Jesus im Streaming: Wie man die Bibel streamt
Als der Hollywood-Regisseur George Stevens im Jahr 1965 einen Film über Jesus herausbrachte, da hielt er sich mit Superlativen nicht zurück: „Die größte Geschichte aller Zeiten“ wurde diesem Anspruch erst gerecht in der Form eines amerikanischen Monumentalfilms von fast vier Stunden Dauer, mit allem, was die hegemoniale Filmindustrie zu bieten hatte, in erster Linie natürlich Stars. Selbst John Wayne fügte sich als Zenturio unter dem Kreuz in eine Nebenrolle, die aber dadurch aufgewertet wird, dass dieser Römer zu den ersten Gläubigen gezählt werden kann.
Hollywood war Mitte der 60er Jahre schon deutlich in der Krise, die das Fernsehen brachte. Ebendieses Fernsehen ist aber seither um die Osterfeiertage ein sicherer Hafen für die vielen Bibelschinken, die zwischen 1956 („Die zehn Gebote“ von Cecil B. DeMille) und 1966 („Die Bibel“ von John Huston) entstanden. „Ben Hur“ (1959) rührt bis heute das Publikum, weist mit dem Wagenrennen aber auch eine legendäre Actionszene auf. An die Seite dieser Klassiker ist allerdings in den vergangenen Jahren eine neue Welle von Bibel-Adaptionen getreten, die sich vor allem auf den Streamingplattformen finden lassen und denen es nicht mehr so sehr darum geht, ein Spektakelmedium an dem unschlagbaren Stoff von Tod und Auferstehung des Propheten Jesus zu messen. Dieser neuere „Bible Content“ kommt auch aus den USA, interessiert sich aber auf andere Weisen für einen Wahrheitsbeweis durch Bildrealismus.
Pharaonen-Städte und jede Menge Wüste
Der Dreiteiler „Testament – The Story of Moses“ auf Netflix weist eine Richtung, denn er verbindet historische Forschung mit einem phantasierten Orient. Für die Forschung stehen Interviews mit Gelehrten und Fachleuten aus allen Buchreligionen. Für die Vorstellungen von der Frühgeschichte stehen digital erstellte Pharaonen-Städte und eine Vorliebe für Wüstenszenarien, an denen es in der Exodus-Geschichte nicht mangelt. Moses ist in „Testament“ eine Schlüsselfigur für die Geschichte der Hebräer, wie das Volk in den Phasen seiner Konstitution vor allem bezeichnet wurde. Er ist aber natürlich auch Vorläufer, denn erst mit Jesus „erfüllt“ sich die Geschichte, die der jüdische Gott mit seinem Volk begann – so sehen es die Christen.
Es ist also nur konsequent, dass auch in der Serie „The Chosen“ (bisher fünf Staffeln seit 2019, ebenfalls auf Netflix) schon früh eine Rückblende auftaucht, in der Moses als Schmied zu sehen ist. Er stellt die „eherne Schlange“ her, die in der Wüste in einer der vielen Glaubenskrisen Israels zu einem Heilmittel gegen die Bisse giftiger Schlangen wird. Theologisch wird es hier interessant, denn im Johannes-Evangelium heißt es im dritten Kapitel: „Und wie Moses die Schlange in der Wüste erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“
Adressat dieses Satzes ist der Pharisäer Nikodemus, der für das jüdische Establishment zur Zeit Jesu steht und für dessen Schwierigkeiten, den Propheten aus Galiläa als Messias anzuerkennen. In „The Chosen“ ist dieser Nikodemus, den das Johannes-Evangelium wohl erfunden hat, eine Schlüsselfigur. Er kommt anfangs nach Kafarnaum, in die Stadt, in der Jesus zum ersten Mal auf sich aufmerksam macht. Er befreit eine Frau namens Lilith von ihrer Seelenqual, sie erinnert sich nun wieder daran, dass sie eigentlich Maria aus Magdala ist. Es ist das erste Wunder, und Nikodemus, der davon erfährt, macht sich daran, es nach allen Regeln des religiösen Wissens der Juden zu untersuchen.
