Jerry Lewis‘ gescheiterter KZ-Spielfilm wird solange bis heute unter Verschluss gehalten

Das Projekt galt von Anfang an als sehr gewagt, und am Ende geriet es zum Desaster: 1972 inszenierte Comedy-Star Jerry Lewis einen Film, in dem er einen Clown im NS-Konzentrationslager spielte. Doch fast niemand durfte das gedrehte Material jemals sehen.

Als sich 1972 herumsprach, was US-Komiker Jerry Lewis als sein nächstes Projekt auserkoren hatte, reichten die Reaktionen von skeptischem Stirnrunzeln bis zu blankem Entsetzen. Denn gut zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte Lewis einen Spielfilm mit ihm selbst in der Hauptrolle inszenieren, in dem ein Clown die Kinder in einem Nazi-Konzentrationslager zu den Gaskammern begleitet.

Zwar war Lewis zu diesem Zeitpunkt ein seit Jahrzehnten weltweit bekannter und geachteter Entertainer und Filmstar. Doch sein Metier waren überdrehte Komödien voller Slapstick und Grimassen. Als herrlich alberner Komiker war Lewis ein echtes Genie – aber war er der Richtige, um als erster US-Regisseur einen mehr als heiklen Spielfilm über den Holocaust zu wagen, um dabei das schlimmste Verbrechen der Menschheitsgeschichte mit Tragikomik zu verbinden?

Auch Lewis selbst war skeptisch, als Produzent Nat Wachsberger ihm das Projekt anbot. Zuerst lehnte er ab, um dann doch zuzusagen, allerdings stets besorgt, ob er der Aufgabe gewachsen war. Um sich vorzubereiten, besuchte der Jude Lewis, geboren als Joseph Levitch, die Überreste der Konzentrationslager Dachau und Auschwitz, was ihn sehr bewegte. Mit einer strikten Diät nahm er viele Kilos ab, um die ausgemergelte Hauptfigur spielen zu können.

Von Anfang an schienen die Dreharbeiten, die 1972 in Schweden stattfanden, unter keinem guten Stern zu stehen. Neben logistischen Problemen war es vor allem Produzent Wachsberger, der das Projekt in Schieflage brachte: Obwohl er versprochen hatte, die Finanzierung des Films sei gesichert, blieben seine Zahlungen aus, sodass Lewis den Dreh weitgehend aus eigener Tasche bezahlen musste. Und schließlich kam heraus, dass Wachsberger es versäumt hatte, bei der Autorin Joan O’Brien, auf deren Ideen das Drehbuch beruhte, gegen Geld die Rechte an dem Stoff zu verlängern. Als O’Brien das gedrehte Material begutachtete, bewertete sie es als Desaster und verweigerte eine erneute Rechtefreigabe.

Und Lewis, der nach Beendigung der Dreharbeiten mit dem Rohschnitt des Films im Gepäck nach Los Angeles zurückgekehrt war, um dort den Film zu vollenden, schloss sich bald ihrer Meinung an. Zwar sagte er noch Anfang 1973, der Film werde im Mai desselben Jahres seine Premiere beim Filmfestival in Cannes haben. Doch dann ließ er verlauten, „The Day the Clown Cried“ werde niemals in die Kinos kommen.

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In den Jahrzehnten darauf wurde der „verschollene“ Film unter Cineasten und Journalisten zu einem Mythos. Immer wieder wurde Lewis auf das gescheiterte Projekt angesprochen, doch er reagierte stets wortkarg bis unwirsch, brach einige Interviews ab, wenn die Sprache auf den Fehlschlag kam, der ihn tief verletzt und in Depressionen gestürzt hatte.

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Erst im neuen Jahrtausend und in hohem Alter sprach Lewis ausführlicher über das Trauma, unter anderem 2016 in dem NDR-Dokumentarfilm „Der Clown“ von Eric Friedler. Er habe als Drehbuchautor, Regisseur, Star und Produzent versagt, sagte Lewis, er sei gescheitert.

„Ich bin bestimmt zwanzigmal während der Dreharbeiten zusammengebrochen, es ging mir einfach so nahe, dass ‚comedy‘ unmöglich wurde. Irgendwo ist die Komik, selbst wenn man 65 Kinder ins Gas führt. Aber mir entglitt die eigentliche Idee des Films“, sagte Lewis. „Jeden Morgen wachte ich mit schwerem Herzen auf. Man muss glücklich sein, um komisch sein zu können.“

Claude Lanzmann, der 1985 bei dem Holocaust-Dokumentarfilm „Shoah“ Regie führte, sagte in Friedlers Doku: „Jerry Lewis ist intelligent. Er sah rechtzeitig, dass er mit seinem Film falsch lag. Er hatte vermutlich die Gefahren unterschätzt. Moralisch gesehen traf er die einzig richtige Entscheidung.“ Lewis stimmte dem zu: „Ich habe die Gefahr unterschätzt und war verwirrt – ich habe es einfach nicht geschafft.“

2017 starb Lewis im Alter von 91 Jahren, zuvor verfügte er, dass „The Day the Clown Cried“ auch nach seinem Tod nie im Kino gezeigt werden darf (was aufgrund der fehlenden Rechte ohnehin nicht möglich ist). Abgesehen von einigen Fotos und Ausschnitten sowie einigen Materialien, darunter Produktionsunterlagen und Behind-the-Scenes-Aufnahmen, die Lewis‘ Sohn Chris 2020 der Deutschen Kinemathek übergab, wird die breite Öffentlichkeit sich also absehbar kein eigenes Urteil über den berühmt-berüchtigten Film bilden können.

Neben den künstlerischen und organisatorischen Problemen war Lewis mit seinem Film wohl auch einfach seiner Zeit voraus. Erst Jahrzehnte später näherte sich der italienische Komiker und Filmemacher Roberto Benigni 1997 mit „Das Leben ist schön“ dem Grauen des Holocausts mit den Mitteln der Tragikomödie an. In der NDR-Doku sagte Lewis dazu: „Benigni hat mir die Idee gestohlen, aber er hat es gut gemacht. Er handelte nicht anständig, aber es ist ein wunderbarer Film, und er ist ein sehr, sehr guter Komiker.“

Laut Benigni basierte sein Film jedoch auf den Erlebnissen seines Vaters Luigi, der im KZ Bergen-Belsen inhaftiert gewesen war, und auf den Erinnerungen weiterer Holocaust-Überlebender. „Das Leben ist schön“ wurde ein großer Publikumserfolg und unter anderem mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet.

Zu den Themenschwerpunkten von Martin Klemrath bei WELTGeschichte zählen die Geschichte der USA, Technikgeschichte, Zeitgeschichte und Kulturgeschichte – inklusive Kinogeschichte(n), etwa die drei 3D-Wellen.

Source: welt.de