Jetzt sühnen die Baumärkte zu Händen ihren Billig-Fehler

Seit drei Jahren verlieren die Baumärkte in Deutschland an Umsatz. Das liegt aber nicht daran, dass die Deutschen nicht mehr handwerkern würden. Sie kaufen ihr Werkzeug und Material dafür nur woanders.

Arnold Schwarzenegger ist voller Bewunderung. „Wow, was für eine Power“, lobt der frühere Bodybuilder, Schauspieler und Politiker einen Hobby-Heimwerker in Sportkleidung, der gerade mit der Bohrmaschine hantiert und in seiner Garage einen Kraftraum einrichtet.

Dass Schwarzenegger dabei eher das Werkzeug der Lidl-Eigenmarke Parkside meint, als den Fitnesszustand des Nachwuchssportlers wird im weiteren Verlauf des Werbevideos mit noch weiteren Beispielen für das Heimwerker-Sortiment des Discounters deutlich. Aber Arnie macht Mut: „Du packst das“, ist seine Botschaft an den storchenbeinigen Pumper, wie auch grundsätzlich an alle Selbermacher und DIY-Fans.

Seit Herbst 2023 ist Schwarzenegger das Gesicht von der Marke, aktuell zusätzlich unterstützt von Ralf Moeller. „Wir wollen Aufmerksamkeit schaffen und Menschen inspirieren, ihre DIY-Projekte selbst in die Hand zu nehmen“, heißt es dazu von Lidl. „Die beiden Markenbotschafter verkörpern Stärke, Ausdauer und den Glauben daran, dass man mit harter Arbeit Großes erreichen kann.“

Lesen Sie auch

Tatsächlich lässt sich dieser Satz auch auf die Marke übertragen. Was in den 1990er-Jahren als billige Eigenmarke der Schwarz-Gruppe für Lidl und Kaufland gestartet wurde, ist heute das meistverkaufte DIY-Angebot in ganz Europa, wie eine Studie von Euromonitor zeigt. Das Sortiment reicht von Elektrowerkzeugen über Gartengeräte und Malerbedarf bis hin zu Rasenmähern, Kettensägen und Hochdruckreinigern. Damit greifen Lidl und Kaufland die Baumarkt-Branche mittlerweile gezielt und frontal an. „Es wird in unseren Sortimenten gewildert“, bestätigt Peter Wüst, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Heimwerken Bauen Garten (BHB), bei der Vorlage der Jahresbilanz der Baumarkt-Branche. Und dieses Wildern sei zunehmend erfolgreich.

Lesen Sie auch

Lidl ist dabei nicht alleine. Auch Aldi oder Discounter wie Action und Thomas Philips drängen mit Aktionsware seit einiger Zeit verstärkt in den Heimwerkerbereich und gewinnen mit saisonalen Artikeln Umsatz und Marktanteile. Das zeigen die aktuellen Branchenzahlen. Danach liegen die Baumärkte bereits im dritten Jahr hintereinander im Minus. 2025 sanken die Erlöse hierzulande um 1,6 Prozent auf 20,6 Milliarden Euro, meldet der BHB. In Segmenten wie Werkzeugen oder Gartengeräten liegt das Minus sogar bei jeweils rund vier Prozent.

Lesen Sie auch

Verloren haben aber auch die meisten anderen Stufen im sogenannten „Handelsrelevanten DIY-Markt“, den Branchenanalyst Klaus-Peter Teipel auf rund 131,5 Milliarden Euro schätzt. Nur eine von sechs Vertriebsformen liegt im Plus: der Bereich „Sonstige ohne Handwerk“. Und genau da sind Supermärkte und Discounter einsortiert, wie BHB-Chef Wüst beschreibt. Hier gab es gegen den Trend ein Umsatzplus von 1,3 Prozent.

