Jetzt zugegeben schnell: Diese Ausstellungen enden zeitnah

Ihr Publikum quälte sie mit Messer, Schere und Dornen

„Marina Abramovic“ in der Albertina Modern, Wien, bis 1. März

Marina Abramović geht in ihrer Kunst bis an die Schmerzgrenze – und manchmal auch darüber hinaus. Das erlebt man in einer Retrospektive ihres Lebenswerks in der Wiener Albertina Modern.

„Wohl auch, weil ihre Grenzgänge lange rein leiblich blieben, überführte sie in den vergangenen Jahren vieles in psychische Symbolik“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Zwei Säle in Wien sind gefüllt mit Kristall-Liegebänken und -pforten, die wie ‚Imponderabilia‘ zu durchschreiten sind, um seelische Reinigung und Heilung zu erfahren. Das mag zu esoterisch klingen, Fakt aber bleibt, dass der so geschickte wie räumlich großzügige Wiener Rundlauf durch Leben und Werk der Marina Abramović auch ohne Kristall einer Läuterung und Offenbarung gleichkommt.“

Moderne, Postmoderne und zeitgenössische Kunst in einem Augenblick: Nairy Baghramians „selves“, 2025
Moderne, Postmoderne und zeitgenössische Kunst in einem Augenblick: Nairy Baghramians „selves“, 2025Nairy Baghramian

Kunstwerke wie Inseln im Exil

„Nairy Baghramian: nameless“ im Wiels – Zentrum für zeitgenössische Kunst, Brüssel, bis zum 1. März

Ihr Werk widersetzt sich allen stilistischen Einordnungen und verschränkt Zeitschichten miteinander. Das Kunstzentrum Wiels in Brüssel widmet der in Berlin lebenden Künstlerin Nairy Baghramian eine umfassende Schau.

Die Ausstellung von Nairy Baghramian, schreibt unser Rezensent Georg Imdahl, „ist mit ihrer Vielzahl an Skulpturen, Zeichnungen, Skizzen wahrlich komplex, auch kleinteilig, schwer in Worte zu fassen, falls man nicht auf einen routinierten Kunstjargon und seine üblichen Kategorien zurückgreifen will – In­stallation und Assemblage, Materialsemantik oder Oberflächenspezifik. Obwohl die Schau in dieser Hinsicht tatsächlich eine Fülle an Berührungspunkten zu bieten hat, spürt man sogleich, dass hier nicht, wie in den Sechzigerjahren, edlen Werkstoffen um ihrer selbst willen gehuldigt werden soll; und dass eine Arbeit ‚nur interessant sein‘ brauche, wie ein Donald Judd seinerzeit proklamiert hatte, wäre an dieser Stelle zu wenig der Erzählung, der Geschichte, der Erinnerung. Mit ihrer Brüsseler Ausstellung geht die 1971 als Kind iranisch-armenischer Eltern in Isfahan geborene Baghramian einen weiteren Schritt in ihrem Werk: Sie lässt ihre Biographie in die jüngeren Arbeiten direkt eingehen, den Umstand, dass sie 1984 im jungen Alter mit den Eltern als politischen Flüchtlingen nach Berlin gekommen war, wo sie bis heute lebt.“

Stolze Spanierin in Schwarz-Weiß mit buntem Ara: „Isabel Parreño“, von Anton Raphael Mengs um 1769 porträtiert
Stolze Spanierin in Schwarz-Weiß mit buntem Ara: „Isabel Parreño“, von Anton Raphael Mengs um 1769 porträtiertMuseo del Prado

Mehr nachgefolgt als nachgeahmt

„Anton Raphael Mengs 1728-1779“ im Prado, Madrid, bis 1. März

Er war einer der bestbezahlten Künstler seiner Zeit, vor allem als Porträtist gefragt: Anton Raphael Mengs, der Begründer des Neoklassizismus in der Malerei, wird im Prado gebührend gefeiert.

