Jürgen Habermas und die LInken: Die verlorenen Kämpfe

Jürgen Habermas hatte nicht den dionysischen Glamour eines Michel Foucault und nicht die existenzielle Radikalität eines Hans-Jürgen Krahl oder Rudi Dutschke. Er war eher der gute Geist der Bundesrepublik, der demokratisch legitimierte Institutionen verteidigte und für eine deliberative Demokratie eintrat, in der politische Entscheidungen durch rationale Argumente begründet werden.
Habermas wurde in der Linken einigermaßen unpopulär, als er im Juni 1967 auf dem SDS-Kongress in Hannover Rudi Dutschke einen Linksfaschismus vorwarf. In Dutschkes Flirt mit der Gewalt sah er die Gefahr, dass die Studentenbewegung, deren Anliegen er berechtigt fand, ins Autoritäre kippte: „Ich frage mich, […] warum er eine Dreiviertelstunde darauf verwendet hat, eine voluntaristische Ideologie zu entwickeln, die man im Jahre 1848 utopischen Sozialismus genannt hat, die aber unter heutigen Umständen – jedenfalls glaube ich, Gründe zu haben, diese Terminologie vorzuschlagen – ‚linken Faschismus‘ nennen muss“, sagte Habermas.
Dutschke hatte nicht zu Terror aufgerufen; seine Forderung jedoch, die Außerparlamentarische Opposition müsse durch direkte Aktionen dem repressiven Staat entgegentreten, sowie sein genereller Radikalitätspathos riefen in Habermas jenen schroffen Vorwurf hervor, den er später relativierte. Einen Monat nach dem Kongress schrieb Habermas jedoch noch an den Dichter Erich Fried, dass, sollten Dutschkes Konzepte Folgen haben, eine Verwandtschaft „mit gewissen, an Sorel anknüpfenden linken Tendenzen des frühen italienischen Faschismus auf der Hand“ liege. Georges Sorel war ein marxistischer Syndikalist und kein Faschist – italienische Faschisten hatten jedoch Bezug genommen auf seine Theorie der moralisch legitimen Gewalt.
„Professorale Hilfspolizisten“
1968, als Studenten um Adornos Lieblingsschüler Hans-Jürgen Krahl das Institut für Sozialforschung besetzten und Adorno die Polizei einschaltete, galten Adorno, Ludwig von Friedeburg und Habermas in der Linken nur noch als „professorale Hilfspolizisten im kritischen Mäntelchen“ – Intellektuelle, die bloß die institutionelle Ordnung und damit autoritäre Strukturen verteidigten, statt die radikale Aktion zu unterstützen.
Einen anderen Kampf in der Linken verlor Habermas gegen den linken Glamour aus Frankreich, den er des Konservatismus verdächtigte. Michel Foucault kritisierte zwar unter anderen Vorzeichen ebenfalls die Ideen und politischen Prämissen der Achtundsechziger, löste aber einen Theorie-Hype aus, der die Linke in Ideologiekritiker versus Postmoderne spaltete.
Foucault warf den Achtundsechzigern vor, Macht zu stark zentralisiert und repressiv zu denken, und stellte ihnen ein relationales Machtverständnis entgegen. Das Subjekt sei durch Macht-, Wissens- und Diskursstrukturen konstituiert – Ideen von Normativität, Subjektautonomie und Emanzipation waren in dieser Sichtweise suspendiert. Damit stand er in grundlegendem Widerspruch zur Idee des kommunikativen Subjekts von Habermas, das in rationalem Dialog Konsens herstellt. Habermas schrieb, Foucault habe mit den Intentionen der Aufklärung gebrochen.
Konsens statt Transgression
Was Foucault bei Friedrich Nietzsche, Martin Heidegger und Georges Bataille fand – die genealogische Kritik an Wahrheit und Moral, die Problematisierung des Subjekts als autonomen Erkenntniszentrums und die Hingabe an Transgression –, galt Habermas als Bruch mit den rationalen Intentionen der Aufklärung, als Antimodernismus. Die Moderne, so lautet seine berühmte These, sei ein unvollendetes Projekt – eines, das fortgeführt und wieder aufgenommen werden müsse, nicht verabschiedet werden dürfe.
An der Frankfurter Universität standen die Postmodernen noch Anfang der Neunzigerjahre im Giftschrank der Theorie. Jenes studentische Milieu, dem die Transgression näher stand als der Konsens, wurde bei Foucault fündiger als bei Habermas. Es war die Zeit, in der man es sich leisten konnte: Der Sozialstaat hielt gerade noch stand, und die Rechten zogen noch nicht in die Landesparlamente ein.
Unter den gegenwärtigen Umständen könnte den Ideen von Habermas jedoch eine Renaissance bevorstehen: Angesichts des vielerorts zu vernehmenden Heraufbeschwörens ethnisch homogener Gemeinschaften und der disruptiven Erosion politischer Institutionen wirken seine Konzepte des Verfassungspatriotismus und der deliberativen Demokratie beinahe schon wie neue Utopien.
Source: faz.net