade in der öffentlichen Diskussion so stark betont wird, bringt uns nichts“, sagt Hurrelmann und fordert: „Wir müssen die Plattformen regulieren. Die müssen in die Pflicht genommen werden. Da geht es um eine staatliche, öffentliche Kontrolle. Das können wir nicht länger alleine den Familien oder den Lehrkräften überlassen.“
Neben einer strengeren Medienaufsicht müsse aber auch die Schule den Umgang mit Social Media-Angeboten aufgreifen, sagt Hurrelmann. Wie solche digitale Kompetenzbildung konkret aussehen kann, beschreibt Nina Mülhens. Sie ist Mitgründerin der Bildungsplattform DigitalSchoolStory und will die Faszination junger Menschen für soziale Medien in Lernprozesse verwandeln, indem sie gezielt mit digitalen Medien arbeitet.
Mülhens nennt ein Beispiel: „Wenn Jugendliche Inhalte aus dem Mathe-Unterricht nehmen, etwa Prozentrechnung, und daraus in Gruppen plötzlich eine Geschichte entwickeln und erzählen sollen – und das dann auch noch in ein kurzes Video übersetzen, also in ein Medium, das sie täglich nutzen – dann passiert da etwas richtig Spannendes: Sie lernen nicht nur Mathe, sie begreifen auch, wie Inhalte in sozialen Medien funktionieren.“
Ein Social-Media-Verbot, wie es aktuell diskutiert wird, hält Mülhens ebenfalls für falsch – stattdessen seien kreative, pädagogische Prozesse gefragt.
Jugendliche für ein Handyverbot im Klassenraum
Doch in der aktuellen Jugendstudie, sagt Matthias Graf von Kielmansegg von der Vodafone-Stiftung, habe sich bei den über 1.000 Befragten mehrheitlich eine andere Meinung zu dieser Frage gezeigt: „Die Jugendlichen sehen klar, wie wenig ständiger Zugriff zum Handy und guter Unterricht zusammenpassen.“ 60 Prozent der Befragten hätten sich daher für ein Handyverbot im Klassenzimmer ausgesprochen.
Befürworter eines Social-Media-Verbots für Jugendliche dürften sich damit bestätigt fühlen. Doch das sei der falsche Weg, betont Bildungsforscher Hurrelmann: Notwendig sei nicht weniger, sondern mehr digitale Kompetenzbildung für Kinder und Jugendliche.
„Das beste Training besteht darin, die Fähigkeit der Jugendlichen zur produktiven Verarbeitung der Realität zu fördern“, so Hurrelmann: „Das ist ja auch das Hauptgeschäft von Schule. Digitale Grundbildung, Projekt lernen mit digitalen Anwendungen – alles das gehört dazu.“
Statt Handys und Social Media-Zugänge zu verbieten, müssten sie im Unterricht – didaktisch durchdacht – viel häufiger als bisher zum Thema werden, fordert der Bildungsforscher.
Source: tagesschau.de