„Mengs zählt heutzutage nicht zu den Lieblingen des Ausstellungsbetriebs, ja nicht einmal zu dessen Randfiguren“, stellt unser Rezensent Bernhard Schulz fest: „24 Jahre liegt die letzte Übersicht zurück, in Dresden, dem ersten der drei biographisch gebotenen Orte. Aber auch dies war überhaupt erst die dritte monographische Ausstellung zu seinem Werk. Im Prado, Nummer vier, begegnet der Besucher gleich zu Beginn der Ausstellung einem Selbstbildnis von Mengs, jenem von 1761, das ihn mit Mappe und Zeichenstift zeigt, mithin als Vertreter des im damaligen Rom als höchste der Kunstfertigkeiten verstandenen disegno. Und am Ende der mit 159 Katalognummern, darunter 64 Gemälde sowie Zeichnungen, Skulpturen und zeitgenössische Publikationen, sehr dicht und überschaubar gehaltenen Ausstellung führt der vorgegebene, aber nie als einengend empfundene Rundgang frontal auf ein weiteres Selbstporträt zu, ebenjenes aus den Uffizien – der Künstler wiederum mit Zeichenmappe, kenntlich an einigen knapp hervorlugenden Blättern, nun aber mit Blick in die Ferne.“

Geht auf Marcel Duchamps kubistisches Bild „Akt, eine Treppe herabsteigend“ zurück, ist aber des Malers erste Ehefrau auf der Atelierstiege: Gerhard Richters „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966
Geht auf Marcel Duchamps kubistisches Bild „Akt, eine Treppe herabsteigend“ zurück, ist aber des Malers erste Ehefrau auf der Atelierstiege: Gerhard Richters „Ema (Akt auf einer Treppe)“ von 1966Fondation Louis Vuitton

Neoromantische Landschaften der Moderne

„Gerhard Richter“ in der Fondation Louis Vuitton, Paris, bis 2. März

Der deutscheste Maler im Blick der Nachbarn: Die Pariser Fondation Louis Vuitton feiert Gerhard Richter mit einem reichen Überblick zu dessen Kunst aus fast siebzig Jahren.

Wer Richters Œuvre in seiner Heterogenität „nicht kennt, möchte meinen, die hier vereinten Arbeiten aus den Jahren 1962 bis 1970 seien durch ein Halbdutzend verschiedener Künstler geschaffen worden“, schreibt unser Rezensent Marc Zitzmann. „Die durch Dieter Schwarz und Nicholas Serota kuratierte Ausstellung ist so vollständig, wie es sich nur träumen lässt. Nicht nur weil sie mit 275 Exponaten in 34 Sälen Richters sieben offizielle Schaffensjahrzehnte von 1962 bis heute abdeckt. Sondern auch weil (fast) sämtliche Hauptwerke zu sehen sind – mit Ausnahme ortsgebundener Arbeiten wie der In­stal­la­tion ‚Schwarz, Rot, Gold‘ im Berliner Reichstag oder des Kölner Domfensters.“

Die Natur bestrafen? Julius von Bismarck in Aktion an der brasilianischen Küste - „Punishment“ (2011)
Die Natur bestrafen? Julius von Bismarck in Aktion an der brasilianischen Küste – „Punishment“ (2011)Julius von Bismarck, VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Die Normalität der Katastrophe

„Julius von Bismarck. Normale Katastrophe“ im Kunst Haus Wien / Museum Hundertwasser, bis 8. März

Der die Wellen peitscht: Das Kunst Haus Wien zeigt den deutschen Radikalkünstler Julius von Bismarck – und wie er unsere Ohnmacht im Umgang mit der Natur erkundet.

„Die Exponate in den Ausstellungsräumen im dritten und vierten Obergeschoss stehen in maximalem Kontrast zur quietschbunten Phantasiewelt Hundertwassers“, schreibt unser Rezensent Hannes Hintermeier: „Sie stellen Sinnfragen in einer Zeit, die begonnen hat, sich in der Apokalypse einzurichten. Sind Brandkata­strophen etwa keine Zeichen Gottes mehr? In früheren Jahrhunderten hätte man das so gedeutet. Oder zumindest als unvermeidbare, immer wiederkehrende Katastrophen. Die Gabe der Verdrängung ermöglicht es, sich an die Katastrophen als Normalität zu gewöhnen. Gegen diese Haltung stemmt sich von Bismarck.“

Immersion für die Nase: Duftstation vor einem Wandteppich
Immersion für die Nase: Duftstation vor einem Wandteppichdpa

Hat die Kunst den Duft vergessen?

