Jüdische Siedler in Texas: Kaugummi zu Gunsten von den Rabbiner-Sohn
„Roads not Taken. Oder: Es hätte auch anders kommen können.“ Unter diesem Titel fragt das Deutsche Historische Museum in einer aktuellen Ausstellung nach ausgebliebenen Handlungsverläufen der Geschichte. Was wäre gewesen, wenn? Betrachtet werden einschneidende Geschichtsmomente, das Hitler-Attentat von 1944, der Sturz von Reichskanzler Brüning 1932, die Revolution im Jahr 1918 – und so weiter. Unter den präsentierten Dokumenten findet sich etwa die Rede, die Bundespräsident Heinrich Lübke im Falle eines Angriffs der „sowjetzonalen Volksarmee“ an die Bevölkerung gehalten hätte.
„Es hätte auch anders kommen können“: Diese Losung der kontrafaktischen Geschichtsschreibung steht wie ein unausgesprochenes Motto über Rachel Cockerells Buch, das im Titel zwar eine „Familiengeschichte“ ankündigt, aber zunächst eine ausführliche Geschichte des frühen Zionismus erzählt. Die Suche nach einer geeigneten Heimstätte für die Juden verlief nämlich weniger geradlinig, als es heute, aus der Rückschau von über hundert Jahren, erscheinen mag. Unterschiedliche Orte und Gegenden waren teils sehr ernsthaft im Gespräch, darunter Australien, Kanada, Mexiko, Angola und Kenia (im Rahmen des damals sogenannten „Uganda-Programms“). Ein jüdischer Staat in Palästina war zwar immer die bevorzugte, aber nicht die einzig in Betracht gezogene Möglichkeit. Nach antisemitischen Pogromen wie 1903 im russischen Kischinau, die die Aufmerksamkeit einer schockierten Weltöffentlichkeit erregten, war die Lage dringlich.
„Wenn wir das Heilige Land nicht bekommen können“
Die 1994 geborene Britin Cockerell richtet ihren Blick auf ein heute vergessenes, auf den ersten Blick ganz und gar unwahrscheinlich wirkendes Ansiedlungsprojekt. Anstatt die vornehmlich aus Russland stammenden Einwanderer in die bereits überfüllten Slums von New York zu schicken, wollte man sie über den Hafen von Galveston in Texas ins amerikanische Hinterland verteilen. Und hier kommt nun auch die angekündigte Familiengeschichte ins Spiel: Verantwortlich für das 1907 begonnene Vorhaben war der Urgroßvater der Autorin, David Jochelman, der hierfür mit einem der zionistischen Hauptakteure, Israel Zangwill, zusammenarbeitete. Dieser war als Kopf der sogenannten Territorialisten zur Schlüsselfigur all jener geworden, die die starre Fixierung auf Palästina als einzig denkbaren Zufluchtsort ablehnten. Von ihm stammt auch das Motto, das Cockerells Buch voransteht: „Wenn wir das Heilige Land nicht bekommen können, können wir ein anderes Land zu einem heiligen machen.“

Finanziert vom New Yorker Bankier und Philanthropen Jacob Schiff, war das Vorhaben von Amerika-Begeisterung getragen. Zangwill brachte es in seinem landesweit, sogar international diskutierten Theaterstück „The Melting Pot“ von 1908 zur Anschauung. Das Bild einer friedlichen Gesellschaft der Einzelnen und der vielen in den USA stieß sowohl auf große Zustimmung (Theodore Roosevelt schrieb an den Autor, das Stück werde „auf immer starken und folgenreichen Einfluss auf mein Denken und Leben haben“) als auch auf Skepsis: Zangwill würde es doch wohl selbst nicht befürworten, las man bissig und witzig in der britischen „Times“, dass aus seinem Protagonisten, einem aus Russland stammenden Rabbiner-Sohn, „ein kaugummikauender und Cocktails trinkender Amerikaner“ werde, „die eine Hand am Griff in einer U-Bahn, in der anderen die Tageszeitung“.