Die Branche zeigt sich durchaus selbstkritisch. „Wir haben diesen Wettbewerb lange unterschätzt“, sagt Frank Staffeld, der Geschäftsführer Einzelhandel bei Hagebau. Allerdings hätten es Supermärkte und Discounter auch einfacher mit der ohnehin hohen Frequenz von Kunden und der Konzentration auf bestimmte Ausschnitte des Sortiments zu meist billigen Preisen. „Dort gibt es 50 Artikel, bei denen der Kunde im Vorbeigehen überlegen kann, ob er sie braucht oder nicht. Im Baumarkt dagegen finden sich bis zu 50.000 Artikel und die Leute müssen schon kommen wollen.“

Hagebau versucht nun gegenzusteuern mit einem Sortiment für die Gelegenheitsnutzer, die vom Lebensmittelhandel vorwiegend angesprochen werden. „Deal“ heißt eine neue Eigenmarke, die preislich mit zum Beispiel Parkside mithalten kann und dabei einfach zu finden ist in den Märkten. „Die Stellen in den Regalen mit den Deal-Geräten sind mit einer Signalfarbe gekennzeichnet, in diesem Fall gelb“, erklärt Staffeld.

Darüber hinaus will sich Hagebau durch Service und Beratung differenzieren. „Das ist richtig viel wert für den Kunden“, so Staffeld. „Das müssen wir aber stärker herausstellen.“ Ähnlich reagiert auch Toom. Man wolle „vor Ort da sein für die Fragen der Kunden“, sagt Vorstandschef Jochen Vogel. Zudem sei das Sortiment im Preiseinstieg abgerundet worden durch adäquate Konkurrenz für Parkside und Co. „Klar im Preis und klar im Sortiment“, gibt Vogel als Devise aus.

Ein großer Nachteil indes bleibt gegenüber dem Lebensmittelhandel. „Discounter sind nicht nur oft günstiger, sie sind für die Kunden auch näher“, erklärt Branchenanalyst Teipel. Da könne bequem beim Wocheneinkauf auch der Blumenkübel, die Solarleuchte oder das Sprinkler-Set mitgenommen werden. Das hebt auch Lidl selbst hervor. „Als Lebensmitteleinzelhändler, der täglich Millionen Kunden erreicht, steht Lidl in Deutschland in der Mitte der Gesellschaft“, heißt es auf Anfrage. „Wir sind davon überzeugt, dass Heimwerken und Gartenarbeit für jeden zugänglich und keine Frage des Geldbeutels sein sollten.“

Nicht abgedeckt werden von Lidl, Aldi und Co. dagegen die sogenannten investiven Bereiche, also etwa die notwendige Ausstattung mit zum Beispiel Material und Baustoffen fürs Renovieren und Modernisieren. Davon aber versprechen sich die Baumärkte viel in den kommenden Monaten. „50 Prozent der Wohngebäude sind sanierungsbedürftig“, rechnet Peter Abraham vor, der Vorsitzende des BHB, der im Hauptberuf Bereichsleiter Einzelhandel bei Eurobaustoff ist. Zudem sei die Zahl der Baugenehmigungen zuletzt gestiegen. Und jede neue Wohneinheit ziehe vier bis fünf Folgeumzüge nach sich. Der BHB zeigt sich deswegen optimistisch für das Jahr 2026 und rechnet erstmals seit 2022 wieder mit Wachstum, sogar deutlich im Bereich von einem bis zwei Prozentpunkten oberhalb der Inflationsrate.

Die Zahl der Baumärkte soll dennoch weiter abnehmen im laufenden Jahr, prognostiziert der BHB. Aktuell gibt es hierzulande noch 2004 Baumärkte mit mehr als 1000 Quadratmetern Verkaufsfläche. Vor knapp zehn Jahren waren es noch 2132 und zur Jahrtausendwende sogar 2600. „Die Unternehmen bereinigen ihr Filialnetz“, sagt BHB-Geschäftsführer Wüst. 2026 werde die Zahl der Märkte unter die Marke von 2000 fallen, zuletzt war das der Stand im Jahr 1993.

Um eine ausreichende Versorgung müsse sich aber niemand Sorgen machen, versichert Wüst: Laut Statistik steht hierzulande ein Baumarkt pro 41.200 Einwohner zur Verfügung, die meisten davon in Nordrhein-Westfalen und in Bayern. Und der Lebensmittelhandel wird sich aus dem Heimwerker-Geschäft so schnell auch nicht zurückziehen.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Carsten Dierig ist Wirtschaftsredakteur in Düsseldorf. Er berichtet über Handel und Konsumgüter, Maschinenbau und die Stahlindustrie sowie Mittelstandsunternehmen.

Source: welt.de