„Die geheime Macht der Düfte“ im Kulturpalast Düsseldorf, bis 8. März

Im Düsseldorfer Kunstpalast wird der reguläre Sammlungsrundgang neuerdings durch Duftstationen ergänzt, die eine eigene Geschichte erzählen. Was macht das mit dem Museum und den Besuchern?

„Der Rundgang führt vorbei an Markendüften und solchen, die das körperliche Befinden verändern, gar erotisch anziehend wirken sollen (Iso E Super)“, schreibt unser Rezensent Uwe Ebbinghaus, „das Konzept für eine Duftmaschine der Zukunft wird präsentiert, die mit Sensoren das Empfinden checkt und mithilfe Künstlicher Intelligenz aromatisch darauf reagiert – stimulierend, entspannend, einschläfernd. Irgendwann hätte man in der Zukunft dann wahrscheinlich die Nase voll vom Geruchsterror. Für die Düsseldorfer Duft-Ausstellung gilt das nicht. Sie spricht eine Vielzahl von Rezeptoren, Erinnerungen und Assoziationen an, schöpft das Potential synästhetischer Überwältigung aber bewusst nicht aus. Der Geruchssinn ist ein vernachlässigter, keine Frage. Vielleicht aber steckt gerade hinter der Tatsache, dass man die ‚geheime Macht der Düfte‘ immer wieder vergisst, deren besonderer Reiz.“

Dafür lässt der Kenner jedes Nolde-Blütenaquarell links liegen: Joseph Beuys’ „Bergblumen“, 1953
Dafür lässt der Kenner jedes Nolde-Blütenaquarell links liegen: Joseph Beuys’ „Bergblumen“, 1953Joseph Beuys Estate / VG Bild-Kunst, Bonn 2025 , Foto: Stiftung Museum Schloss Moyland / Kai Werner Schmidt

Als Joseph Beuys seine Venus zeichnete

„Beuys. Bewohnte Mythen“ in der Kunsthalle Tübingen, bis 8. März

Mythen, Märchen, Rituale: Der Zeichner Joseph Beuys schlägt in Tübingen mit seinem Frühwerk und starken Frauen in den Bann.

„Für einen amüsanten kuratorischen Moment sorgen die ‚Drei am Feuer‘, die Beuys 1945 auf ein kleines Blatt getuscht hat“, schreibt unsere Rezensentin Katinka Fischer, „In ihren prägnanten Posen und dem grafisch reizvollen Hell-Dunkel-Kontrast ähneln sie Yves Klein, den man direkt daneben auf einer Fotografie von 1961 im Schneidersitz und in schwarz-weißer Kleidung sieht. Beuys war kein Sektierer, sondern hatte Humor. Ein ‚Zwergendenkmal‘ in Form eines roten Buntstiftstummels ist nur ein Beweis von vielen. Beuys’ Transformation vom Erbauer mythischer Welten zum politischen Künstler kam nicht unvermittelt. In den scheinbar neutralen Themen seiner Zeichnungen war seine Haltung schon angelegt. Als Gegenentwurf zum Grauen des Krieges sind die Arbeiten alles andere als unpolitische Kunst.“

Voller Rätsel: Der „Halbnackte junge Student“ von Meister I.S. aus dem Jahr 1638 könnte am Klinefelter Syndrom leiden und mag sogar ein Selbstbildnis sein.
Voller Rätsel: Der „Halbnackte junge Student“ von Meister I.S. aus dem Jahr 1638 könnte am Klinefelter Syndrom leiden und mag sogar ein Selbstbildnis sein.Private Sammlung

Rembrandts gehandicapter Zwilling

„Meisterhaftes Mysterium. Über Rembrandts rätselhaften Zeitgenossen“ im De Lakenhal Museum, Leiden, bis 8. März

Seit bald dreißig Jahren ist die Forschung einem Maler auf der Spur, der so gut wie der Meister war, aber ein Phantom blieb. Eine Schau in Leiden will das nun ändern und stellt eine gewagte These auf.

