Jörg Woltmann: Vom Kaufmann zum Porzellan-Mäzen

Im reich dekorierten Büro von Jörg Woltmann steht neben großen Büsten von Friedrich dem Großen und Frédéric Chopin aus Porzellan auch eine kleine Porzellanfigur von Jörg Woltmann. Es ist ein Geschenk der heute etwa 240 Beschäftigten der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin (KPM), die der Kaufmann und Bankier vor zwanzig Jahren vor der Insolvenz gerettet hat. „Eines wollte ich nie haben: ein produzierendes Unternehmen“, sagt Woltmann zur Übernahme des ältesten produzierenden Gewerbes in Berlin.
Bereut hat er seinen Einstieg bei KPM im Februar 2006 trotzdem nie. „Was ich mache, ist der Erhalt eines Kulturgutes, das ist Mäzenatentum“, sagt der 79 Jahre alte Unternehmer, der neben der Porzellan-Manufaktur auch zwei Hotels betreibt, eines davon das KPM Hotel im Berliner Stadtteil Tiergarten, angrenzend an das Gelände der Porzellan-Manufaktur. Sein Bankhaus, die Allgemeine Beamten Bank, mit deren Gewinnen er das Engagement bei der KPM finanzierte, hat er mittlerweile verkauft. „Es gibt in Berlin kein schöneres Unternehmen als die KPM“, sagt Woltmann.
Dass das Porzellan mit dem königlichen Zepter aus dem kurfürstlich-brandenburgischen Wappen als Markenzeichen etwas ganz Besonderes ist, wusste Woltmann schon als Kind. Denn immer sonntags, wenn zu Hause in Berlin Moabit von KPM-Porzellan gegessen wurde, deckten die Erwachsenen allein den Tisch. Nachdem Woltmann mit 28 Jahren sein erstes Unternehmen verkauft hatte – einen Autohandel, den er neben der Banklehre und dem Betriebswirtschaftsstudium aufgebaut hatte –, leistete er sich deshalb drei Dinge: „Ein sehr schönes Auto, eine sehr schöne Uhr und mein KPM-Porzellan Kurland weiß für acht Personen komplett.“
Vom Tafelservice bis zum Kaffeebecher
Das Tafelservice, das 1790 vom Herzog von Kurland in Auftrag gegeben wurde, gilt immer noch als das bekannteste und beliebteste Geschirr von KPM. Heute hat Woltmann eine ganze Sammlung von sehr schönen Autos in der Garage und auch viele sehr schöne Uhren zur Hand, aber immer noch das gleiche Tafelservice im Schrank. „Genau das ist auch ein Problem“, sagt er über die Beständigkeit von KPM und die damit verbundenen Herausforderungen. „Wir müssen immer wieder neue Kunden finden“, sagt er. Das geht nur mit neuen Designs.
Vor wenigen Tagen hat KPM eine schwarze Version des klassischen Kurland-Tafelservice vorgestellt. Aber auch für Porzellan im Jugendstil, für Bauhaus und Neue Sachlichkeit ist KPM bekannt. Mit der Serie „Lab Berlin“ knüpft das Unternehmen an die ehemalige Produktion von Laborporzellan an. „KPM to go“ soll vor allem Jüngere ansprechen.
Seit 2018 gibt es einen Porzellanbecher im gut zweihundertdreißig Jahre alten Kurland-Design für den Kaffee zum Mitnehmen. Mehr als 60.000 Stück davon wurden schon verkauft. „Damit schafft man den Einstieg in die KPM-Welt für etwas mehr als hundert Euro“, sagt Woltmann über eines der erfolgreichsten Produkte in der Geschichte der Manufaktur.
Friedrich der Große macht den Anfang
Gleich am Beginn dieser Geschichte steht eine wirtschaftliche Schieflage. Denn als Friedrich der Große im Jahr 1763 die Porzellan-Manufaktur des Berliner Kaufmanns Johann Ernst Gotzkowsky kauft, rettet er den Betrieb vor dem Bankrott. Der preußische König denkt dabei auch an das Prestige seines Hofes, der damals in Sachen Porzellan im Schatten des Kurfürsten von Sachsen steht. Sieben Könige und Kaiser führten seither die Königliche Porzellan-Manufaktur. Mit dem Ende der Monarchie wurde sie 1918 zur Staatlichen Porzellan-Manufaktur, die Marke KPM blieb aber erhalten.
Mit Berlin als Eigentümerin häuft der Betrieb bald Verluste auf. Als sich das Land 2004 von dem defizitären Unternehmen trennt, übernimmt ein Konsortium um einen Urenkel des letzten deutschen Kaisers KPM. Woltmann hilft mit seiner Bank bei der Finanzierung. Doch die Sanierung scheitert, und der Bankier springt kurz entschlossen als Eigentümer ein, um die Insolvenz und einen Verkauf ins Ausland zu verhindern.