Die moderne Theologie sucht bei den Wundern, die von Jesus erzählt werden, eher nach vernünftigen Erklärungen. Sie sieht vor allem Zeichenhandlungen, bei denen sich der entstehende Glaube mit dem Charisma des Propheten verbindet. Für den neueren Bibelcontent aber sind die Wunder ganz buchstäblich eine Bestätigung der besonderen Rolle von Jesus. „The Chosen“ erzählt zum Beispiel in einer Folge sehr ausführlich von der Hochzeit in Kana, bei der irgendwann der Wein ausging, woraufhin Jesus neuen Wein aus Wasser „verwandelte“. Die wenigen Zeilen aus dem Johannes-Evangelium werden in alle Richtungen ergänzt: Die Figuren bekommen Biographien, wobei es auch um die sozialen Unterschiede im damaligen Judentum geht – der Vater der Braut ist ein Snob, der es nur zu gern sähe, wenn die Familie des Bräutigams sich beim Catering blamieren würde. Für Jesus kommt das Weinwunder in Kana eigentlich zu früh – sein Coming-out als Messias soll noch ein wenig warten. Er lässt sich dann doch erweichen, und der eigentliche übernatürliche Vorgang wird mit größter Konkretion und ritueller Genauigkeit geschildert. Nebenbei wird dieser Wein auch mit der Präzision heutiger Sommeliers beschrieben: „gepresst zur Zeit von Augustus, versetzt mit einem Hauch von Salzwasser, Honig vom Berg Hermon, schwarzem Pfeffer und Pinien aus Tyros“, einer Stadt im heutigen Libanon.
Matthäus als neurodivergenter Nerd
Mit solchen Details sorgt die Geschichtsschreibung üblicherweise für Glaubwürdigkeit. In „The Chosen“ aber wird damit ein Glaubensgeheimnis in einen Alltag eingebunden, der immer schon gleichsam auf Erleuchtung wartet. Die komplexen und spannenden Prozesse religiöser Traditionsbildung werden vollständig unterschlagen. Jesus kommt schon mit der felsenfesten Überzeugung, der Messias zu sein, nach Kafarnaum und macht sich daran, seinen Kreis zu versammeln – zu dem von Beginn an als dreizehnte Jüngerin auch Maria aus Magdala gehört. Interessant ist die Figur des Matthäus, der – mit einem heutigen Begriff würde man sagen – als neurodivergent gezeichnet wird – ein Nerd, der durch seinen Beruf als Zöllner sozial ausgegrenzt wird, weil er Steuern für die Römer eintreibt.
Die Bibelfilme Hollywoods waren weitgehend naiv, weil sie sich um die Wahrheitsfrage nicht kümmerten. Sollte jemand wegen „Ben Hur“ fromm geworden sein, war das Nebensache – was zählte, waren die Einspielergebnisse als „return on investments“ in neue Techniken wie das Breitwandformat Cinemascope oder das Farbsystem Technicolor. Damals kam eine jahrhundertelange Entfaltung der kargen biblischen Quellen zu einem Höhepunkt. Von Jesus ist kein Porträt und keine Büste überliefert, stattdessen arbeiteten sich spätere Kirchenbauer, Maler und schließlich Filmemacher an Bildern von ihm ab – in einer Tradition, die schließlich wesentlich zu der Befreiung der modernen Künste beitrug. Hans Beltings „Bild und Kult“ ist dazu das faszinierende Standardwerk.