„Meister I.S. muss die Arbeiten der Leidener Schule gekannt haben“, schreibt unsere Rezensentin Kerstin Schweighöfer, „die von Gerrit Dou, dem Begründer der Leidener Feinmalerei, von Jan Lievens, der in Leiden eng mit Rembrandt zusammenarbeitete, und auch die von Rembrandt selbst, der erst mit 25 nach Amsterdam umzog und seine ersten Bilder in seiner Geburtsstadt malte. Es waren auch diese drei Maler, die in Leiden ein neues Genre schufen, in dem auch Meister I.S. brillieren sollte: das der so genannten Tronies – keine Porträts bestimmter Personen, sondern Darstellungen eines bestimmten Typus wie zum Beispiel alte Männergesichter. Die Leidener Schau zeigt Arbeiten von Dou, Lievens und Rembrandt neben denen ihres rätselhaften Zeitgenossen. Die direkte Konfrontation macht deutlich, wie sehr auch dessen Bilder von psychologischem Tiefgang geprägt sind und vom Clair obscur eines Rembrandts. So wie die Leidener Maler widmete sich auch I.S. immer wieder dem alternden Menschen. Und auch er vermeidet dabei – anders als etwa Vermeer – jegliche Idealisierung. Die Gesichter werden realistisch dargestellt, mit allen Unebenheiten und Falten. I.S. ging dabei sogar noch einen Schritt weiter als seine Leidener Kollegen, er malte noch feiner, noch eindringlicher, hyperrealistisch.“

Szene aus Pierre Huyghes „Liminals“
Szene aus Pierre Huyghes „Liminals“Pierre Huyghe/VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Warum ist hier alles so grau und trist?

„Pierre Huyghe, Liminals“, Halle am Berghain, Berlin, bis 8. März

In der Halle am Berliner Berghain zeigen der Künstler Pierre Huyghe und die LAS Art Foundation mit KI generierte Körper zum Sound wummernder Quanten. Angeblich sollen sie geschlechtlos sein. Aber warum sieht man dann Brüste und eine Vulva?

„Was man sieht, ist ein weiblicher Körper mit blauen Flecken, im Begleitmaterial konsequent ‚menschenähnliche Gestalt‘ genannt, der mit medizinischer Präzision von der Kamera untersucht wird und der keinen Schutz finden kann in dieser grauen Zwischenwelt“, stellt unsere Rezensentin Laura Helena Wurth fest: „Ein Kunstwerk existiert nicht außerhalb der Welt, und die Welt, in der ‚Liminals‘ produziert wurde, ist immer noch von Gewalt gegen Frauen geprägt. Und so kann man das Unwohlsein, das sich bei der Darstellung dieses Körpers breitmacht, nicht einfach abschütteln. Wenn man mit KI machen kann, was man will, warum dann das? Ein weiblicher Körper, der entmenschlicht wird, der als bloßes Gebilde, hohl und gesichtslos durch diese graue Welt rennt, geschaffen von einem Mann, der alles hätte schaffen können und sich dann aber für das entschieden hat, was man hier sieht?“

Hurrikan neben Spiralsäule: Als Formanalogie stellt Verdier ihr Bild einem tordierten Pfeiler des Mittelalters gegenüber
Hurrikan neben Spiralsäule: Als Formanalogie stellt Verdier ihr Bild einem tordierten Pfeiler des Mittelalters gegenüber

Kalligraphie am Trocadéro

„Fabienne Verdier“ in der Cité de l’architecture et du patrimoine, Paris, bis 8. März

Yin und Yang: Die französische Malerin Fabienne Verdier verleiht dem Pariser Museum für Architekturgeschichte neuen Elan.