Die Manufaktur hat er zu diesem Zeitpunkt noch nicht von innen gesehen, die Zahlen aber schon: Im ersten Geschäftsjahr nach der Übernahme steht einem Umsatz von gut acht Millionen Euro ein Verlust von mehr als zwei Millionen Euro gegenüber. Der Umsatz von KPM ist seither auf mehr als zwölf Millionen Euro gestiegen, der Betrieb macht weiter Verlust. Anders als in Meissen, Fürstenberg oder Nymphenburg trägt die Fehlbeträge der Manufaktur nicht die öffentliche Hand.
Eine Tasse geht in 14 Tagen durch 25 Hände
„Um die Zahlungsfähigkeit der Gesellschaft sicherzustellen, hat die Gesellschafterin die Restrukturierungs- und Sanierungsvereinbarung mit einem Rangrücktritt über 4,6 Millionen Euro sowie einer Finanzierungszusage über drei Millionen Euro verlängert“, heißt es zur Fortführungsprognose im jüngsten veröffentlichen Geschäftsbericht von KPM. Heißt im Klartext: Woltmann bezahlt als Eigentümer für seine Porzellan-Manufaktur immer weiter.
Kunsthandwerk ist arbeitsintensiv und an einem Standort wie Berlin besonders teuer. Eine weiße Tasse von KPM geht in der Produktion durch 25 Hände. Die Qualität wird zehnmal geprüft. Die Herstellung dauert 14 Tage. Eine Verlagerung der Produktion ins Ausland schließt Woltmann dennoch aus. „Ich habe für mich entschlossen, dieses Unternehmen so zu erhalten, wie es ist“, sagt er.
Seine Familie habe die Entscheidung für die Übernahme von KPM immer mitgetragen, sagt Woltmann. Andere suchten nach Erklärungen für den Einstieg des erfolgreichen Bankkaufmanns in das verlustreiche Geschäft. „Wenn der Jörg das Licht am Ende des Tunnels sieht, kauft er sich einfach noch ein Stück Tunnel dazu“, kommentierte sein langjähriger Geschäftspartner und väterlicher Freund Siegfried Stange. Mit ihm hatte Woltmann 1974 eine Finanzberatung und später auch die Bank gegründet, deren Erfolg den Kauf der KPM ermöglichte.
Die Manufaktur soll in der Familie bleiben
Ein Jahr nach der Übernahme von KPM wurde Woltmann als Unternehmer des Jahres in seiner Geburts- und Heimatstadt Berlin ausgezeichnet. Es folgte 2011 das Bundesverdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland und 2015 die Auszeichnung mit dem Verdienstorden des Landes Berlin, auf den Woltmann besonders stolz ist. „Seit ich die Manufaktur habe, weiß ich, dass Geld nicht glücklich macht“, sagt er.
Nach dem Verkauf der Allgemeinen Beamten Bank, die 2024 von der Berliner Volksbank übernommen wurde, geht Woltmann jetzt daran, die Weichen für die KPM zu stellen. Mit der Arbeit aufhören will er nicht. Woltmann geht jeden Tag ins Büro und besucht mehrmals wöchentlich die Produktion. Die Nachfolgeregelung will er dennoch in den nächsten drei bis fünf Jahren klären. Am liebsten wäre ihm, wenn Tochter Sandra-Sophie die Manufaktur in die Zukunft führt.
„Das ist der Wunsch jedes Unternehmers, es muss aber auch möglich sein“, sagt Woltmann, den die Diskussion über die Erbschaftsteuer umtreibt. Würden die Pläne der SPD umgesetzt, würde das die Nachfolge an der Spitze von KPM innerhalb der Familie erschweren, sagt er. „Ich habe nichts gegen Erbschaftsteuern auf Privatvermögen, aber eine Erbschaftsteuer auf Betriebsvermögen wäre ein harter Schlag für den Standort.“
Um die Zukunft der Porzellan-Manufaktur zu sichern, wünscht sich Woltmann auch die Unterstützung des Landes Berlin. Dazu hat er 2017 eine Stiftung gegründet, in die Aufgaben zum Erhalt des Kulturgutes KPM ausgelagert werden. Geht es nach den Vorstellungen des Unternehmers, sollte sich das Land an diesen Aufgaben beteiligen, nicht aber an den Kosten der Produktion.
Auch die Pflege des mehr als 260 Jahre zurückreichenden Formenarchivs der Porzellan-Manufaktur könnte eine Aufgabe der Stiftung im Rahmen der Erhaltung des Kulturgutes KPM sein. Die Gipsform für die kleine Porzellanfigur von Jörg Woltmann, die er als damals neuer Eigentümer der Königlichen Porzellan-Manufaktur von den Beschäftigten zu seinem 60. Geburtstag im Februar 2007 geschenkt bekam, gehört ebenfalls dazu.