Im Dienst der Bekräftigung des Mythos
In dem neueren Bibel-Realismus aber ist der Realismus der Darstellungsmöglichkeiten nicht mehr naiv, sondern ausdrücklich apologetisch. Man könnte beinahe zuspitzen: In dem Maß, in dem bei Filmen und Serien heute technisch eine geradezu göttliche Allmacht herrscht, wird diese wieder stärker in den Dienst der Bekräftigung des Mythos gestellt. Es ist kein Zufall, dass „The Chosen“ ursprünglich von einem von Mormonen geleiteten Studio durch Spenden finanziert wurde und auch kostenlos im Internet läuft. Showrunner Dallas Jenkins ist ein bekennender evangelikaler Christ und erzählt gerne die rührende Erleuchtungslegende, wie ihm Gott persönlich beim Rasenmähen eines Tages den Auftrag gab, christliche Filme zu machen.
In dem Film „Mary“ (2024, Netflix), einer Biographie der Gottesmutter, erscheint schon ihrem Vater der Engel Gabriel, naturgemäß in der Wüste. Er verschwindet anschließend mit einem einfachen digitalen Trick, der damit zu einem „Wunder“ auf zwei Ebenen wird. Vergleichbar ist in „Testament“ die Begegnung von Moses mit Gott in dem brennenden Dornbusch – das rätselhafte Bild, das in der Bibel wie eine geniale Umschreibung der Unerreichbarkeit des göttlichen Gegenübers verstehbar wird, ist für den dokudramatischen Zugriff des Dreiteilers einfach ein Spezialeffekt. Noch dramatischer wird es dadurch, dass im Abspann ausdrücklich der Name des Schauspielers genannt wird, der Gottes Stimme spricht. Wenn man sich vor Augen hält, welche Anstrengung die jüdische Religion unternimmt, um Gott nicht zu nahe treten (etwa durch Nennung seines Namens), ist die Rolle dieses Clarke Peters eigentlich fast frevelhaft – jedenfalls eine Profanierung.
Jede Leerstelle der Bibel wird gefüllt
Das Christentum hatte auch deswegen so großen Erfolg, weil es sich in den vielen Bilderstreiten, die seine Geschichte prägten, fast immer auf die Seite der Bilderlust schlug. Mit den Streamingplattformen ist diese Lust nun epochal geworden. Gerade „The Chosen“ ist eine lange Ausschmückung, mit der jede Leerstelle der biblischen Texte gefüllt wird, als wäre Jesus selbst mit den Wundern vom reichen Fischfang oder der Brotvermehrung das Vorbild. Mit der fünften Staffel hat die Serie zwar längst Jerusalem erreicht, steht nun aber erst vor der Schwelle zu der eigentlichen Passion – diese soll im Lauf des Jahres in einer sechsten Staffel auf Amazon veröffentlicht werden. Für 2027 ist dann ein abschließender Film über die Auferstehung geplant. Man kann davon ausgehen, dass dann, in den Begriffen Beltings, das Bild endgültig mit dem Kult zusammenfallen soll.
Die Erscheinungen, die am Ostersonntag zu einer ersten Regung der späteren christlichen Kirche führten, werden heute von Forschern als Halluzinationen gedeutet, während Gläubige Wert darauf legen, dass Jesus mit einem neuen Leib in die Welt trat. Wenn in „The Chosen“ nun der Schauspieler Jonathan Roumie den Messias verkörpert, sollte das allein schon eine Verirrung darstellen, denn der Messias kann allenfalls real, sicher aber nicht als Fiktion „kommen“.
Von diesen Widersprüchen hatte Hollywood noch einen anderen Begriff, denn damals galt eher das Kino als Erfüllung der Hoffnungen der Bibel – ein Medium, das sich selbst wie ein Wunder gab. Jüngerer Bibelcontent aber fügt sich wieder in die Funktion der Illustration eines heiligen Geschehens, illustriert allerdings mit dem fundamentalistischen Selbstbewusstsein, dass Religion der Bilderlust einer digitalen Unendlichkeit noch ihre letzten Geheimnisse preisgeben muss.
Source: faz.net