„Die hohe, in einem sanften Bogen verlaufende Galerie des Mittelalters zeigt im Originalformat Portale, Skulpturenwerk und Statuarik bedeutender Kirchen und Klöster“, schreibt unsere Rezensentin Bettina Wohlfarth: „Die Stellwände mit Verdiers Gemälden schlängeln sich durch die Exponate, bilden hier und dort Gruppen. Sie werden zum Zentrum und zum Leitfaden für den Parcours durch perfekt gearbeitete Abformungen in gelblich beigen Sandsteintönen, die man nun aus und mit der Perspektive der zeitgenössischen Gemälde betrachtet. Manchmal überraschen formale Analogien, dann wieder geistige Resonanzen, so entsteht über die Jahrhunderte hinweg ein Dialog.“

Fast schon unheimlich leuchten die Augen von Beckmanns Frau aus dem Papier heraus: „Quappi mit Kerze“, 1928
Fast schon unheimlich leuchten die Augen von Beckmanns Frau aus dem Papier heraus: „Quappi mit Kerze“, 1928Kunstmuseum Basel

Bei ihm behält De Sade die Hände in der Tasche

Beckmann. Zeichnungen“ im Städel, Frankfurt, bis 15. März

In Max Beckmanns Zeichnungen erweckt die Gewalt der Welt eine Gegengewalt auf dem Blatt. Eine große Ausstellung im Städel zeigt seinen künstlerischen Werdegang von Berlin über Frankfurt und das Amsterdamer Exil bis zum Tod in New York.

„Max Beckmanns Stil ist unverwechselbar“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Jeder, der sich nur etwas für Kunst interessiert, wird seine Bilder, egal wo, immer wiedererkennen. Diese Unverwechselbarkeit jedoch war nicht von Beginn an ge­geben, wie die ersten Papierarbeiten in der Frankfurter Städel-Ausstellung ‚Beckmann. Zeichnungen‘ mit 75 Blättern und 5 Ölgemälden, die meisten davon noch nie präsentiert, zeigen. (…) Möglich wird dieser bislang lücken­loseste Überblick über das gesamte Œuvre des deutschen Vorzeigeexpressionisten mit internationaler Ausstrahlung durch das kapitale Werkverzeichnis der Kunsthistoriker Hedda Finke und Stephan von Wiese, das nach neunjähriger Arbeit parallel zur Ausstellung erscheint, der letzte der drei Bände im Frühjahr 2026. Nicht nur erhält man in den mehr als 2.200 Zeichnungen überraschende Ein­blicke in Beckmanns Arbeitsprozesse und seinen wandlungsfähigen Einsatz unterschiedlichster Medien wie Bleistift, Kohle, Pinsel oder Feder. Auch seine intensive Auseinandersetzung mit Dichtung und My­thos, Philosophie, Religion und Esoterik, die er durch Vermengung mit seiner naturgemäß immer subjektiven ‚Ichkunst‘ (O-Ton Beckmann) und gleichzeitiger Verrätselung durch griechische Mythologie zu einer gerade nicht banalen autobiographischen Kunst ummodelt, wird Schritt für Schritt ablesbar. Das alles entwickelt Beckmann zeichnend, sich selbst beständig korrigierend und reflektierend, vor allem aber mit einer Frische und Unmittelbarkeit im Fixieren flüchtiger Augenblicke und Ideen, die vergleichbar kein Ölgemälde aufweist.“

Rembrandts Schüler: Govert Flincks Aktstudie zweier sitzender Frauen, um 1650
Rembrandts Schüler: Govert Flincks Aktstudie zweier sitzender Frauen, um 1650Wallraf-Richartz-Museum/Th. Klinke

Die Brusthaare hat sich Rubens ausgedacht

„Expedition Zeichnung – Niederländische Meister unter der Lupe“ im Wallraf-Richartz-Museum, Köln, bis 15. März

Ruisdael wurde „verbessert“, und die Ansicht des Doms entstand auf Kassenbuchpapier: Forscher haben niederländische Zeichnungen im Kölner Wallraf-Richartz-Museum untersucht. Eine Ausstellung zeigt, was sie herausfanden.

