Jobsuche wird immer schwerer: Mehr qua drei Millionen Arbeitslose in Deutschland

Der Jahresauftakt am Arbeitsmarkt fällt ernüchternd aus. Im Januar hat die Zahl der Arbeitslosen abermals die Grenze von drei Millionen Menschen überschritten. Im laufenden Monat waren 3,085 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, das entspricht einer Quote von 6,6 Prozent, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) am Freitag mitteilte. So viele Arbeitslose in einem Januar gab es seit zwölf Jahren nicht. Verglichen mit 2019, dem letzten Jahr vor der Corona-Pandemie, ist die Arbeitslosigkeit um mehr als ein Drittel höher. BA-Chefin Andrea Nahles ordnete den Anstieg als „ungute, aber keine dramatische Entwicklung“ ein.
Der Arbeitsmarkt komme seit drei Jahren nicht in Schwung, zugleich aber sei der Januaranstieg vor allem saisonal. Im Winter gebe es weniger Arbeit in Außenberufen wie dem Bau, zum Jahreswechsel liefen Verträge aus und Unternehmen stellten zurückhaltender ein. Saisonbereinigt habe sich die Arbeitslosigkeit gegenüber dem Vormonat nicht verändert.
Jobsuche wird schwieriger, besonders für Unqualifizierte
Für Arbeitslose sind umgekehrt die Chancen, einen Job zu finden, sehr schlecht. Die Nachfrage nach Arbeitskräften sei niedrig, sagte Nahles. Im Januar waren 598.000 offene Stellen gemeldet, das sind 34.000 weniger als vor einem Jahr. Der Stellenabbau in Industrie und anderen produzierenden Bereichen wird nur durch Zuwächse im öffentlichen Sektor sowie in Erziehung und Gesundheit abgefedert, doch auch das gelingt zunehmend weniger. Nahles erwartet nicht, dass die Zahl der Arbeitslosen in den kommenden ein bis zwei Monaten wieder unter drei Millionen sinkt. Zugleich fehlen aber in bestimmten Bereichen Arbeitskräfte.
Dieses scheinbar widersprüchliche Bild aus steigender Arbeitslosigkeit, anhaltendem Stellenabbau und gleichzeitigem Fachkräftemangel erklärte Nahles vor allem mit Passungsproblemen. Regional gebe es unterschiedliche Märkte, hinzu kämen Qualifikationsfragen, Mobilität und Wohnraum. Mehr als 60 Prozent der Arbeitslosen hätten Vermittlungshemmnisse. Während die Arbeitslosigkeit unter Akademikern bei 3,3 Prozent liege, betrage sie unter Helfern 21,6 Prozent. Offene Stellen für Fachkräfte und viele Menschen mit geringerer Qualifikation passten nicht automatisch zusammen. Zugleich schlage der demographische Wandel zu, das Erwerbspersonenpotential sinke, es gebe also weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, die dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Bis 2035 gehen so sieben Millionen Arbeitskräfte verloren.
Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) beobachtet eine sich verschärfende Situation. „2026 ist das erste Jahr, in dem tatsächlich die Zahl der Arbeitskräfte schrumpfen wird“, sagte er. Das halte den Arbeitsmarkt unter Druck. Gleichzeitig stecke die Wirtschaft in einer Umbruchsituation, in der Deutschland nicht hinreichend in neue Bereiche umsteuere, so Weber. Es entstünden so wenige neue Jobs wie noch nie, es gebe kaum Branchenwechsel, der Arbeitsmarkt wirke „wie festgefroren“. Eine große Entlassungswelle rolle nicht, betont Weber, aber die Dynamik fehle.
Hohe Teilzeitquote als Problem?
In diese Gemengelage platzt die wieder aufgeflammte Arbeitszeitdebatte. Die Teilzeitquote liegt laut IAB mit mehr als 40 Prozent auf einem Höchststand, zugleich werden Forderungen lauter, insgesamt mehr zu arbeiten und das Recht auf „Lifestyle-Teilzeit“ zu überprüfen. BA-Chefin Nahles reagierte zurückhaltend. Man wisse nicht, wie sich eine Abschaffung des Teilzeitrechts auswirken würde, weil die Motivlage oft nicht einfach zu trennen sei. Wenn Pflege oder Kinderbetreuung dahinterstünden, ändere ein Eingriff in das Teilzeitrecht an der Problemlage wenig, sagte Nahles. Außerdem werde ein erheblicher Teil der Teilzeit nicht von Beschäftigten selbst erkämpft, sondern von Arbeitgebern so ausgeschrieben. Daten der Jobplattform Indeed unterstreichen das. Das Angebot von Teilzeitstellen hat sich seit 2020 um 70 Prozent erhöht, während das Interesse an Teilzeit bei Jobsuchenden konstant blieb.
Weber erklärt den Teilzeitanteil vor allem strukturell, weil heute deutlich mehr Frauen, Ältere und Studenten erwerbstätig seien und diese Gruppen überdurchschnittlich oft in Teilzeit arbeiteten. Gerade bei Älteren könne eine reduzierte Stundenzahl ein Erfolgsmodell sein, um länger im Beruf zu bleiben. Das Potential liege aus seiner Sicht weniger in Zwang als in besseren Rahmenbedingungen, passenden Anreizen und Unterstützung, damit mehr Arbeitszeit selbstbestimmt möglich wird. Zum Ruf nach Mehrarbeit nahm Andrea Nahles keine Stellung, sagte aber, dass Arbeitszeit oft eine tarifliche Dimension habe, und selbst bei drei Millionen Arbeitslosen sei die Antwort nicht automatisch, dass „alle jetzt noch länger arbeiten sollen“.