Erhobenen Hauptes und ordentlich gekleidet in hellen Wohnungen
Als Bevollmächtigter des Galveston-Projekts arbeitete David Jochelman vornehmlich von London aus, wohin er mit seiner Familie bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs aus Kiew emigriert war. Er reiste aber auch selbst nach Galveston, um den Stand seines Projekts zu begutachten. Zangwill berichtete er von dort, er sei Menschen begegnet, die er zuvor „als geknechtete, erschöpfte, hoffnungs- und perspektivlose Ausgestoßene“ kennengelernt hatte. Nun aber, in Amerika, lebten sie „erhobenen Hauptes und ordentlich gekleidet in hellen, sauberen Wohnungen“, die Kinder gingen zur Schule, und alle strebten die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Es sei alles, kurzum, eine große Erfolgsgeschichte.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der die Schiffsverbindungen und den Transfer der Menschen aus Europa deutlich erschwerte, und bürokratische Probleme bei der Einreise wegen angeblicher Verstöße gegen die Arbeitsgesetze waren der Grund, dass das Projekt bereits 1914 endete. Dennoch sei der Erfolg der Bewegung von nachhaltigem Wert, befand die Presse: Im gesamten amerikanischen Westen lebten nun jüdische Einwanderer, insgesamt etwa 10.000 Menschen, die über Galveston ins Land gekommen waren und jetzt Teil der großen amerikanischen Gemeinschaft seien.
Montiert aus aus Tagebüchern, Zeitungsausschnitten, Interviews und Briefen.
Von diesem Punkt an verliert das Buch seinen Fokus – und damit auch etwas von seiner historischen Dringlichkeit. Rachel Cockerell lässt das Galveston-Projekt zugunsten einer weitverzweigten Familienerzählung in den Hintergrund treten. Zwar ist der Lebensweg von Davids Sohn, Emjo Basshe, in der New Yorker Theater-Avantgarde für sich genommen schillernd und erzählenswert, aber dies führt von dem im ersten Abschnitt eingeführten Thema ebenso weg wie das abschließende Porträt der weiteren Verwandtschaft, bei dem die Autorin ihrer eigenen Familienlinie folgt. Ein zwingender inhaltlicher Zusammenhang der Erzählstränge will sich dem Leser – über die bloße Familienchronik hinaus – nicht recht erschließen.
Zudem wird „Melting Point“ nicht als lineare Erzählung dargeboten, sondern als ausgedehnte Montage aus Tagebüchern, Memoiren, Zeitungsausschnitten, Interviews und Briefen. Ein nahezu fünfzigseitiges, eng bedrucktes Literatur- und Quellenverzeichnis dokumentiert eine immense Rechercheleistung. Von der Autorin selbst stammen nur das Vor- und das Nachwort. Aber so geschickt und oft überraschend die Materialien neben- und gegeneinandergestellt werden – der Lektüre kommt diese Hybrid-Poetik auf Dauer nicht entgegen. Streckenweise stolpert man von Eintrag zu Eintrag, von Seite zu Seite, bis die Lektüre eine gewisse Zähigkeit entwickelt. Am Ende, nach knapp 400 Seiten, ist man ziemlich erschlagen.
Und trotzdem: Es bleibt faszinierend, die jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts durch das Prisma des Kontrafaktischen zu betrachten. Was wäre gewesen, wenn Galveston Bestand gehabt hätte und zu einer dauerhaften Zuflucht für die Juden Europas geworden wäre? Denkt man diesen Gedanken im Wissen um das kommende Grauen konsequent zu Ende, weicht die Neugier der Beklemmung.
Rachel Cockerell: „Melting Point“. Suche nach dem Gelobten Land. Eine Familiengeschichte. Aus dem Englischen von Nina Frey und Cornelius Reiber. Die Andere Bibliothek, Berlin 2025. 456 S., geb., 48,– €.
Source: faz.net