„Die pure Menge von knapp tausend Blatt niederländischer Zeichnungen in der Graphischen Sammlung des Kölner Wallraf-Richartz-Museums lädt natürlich dazu ein, genauer auf das nicht selten noch unbekannte Terrain des eigenen Bestands hinzuschauen“, schreibt unsere Rezensentin Alexandra Wach: „Fast 850 der Papierarbeiten datieren aus dem 15. bis 18. Jahrhundert und stammen zu großen Teilen aus der Sammlung von Ferdinand Franz Wallraf, dem Urvater der Kölner Museumslandschaft. Neunzig Blätter sind jetzt nach der Auswertung durch das gleichnamige interdisziplinäre Forschungsprojekt, angeführt von der Expertin für Altmeisterzeichnungen, Annemarie Stefes, und Thomas Klinke, Grafikrestaurator am Wallraf, in der Schau zu sehen. Sie bietet eine seltene Gelegenheit nachzuvollziehen, wie kunsthistorische Expertise und technologische Untersuchungen im beinahe detektivischen Zusammenspiel erstaunliche Erkenntnisse zu generieren vermögen.“

Kommet zum Kinde: In einer besonderen Krippe am Ende der Ausstellung findet sich ein Mix aus Barceló-, Picasso- und Antikfiguren.
Kommet zum Kinde: In einer besonderen Krippe am Ende der Ausstellung findet sich ein Mix aus Barceló-, Picasso- und Antikfiguren.Stefan Trinks/VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Tönerne Skyline der Steinzeit

„Reflections. Picasso x Barceló“ im Museo de Almería, bis 15. März

Getöpferte Gefäße überleben fast alles: Eine Ausstellung in Almería kombiniert die Keramiken Pablo Picassos und Miquel Barcelós mit jenen der Urzeit.

„Die Schau ‚Reflections. Picasso x Barceló‘ stellt (…) nicht nur mehr als hundert Keramikarbeiten der beiden Künstler zusammen, die sich intensivst mit der Ton-Kunst auseinandergesetzt haben“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Der 1957 geborene Miquel Barceló, vielen Deutschen vertraut durch seine surreale keramische Ganzkapelleneinhüllung des Peterschores der Kathedrale von Palma de Mallorca mit Algen- und Wellenmotiven (2002 bis 2007), erhielt Carte Blanche, sich aus den Objekten der archäologischen Sammlung des Museums – viele davon arabisch – frei zu bedienen. Er schuf eine so anschauliche wie amüsante Geschichte des jahrtausendealten menschlichen Arbeitens in Ton. Selten jedenfalls war eine Schau mit bis zu 5000 Jahre alten, aber auch nur wenige Jahre jungen Werken derart zeitlos und avantgardistisch zugleich.“

Dadaist und Egomane: Raoul Hausmann auf einem Selbstporträt von 1905
Dadaist und Egomane: Raoul Hausmann auf einem Selbstporträt von 1905Berlinische Galerie

Er führte das Leben eines Gurus

„Raoul Hausmann. Vision. Provokation. Dada“ in der Berlinischen Galerie, bis 16. März

Raoul Hausmann gehört zu den Gründern von Dada in Deutschland. Durch seine Bühnenauftritte wurde er zum Popstar der Bewegung. Jahrzehntelang ließ er sich von Frauen aushalten. Eine Berliner Ausstellung zeigt sein künstlerisches Werk.

Hausmann habe, schreibt unser Rezensent Andreas Kilb, „mit Worten und Bildern eine Kunstrichtung aufgemischt, deren Gründung das Ende schon eingeschrieben war, weil sich Explosionen nicht verstetigen lassen. Von dieser Phase seines Schaffens sieht und hört man in der Ausstellung leider allzu wenig, nicht nur, weil im Nazireich und im Exil viele Ton- und Bilddokumente verloren gingen, sondern vor allem, weil zu Hausmanns Œuvre eben auch die Spuren gehören, die er in den Arbeiten anderer hinterlassen hat. Als Künstler war er durchschnittlich, als In­spi­ra­tor unbezahlbar. Wer Hausmann nur mit Hausmann erklären will, wie es die Berlinische Galerie unternimmt, blendet eine wichtige Dimension seines Wirkens aus.“

Im Dickicht der Gig-Economy: Ayoung Kims Lieferantinnen im Cyberspace
Im Dickicht der Gig-Economy: Ayoung Kims Lieferantinnen im CyberspaceMoMA

In ihrer Welt sind Zeit und Raum gefaltet

„Ayoung Kim. Delivery Dancer Codex“ im MoMA PS1, New York, bis 16. März

Die südkoreanische Künstlerin Ayoung Kim wird für ihre Videoinstallationen gefeiert. Das New Yorker MoMA PS1 widmet ihr eine Solo-Show.

