Jon Fosses Roman „Vaim“: Etwas vom Traum hat ebendiese Wirklichkeit immer
Der norwegische Romancier, Dramatiker und Dichter Jon Fosse, 1959 in Haugesund geboren, liebt ausschweifende mehrbändige Werke. Seine Trilogie aus den Kurzromanen „Schlaflos“, „Olavs Träume“ und „Abendmattigkeit“ (2007 bis 2014) gehört neben der monumentalen „Heptalogie“ (2019 bis 2021) zum Besten, was sein Prosawerk bereithält.
Mit „Vaim“, Fosses erstem Roman nach dem Nobelpreis – die 2023 erschienene Erzählung „Ein Leuchten“ entstand noch vor der Preisvergabe –, beginnt der Autor nun weitere Trilogie. Wie ein Matrjoschka-Püppchen ist der kurze Roman selbst in drei Teile verschachtelt, die inhaltlich und figürlich verflochten sind, sich aber tonal stark voneinander unterscheiden.
Teil eins beginnt Fosse-typisch meditativ und langsam, sogar etwas langweilig. Die Hauptfigur, der schüchterne Eigenbrötler Jatgeir, ein „eingefleischter Junggeselle“ mittleren Alters, verlässt mit einem Segelboot sein Heimatdorf Vaim, um in die Stadt Bjørgvin zu schippern. Fosses durchgängige Verwendung des historischen Namens für die Stadt Bergen signalisiert, dass er sein Werk nicht in einer Wirklichkeit ansiedelt, sondern in einer heimlich enthobenen, vielleicht unheimlichen Vergangenheit. Seine Figuren haben keine Smartphones, Neuigkeiten werden durch „einen Schwatz“ am Hafen und in Lädchen mitgeteilt.
Meisterschaft im Alltäglichen
Anfangs erschöpft sich die Handlung des Romans darin, dass Jatgeir in Bjørgvin etwas Alltägliches kaufen will: „eine Nähnadel und schwarzes Garn, um lose Knöpfe anzunähen“, was sich „in der zweitgrößten Stadt Norwegens“ aber als sonderbar schwierig herausstellt. Nachdem Jatgeir dennoch erfolgreich ist, fühlt er sich übers Ohr gehauen von den arroganten Städtern und segelt weiter ins Fischerdörfchen Sund, um zu prüfen, ob Nadel und Garn dort günstiger sind.

Während dieser Alltäglichkeiten flicht Fosse geschickt und nebenbei in Jatgeirs Bewusstseinsstrom ein, dass die Reise nach Sund noch andere Gründe hat: eine tiefe, heimliche Sehnsucht nach einer Frau aus Jugendjahren, die nach Sund gezogen sein soll und die Jatgeir nicht vergessen kann. Nach ihr hat er sogar sein Boot getauft: „Eline“.
Es gehört zu Fosses Meisterschaft, ruhige Alltagsmomente sprachlich so minimalistisch zu gestalten und so sehr mit Banalität vollzusaugen, dass jedes Ereignis gewaltig wirkt. Er nutzt diese Technik in „Vaim“, ganz besonders, wenn jemand in der Mittsommernacht Jatgeirs Namen ruft. Wie kann es anders sein; Natürlich ruft ihn Eline, als hätte sie ihn erwartet.
Fosses Satzkolonnen, mehrere Seiten ohne Interpunktion, schlängeln sich bis hierhin gemächlich entlang. Anders als in den Bewusstseinsströmen Thomas Bernhards oder Samuel Becketts, die Fosse beeinflusst haben, ist seine Prosa in „Vaim“ kaum atemlos – legato, nicht stakkato. Sobald Eline aber Jatgeir aufsucht, kommt Sturm in die Segel, alles geht ganz schnell. Jatgeir denkt, „das muss ein Traum sein, und das ist auch nicht schlimm, Traum ist Traum und Wirklichkeit ist Wirklichkeit, aber irgendwie ist die Wirklichkeit, ja nein, nein nicht wie ein Traum gewesen, aber etwas von einem Traum hatte meine Wirklichkeit all die Jahre über wohl immer an sich gehabt, die Wirklichkeit ist im Traum wie das Boot im Wasser.“
Fosses mystische Eleganz
Eline bittet Jatgeir, sie mitzunehmen, da sie ihren Mann Frank verlassen will, während der als Fischer auf See ist. Ein Wunsch, so scheint es Jatgeir, geht in Erfüllung: Eline will mit ihm in Vaim zusammenleben. Doch noch während sie ihren Koffer holt, kommen ihm Zweifel („nein wo bin ich jetzt nur rein geraten“), er resümiert vor der Heimfahrt: „das war kein guter Tag gewesen.“
Nach Oscar Wilde gibt es nur zwei Tragödien auf Erden. Die eine: nicht zu bekommen, wonach man sich sehnt. Die andere: es zu bekommen. Abrupt bricht Fosse den ersten Teil ab und erzählt die zweiten und dritten Teile viele Jahre später und aus anderen Perspektiven: zunächst aus der von Jatgeirs bestem Freund und Nachbarn Elias; dann aus der von Elines Mann Frank.
Fosse spielt wie immer gekonnt mit Motiven von Unheimlichkeit, Identität und den brüchigen Banden der Liebe. Und so wie in seinem Siebenteiler über die Wandelbarkeit von Namen mit Doppelgängermotivik gespielt wird, finden wir auch hier eine Namensverwirrung vor: Eline heißt eigentlich Josefine, Jatgeir eigentlich Geir und Frank eigentlich Olav. Die Menschen wie ihre Namen sind – negativ gesagt – austauschbar; positiv gedacht aber sind die Menschen sich ähnlicher, als sie glauben, und finden auch nach Jahren trotz allem zueinander.
Dass auch die irdische Liebe nicht ewig währt und die Partnerin nach dem Ende einer Beziehung weiterzieht, erzählt Fosse mit einer mystischen Eleganz, die melancholisch und elegisch zugleich ist – so wie seine Sprache, deren Schatten wir in Hinrich Schmidt-Henkels behutsam altmodischem Deutsch erahnen können.
„Vaim“ ist ein hübscher, aber kein großer Roman Fosses. Es fehlt die wehmütige Wucht des Zweiteilers „Melancholie“ (1995/96) oder die tiefe Verstörung seiner großen Stücke. „Vaim“ ist eher ein Fosse-Medley, als spielte der Autor ein paar Greatest Hits aus früheren Werken. Fans mögen meinen, dieselbe Geschichte und von denselben Figuren schon drei oder sieben Mal gelesen zu haben. Fosse zu lesen ist aber immer eine eigentümliche und vielleicht singuläre Erfahrung. Wer also mit „Vaim“ einsteigt, hat ein großartiges, einzigartiges Werk noch vor sich.
Jon Fosse: „Vaim“. Roman. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel. Rowohlt Verlag, Hamburg 2025. 160 S., geb., 24,– €.
Source: faz.net