„Ayoung Kims Werk ist nicht richtungslos ‚technophil‘, sondern sie nutzt die Technologien als Mittel, um Emotionen, Geschichten und Zukunftsvisionen zu transportieren“, schreibt unsere Rezensentin Frauke Steffens: „Ihre feministischen Cyborgs werden dabei zum Symbol hybrider Subjektivität, die sich selbst immer wieder neu erfinden kann. Wer die Filme auf den riesigen Leinwänden in Queens schaut, auf Sitzsäcken im abgedunkelten Raum, oder auf einer schiefen, mit Teppich bezogenen Ebene unter grellem Licht liegend, dem ist am Ende vielleicht ein wenig schwindelig. Man hat einen Blick erhascht in eine unendliche Zahl von Zukünften.“

Der Erdglobus aus der Ayrerschen Kunstkammer, 1566, aus dem Bestand des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg.
Der Erdglobus aus der Ayrerschen Kunstkammer, 1566, aus dem Bestand des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg.Germanisches National Museum

Was macht ein fränkischer Ritter auf Kuba?

„Nürnberg Global, 1300-1600“ im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg, bis 22. März

Das Germanische Nationalmuseum verblüfft mit der explosionsartigen Globalisierung der Welt vor 500 Jahren – von Nürnberg aus. Die Entwicklung lässt sich an selten kostbaren Schaustücken minutiös nachvollziehen.

„Mit der Entdeckung des Seewegs nach Indien-Amerika durch Kolumbus entwickelt sich von 1492 an und dann vor allem im 16. Jahrhundert der Ausgriff Europas in alle Richtungen der Welt dramatisch“, schreibt unser Rezensent Stefan Trinks: „Inmitten dieses Spinnennetzes weltweiter Handelsnetze sitzt Nürnberg. Um 1500 besitzt ein Patrizier der Stadt eine Kupfermine auf Kuba, zusammen mit den Welsern in Augsburg halten Nürnberger Kaufleute große Teile Venezuelas und Kolumbiens in ihrem Besitz und erhebliche Anteile an den dortigen Silber- und Goldminen, sie treiben aber auch im hintersten Russland Handel – in einem Manuskript fährt ein Kaufmann fröstelnd über einen zugefrorenen See. Dürers Rhinozeros geht als Bild um die Welt und wird noch zu Lebzeiten in Südamerika in einem Fresko verewigt. Diesem Auspulsen der immens wohlhabenden fränkischen Reichsstadt in die Welt geht die Ausstellung ‚Nürnberg Global, 1300 – 1600‘ im Germanischen Nationalmuseum mit den denkbar kostbarsten Objekten nach, belegt also die globalen Bewegungen mit unmittelbar anschaulichen Bildern.“

Lorbeerbekränzt: Federico Zuccaris „Allegorie des Künstlerruhms“ könnte die früheste Darstellung dieses Sujets überhaupt sein.
Lorbeerbekränzt: Federico Zuccaris „Allegorie des Künstlerruhms“ könnte die früheste Darstellung dieses Sujets überhaupt sein.Martin von Wagner Museum

So viel mehr als altes Papier

„Linie und Idee. Italienische Zeichnungen aus der Sammlung Martin von Wagners“ im Martin von Wagner Museum, Würzburg, bis 22. März

Medium und Meister: Eine Zeichnungsschau der Renaissance und des Barocks in der Würzburger Residenz weitet den Blick beträchtlich.

„Viel zu wenige Menschen kennen das Martin von Wagner Universitätsmuseum in der Würzburger Residenz“, stellt unser Rezensent Stefan Trinks fest, „obwohl sein Namensgeber für sich und im Auftrag des bayerischen Königs Ludwig I. eine der bemerkenswertesten Kunstsammlungen in Deutschland von antiken griechischen Amphoren über die marmornen Figuren des Äginetentempels und altdeutsche Meister bis hin zu damals zeitgenössischer Kunst zusammentrug. Zwar verschaffte Goethe ihm eine Professur in seiner Heimatstadt Würzburg, Martin von Wagner aber hielt sich stattdessen überwiegend – am Ende war es mehr als ein halbes Jahrhundert – im innig geliebten Rom auf, wodurch sich der italienische Schwerpunkt der Kollektion erklärt. 1857 vermachte er seine immense Sammlung der Universität Würzburg, die trotz massiver Kriegsverluste (Bom­bar­die­rung der Stadt und ‚Selbstbedienungsladen‘ ihrer Sammlungen für US-GIs) noch knapp 14.000 Werke davon verwahrt. Von den rund 8000 Handzeichnungen haben etwas mehr als 5000 überlebt, wovon allein 2104 von italienischen Künstlern stammen. Aus diesen wurden in einem Projekt mit der Universität und Eckhard Leuschner, Kunstgeschichtsprofessor der frühen Neuzeit, für den exquisiten zweibändigen Katalog 140 bislang unbearbeitete ausgewählt, eingeordnet und zugeschrieben, von denen nun 77 besonders schräge oder künstlerisch respektive kulturgeschichtlich aus diesem Konvolut herausragende in acht thematischen Kapiteln in der Würzburger Residenz ausgestellt sind. Die staunenswerte Vielfalt der mit atemberaubend sicherem Qualitätsblick von Martin von Wagner gesammelten Zeichnungen selbst innerhalb der Kapitel rührt nicht zuletzt daher, dass Wagners Vater Johann Peter der ne­ben Ferdinand Tietz bedeutendste Rokokobildhauer in Franken war und den Sohn schon früh zum Zeichnen anhielt, was dieser auch zeitlebens beibehielt.“

Lautstark schweigende Gefäße: „Natura morta“ (1961) Giorgio Morandi
Lautstark schweigende Gefäße: „Natura morta“ (1961) Giorgio MorandiSIK-ISEA/ VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Metaphysik ist des Ungleichgewichts Anfang

„Giorgio Morandi. Resonanzen“ im Museum für Gegenwartskunst Siegen, bis 22. März

Wahlverwandtschaften eines Stubenhockers: Das MGK Siegen nähert sich auf kontrastreichen Pfaden der Malerei von Giorgio Morandi. In „Resonanzen“ treffen seine stillen Stillleben und Landschaften auf Werke von Monet bis Albers.

Unsere Rezensentin Alexandra Wach konstatiert eine wahr Flut an Retrospektiven, „befeuert von Morandis Status eines ‚artist’s artist‘, dessen Bildarchitekturen in Filmen von Michelangelo Antonioni, Federico Fellini, Robert Aldrich oder Luca Guadagnino ebenso auftauchen wie in den Schriften von Pier Paolo Pasolini, Paul Auster, Don DeLillo oder Siri Hustvedt. Auch unzählige zeitgenössische Kunstpositionen enthalten Bezüge, was daran liegen könnte, dass das Museo Morandi in Bologna immer wieder Künstler beauftragt, sich mit der Sammlung vor Ort zu beschäftigen. Das Siegener Museum für Gegenwartskunst versucht sich nun in der von Christian Spies kuratierten Retrospektive ‚Resonanzen‘ ebenfalls an einem dialogischen Ansatz. Ausgehend von Morandis Arbeitsprinzipien der Wiederholung und Variation liegt der Fokus auf den An- und Nachklängen, die seine Werkgruppen von Gemälden, Zeichnungen und Grafiken mit anderen, methodisch ähnliche Bildsprachen verbinden könnten. Becher und Schnabelkannen, die auf der Leinwand ihre jeweilige Position um wenige Zentimeter wechseln und damit untereinander das Gleichgewicht verschieben, stehen am Anfang der rund sechzig gezeigten Morandi-Werke, flankiert von vierzig Arbeiten aus fremder Hand von Monet bis zu Josef Albers.“

Source: faz.net